Bahnsachverständiger sagt aus

Versuchter Mord? Züge sollten entgleisen - Gutachter widerspricht

Bahnstrecke bei Schwalmstadt Treysa.
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Die Angeklagten sollen auf Gleisen Gegenstände wie Sitzbänke, Holzstämme und Betonplatten platziert haben.

Wollten drei Männer aus dem Schwalm-Eder-Kreis einen Zug entgleisen lassen, um Menschen zu töten? Das sagt das Gericht in Marburg dazu.

Schwalm-Eder/Marburg – Nach den jüngsten Vernehmungen im Landgerichts-Prozess um gemeinschaftlichen versuchten Mord scheint dieser schwerwiegende Delikt, den die Marburger Staatsanwaltschaft den drei Angeklagten aus der Schwalm vorwirft, auf sehr wackeligen Beinen zu stehen.

Es geht nach wie vor darum, dass die 51-, 30- und 27-jährigen Männer in sieben Fällen schwere Gegenstände auf Bahngleise gelegt haben sollen und weiter 14 verschiedene Hütten abgebrannt haben sollen (HNA berichtete). Nun sprach der Bahnsachverständige über sein Gutachten.

Gutachter: In den meisten Fällen Keine Gefahr für Bahnverkehr

Das Ergebnis, nachdem sich das Gericht daraufhin zur Beratung zurückzog: Das Gericht geht bei den Bahndelikten nicht von einer Tötungsabsicht aus. Warum? Nach den Aussagen des Experten seien die auf den Schienen platzierten Gegenstände – Sitzbänke, Holzstämme, Betonplatten – nicht schwer und massiv genug gewesen, dass sie durch Entgleisungen Menschenleben hätten gefährden können. Die Holzteile seien zu leicht gewesen, die Betonplatten, die die Angeklagten demnach aus der Abdeckung von Kabelschächten neben Gleisen entnommen hätten, seien bei der Kollision zerbröselt. Im Grunde bestand bei den Fällen kein Risiko – lediglich zwei der Fälle sahen kritischer aus. Bei diesen beiden Fällen ging es um Sitzbänke, in denen auch Rundhölzer aus Fichtenholz verarbeitet gewesen seien.

Prozess: Einem Angeklagten droht Sicherungsverwahrung

Wie aus den Ausführungen des Gutachters hervorgeht, hätte man mit Willen und dem nötigen Know-How diese Rundholz-Bänke so verkanten können, dass es kritischer hätte ausgehen können. Aber: Die drei Angeklagten hätten die Gegenstände eher wahllos auf den Gleisen platziert. Ein Fall des Eingriffs in den Bahnverkehr fiel – nach der Geodaten-Auswertung von Mobiltelefonen – sogar weg. Für den 51-jährigen Angeklagten droht in diesem Prozess die Anordnung einer Sicherungsverwahrung. Und, wie das Gericht verdeutlichte, bleibt das auch, selbst, wenn am Ende nicht „versuchter Mord“ im Urteil stünde. Ein Grund dafür ist sein Vorstrafenregister: Wegen Brandstiftungen war er schon einmal für eine Haftstrafe von acht Jahren verurteilt worden.

Im Lauf des weiteren Verhandlungstags sprachen die Verfahrensbeteiligten auch über einen Beschluss des Bundesgerichtshof (BGH) aus dem vergangenen Jahr. Wie Sascha Marks, Verteidiger des 30-jährigen Schwalmstädters, der HNA erklärt, betont dieser Beschluss grob gesagt, dass „nur daneben stehen“ bei einer Tat noch keine Straftat sei. Das kann deshalb für das Verfahren wichtig sein, weil sowohl bei den Bahndelikten als auch bei den schweren Brandstiftungen nach bisheriger Beweislage nicht alle immer aktive Tatbeiträge geleistet haben – mal blieb einer im Auto, mal stand einer rauchend daneben. Nun sieht es so aus, dass einige Fälle – zwei sind für 21 Taten angeklagt, der 27-Jährige ist für 13 Taten angeklagt – wegfallen könnten.

Prozess: Eingriff in den Bahnverkehr und Brandstiftung

Aber, wie Marks weiter in seinem Statement ausführt: Abgesehen von dem 51-Jährigen, für den es ja um Sicherungsverwahrung geht, drohen seinem 30-jährigen Mandanten und dem 27-jährigen Mitangeklagten dennoch „langjährige Haftstrafen“, vielleicht sogar zweistellige: Gründe sind die Vielzahl der Taten, die Eingriffe in den Schienenverkehr und generell habe auch schwere Brandstiftung ein hohes Strafmaß. (Beatrix Achinger)

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