Lischeider stellt historisches Fotobuch von Kurt Hielscher nach

Elf Jahre mit der Kamera durch Deutschland

+
Wolfgang Henkel aus Lischeid hat das 1923/24 enstandene Deutschland-Fotobuch von Kurt Hielscher nachgestellt. Er ist dazu 100 Jahre später an die selben Orte gefahren. Das Projekt nahm rund 11 Jahre in Anspruch.

Die Bilder in dem Fotobuch von Wolfgang Henkel sind faszinierend.

Gemeinsam mit Peter Schubert fotografierte der Lischeider an denselben Orten wie vor rund 100 Jahren der Lehrer, Fotograf und Reisende Kurt Hielscher. So gelang es Henkel und Schubert auf 350 Seiten, zwei Augenblicke eines Ortes festzuhalten. Elf Jahre investierte der leidenschaftliche Hobbyfotograf Henkel in das auch aus zeitgeschichtlicher Perspektive spannende Projekt.

Wolfgang Henkel fotografierte mit Peter Schubert die Hielscher-Motive. Während Hielscher eine Zeiss-Blattkamera nutzte, griff Henkel auf moderne Technik zurück.

Reise durch Deutschland für Fotobuch

Die Idee zu dem Fotobuch sei ihm 2007 gekommen, so der 58-Jährige. Für eine Reise durch Deutschland habe er im Internet nach Anregungen gesucht und sei dabei auf eine Seite mit den historischen Aufnahmen von Kurt Hielscher gestoßen. Unter den Fotos waren auch Bilder aus der Region. Auf seiner Deutschlandreise machte Hielscher Anfang der 1920er Jahre auch Station in Kassel, Fritzlar und Marburg. Besonders die Aufnahme vom Marburger Schloss habe ihm ein Rätsel aufgegeben, erinnert sich der Informatiker: „Von wo war es aufgenommen worden.“

In seiner Zeit war Kurt Hielscher ein bekannter Fotograf.

Er habe dann recherchiert und dabei habe sich herausgestellt, dass es vom Kirchturm der Lutherischen Pfarrkirche unterhalb des Schlosses aus fotografiert worden sein muss, so der Lischeider: „Nach einigen Versuchen durfte ich den Turm besteigen und fand dort eine kleine Luke vor, die heute mit engmaschigen Vogelgitter bespannt ist. Durch dieses Gitter entstand mein erstes Hielscher-Foto.“

Auf den Spuren von Kurt Hielscher

Der Ehrgeiz des 58-Jährigen war geweckt und in den kommenden Jahren folgte er den Spuren Kurt Hielschers von Nord nach Süd und von West nach Ost quer durch Deutschland. Nur im ehemaligen Pommern und Schlesien sei er nicht gewesen, erzählt der Lischeider. Immer dabei ein rund 100 Jahre alter Fotoband von Hielscher. Anhand der alten Aufnahmen habe er dann vor Ort den richtigen Standort für seine Fotoaufnahme gesucht, sagt Henkel und fügt schmunzelnd an: „So mancher Bauer hat gedacht, ich wäre vom Katasteramt.“

Fotos nicht alle aus Originalperspektive

Auch wenn Henkel den Ehrgeiz hatte immer genau dort zu stehen, wo sein historisches Vorbild fotografierte, war es ihm nicht immer möglich die richtige Perspektive einzunehmen. „Das lag daran, dass es heute nur selten möglich ist, genau die gleiche Position einzunehmen – mal war wie in Marburg ein Baum im Weg, mal stand eine Mülltonne im Vordergrund“, sagt der Lischeider. Bei den Weg in Gärten, Hinterhöfe und Häuser entpuppte sich ein alter Hielscher-Buch oft als Türöffner. Nicht nur das Fotobuch von Hielscher war auf den Reisen dabei, auch Henkels Ehefrau begleitete ihren Mann quer durch Deutschland. 

Lieblingsort Burg Eltz

Wolfgang Henkel fotografierte mit Peter Schubert die Hielscher-Motive. Während Hielscher eine Zeiss-Blattkamera nutzte, griff Henkel auf moderne Technik zurück.

Seine Frau habe dafür gesorgt, dass er sich nicht neben dem Motiv auch andere Dinge an den Orten angesehen haben, erzählt der Lischeider schmunzelnd: „Unser Lieblingsort unter all den vielen schönen Plätzen in Deutschland ist die Burg Eltz – sie liegt traumhaft schön und einsam auf einem Felssporn in einer Flussschleife der Eltz mitten im Wald. Sie ist die einzige Burg, die ich kenne, zu der man bergab gehen muss, um sie zu erreichen“. Gefragt, ob er sich noch einmal an ein solches Vorhaben heranwagen würde, muss Wolfgang Henkel nur kurz nachdenken: „Ja, ich würde das Projekt noch mal machen, denn ich möchte nichts von dem Gesehenen, dem Erlebten und die Menschen, die ich kennengelernt habe, missen.“ Er habe unterschätzt, dass es so lange dauern würde, sagt der 58-Jährige. „Ich bin froh, dass ich an die Sache so unbedarft rangegangen bin.

Auch in Fritzlar fand Kurt Hielscher für sein Fotobuch über Deutschland mit dem Turm der Stadtmauer ein Motiv. Im Gegensatz zu anderen Städten in Hielschers Buch scheint hier die Zeit stehen geblieben zu sein. Wolfgang Henkels Aufnahme ähnelt der historischen Vorlage in vielen Details.

Fotograf und Reisender

Kurt Hielscher wurde am 7. Januar 1881 in Striegau Schlesien geboren. Er war Lehrer und entdeckte dabei seine Leidenschaft für das Reisen und die Fotografie. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte zur Folge, dass Hielescher in Spanien festsaß. Er nutzte die Zeit, um das Land zu durchwandern und zu dokumentieren. Dabei entstand sein erstes Fotobuch. Es folgten neun weitere Bücher über europäische Länder und das 1924 erschienene Fotobuch Deutschland, Baukunst und Landschaft. Der Band verkaufte sich 150 000 Mal. Die Auflage aller Hielscher-Fotobücher beläuft sich laut Henkel/Schubert auf rund 490 000 Bände. Im zweiten Weltkrieg gingen die Negative und Druckplatten von Hielschers Bildern verloren, viele Bücher verbrannten. Kurt Hielscher starb am 10. Juli 1948 im Ort Lichtenstein im heutigen Sachsen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.