Neue Ansätze bei Ferkelkastration

Forschung für Ferkel in Gilserberg

+
Tochter und Vater gemeinsam im Schweinestall: Anna-Sophie (12) und Dr. Andreas Schaal (52) aus Sebbeterode mit zweien ihrer Ferkel.

Laut Deutschem Tierschutzbund werden in Deutschland jährlich rund 20 Millionen männliche Ferkel betäubungslos kastriert.

Das soll durch die neue Gesetzgebung ab 2021 ein Ende haben. Auf dem Biobetrieb Schaal in Gilserberg-Sebbeterode ist die Ferkelkastration unter Narkose bereits seit zwei Jahren Alltag. 

Der promovierte Landwirt Andreas Schaal nimmt mit seinem Biohof als einziger hessischer Betrieb an einem Feldversuch des Forschungsinstitutes für Ökologischen Landbau Frankfurt teil, bei dem die verschiedenen Narkosemethoden untersucht und ausgewertet werden. Dabei arbeitet er mit Landtierarzt Uwe Scharf (Schwalmstadt) zusammen. 

Das Gesetz fordert künftig völlige Schmerzausschaltung bei der Ferkelkastration in allen Betrieben, doch was in der Theorie dem Tierschutz dienen soll, lässt sich in der Praxis gegenwärtig noch nicht problemlos umsetzen. „Wir kastrieren jährlich um die 700 Ferkel. 

Eingriff muss schmerzfrei sein

Diesen Eingriff müssen wir als Biolandwirte bereits seit zwei Jahren schmerzfrei durchführen“, sagt Schaal. Zunächst habe man die Narkose mit einer Spritze getestet, doch habe sich dies als zu aufwendig und teuer erwiesen. 

Seit Ende 2018 werden die Ferkel auf seinem Hof nun mit dem Gas Isofluran behandelt. Zuvor wird den Ferkeln das Schmerzmittel Metacam gespritzt, dann werden sie in das Narkosegerät geklemmt und mit dem Gas betäubt. So fixiert erfolgt der Eingriff, die Kastration. Bislang versieht das alles der Tierarzt, irgendwann soll diese Methode eigenständig von Landwirten angewendet werden können. 

Tierarzt noch nicht überzeugt

Die Frage nach der besten Lösung ist für Praktiker zum jetzigen Zeitpunkt allerdings nochnicht geklärt: „Die Methoden sind alle nicht ausgereift. Die Spritze vorab ist wie eine Ibuprofen vor einer Wurzelbehandlung. Außerdem ist Isofluran schädlich für Mensch, Tier und Umwelt“, sagt Tierarzt Scharf. 

Außerdem schalte das Gas den Schmerz nicht komplett aus, vielmehr immobilisiere es die Tiere. Eine Vollnarkose sei das also nicht, kritisiert Scharf. Auch die Landwirtfamilie Schaal ist nicht vollends überzeugt.

Tiermedizinische Versuchsreihe mit Problemen 

Die Abschaffung der narkosefreien Ferkelkastration ist unumstößlich. Noch bis Ende des Jahres haben Landwirte, Tierärzte, Forscher und Politiker noch Zeit, eine praktibale Lösung für die Betäubung der Ferkel zu finden. Denn aktuelle Versuche zeigen, dass sowohl die Narkose mit Spritze als auch die Narkose mit Gas noch nicht genügend ausgereift sind für den alltäglichen Gebrauch. So ist beispielsweise das Narkosegas Isofluran schädlich für Mensch und Tier

In diesem Gerät werden die Ferkel narkotisiert und kastriert. Noch gibt es viele Probleme mit dem Prototypen.

Neue Ansätze bei der Ferkelkastration

Bei derFerkelkastration gilt es einen Weg zu finden, der einerseits tierschutzrechtlich unbedenklich, andererseits in der Praxis von den Schweinebauern umsetzbar ist. Feldstudien zeigen derzeit noch Mängel an Maschinen, zu hohe Kosten und unpraktikable Methoden auf, an denen es bis Jahresende zu arbeiten gilt.

Hohe Kosten für Landwirte ein Problem

„Ich hoffe darauf, dass es ein unsetzbares Konzept geben wird, das Landwirte eigenständig durchführen können und das vor allem finanziell umsetzbar ist“, sagt Biohof-Betreiber Dr. Andreas Schaal (Gilserberg). 

Man dürfe nicht vergessen, dass viele vor allem kleinere Betriebe sich teure Geräte oder zusätzliche Tierarztkosten schlichtweg nicht leisten könnten. Diese Höfe stünden dann vor dem Aus, das könne nicht gewollt sein. Das dürfe die Politik bei ihren Entscheidungen keinesfalls vergessen.

Verband vermisst Unterstützung

Stefan Strube, Geschäftsführer des Regionalbauernverbandes Kurhessen (RBV), äußert sich kritisch und vermisst ausreichende Unterstützung aus der Politik. Die Reform sei beschlossen worden, ohne dass es eine praktikable Alternative gebe. „Grundsätzlich spricht sich der RBV nicht gegen die narkotisierte Kastration aus“, doch müsse ein Verfahren her, das für alle Parteien zufriedenstellend sei. 

Stefan Strube Bauernverband Kurhessen

Aus Sicht des RBV ist die Lokalanästhesie mit begleitender Schmerzmittelgabe die beste Lösung. Diese sei derzeit in Deutschland allerdings nicht erlaubt, da die zugelassenen Mittel den Schmerz nur lokal betäuben und nicht vollkommen ausschalten. Mit ausreichender Forschung und Schulungen sei dies eine Methode, die Landwirte kostengünstig selbst durchführen könnten, so Strube.

Narkosemittel und die Frage der Kosten

FRAGEN UND ANTWORTEN Politik muss beim Tierschutz schnell handeln

Mit einem Feldversuch soll herausgefunden werden, welches Verfahren optimale Ergebnisse bei der Kastration von Ferkeln bringt. Dabei werden neben den Kosten und der praktischen Anwendung auch die Auswirkungen auf den Anwender untersucht.

Was kostet ein Narkosegerät? 

Die Narkosegeräte, die derzeit alle noch Prototypen sind, kosten zwischen 10 000 und 12000 Euro, 30Prozent des Anschaffungspreises sollen zukünftig durch öffentliche Fördergelder bezuschusst werden. Laufende Kosten wie Narkosegas oder auch Reparaturarbeiten zahlt jeder Betrieb selbst.

Was untersucht der Feldversuch? 

Christian Lambertz vom Forschungsinstitut für ökologischen Landbau in Frankfurt leitet den Feldversuch „Praxisgerechte Ferkelkastration unter Betäubung und postoperativer Schmerzbehandlung in der ökologischen Ferkelerzeugung“. Lambertz verweist auf die bisherigen Ergebnisse der Studie. Diese belegten, dass es derzeit kein optimales Verfahren gebe. Vor allem herrschten bei der Isofluran-Narkose gesundheitliche Bedenken für die Anwender, denn mit dem aktuellen Prototypen des Narkosegerätes werde der zumutbare Wert des Gases für den Anwender deutlich überschritten. Neben dem Tierwohl müssten aber auch die Arbeitssicherheit und der Gesundheitsschutz gewährleistet sein. So klage rund die Hälfte der Anwender über Kopfschmerzen in Verbindung mit Unwohlsein oder Schwindel infolge der Anwendung des Gases.

Was sagt der Tierarzt? 

Veterinär Uwe Scharf macht klar, dass seine Teilnahme an dem Feldversuch lediglich ein Gefallen für die Familie Schaal sei. Langfristig wolle er nicht mit dem Gas Isofloran arbeiten, die Bedenken seien zu groß. Unzählige Jahre seien männlichen Ferkel von den Bauern selbst in ihren ersten drei Lebenstagen kastriert worden, ganz ohne Betäubung: „Das ist eine Sache von circa 30 Sekunden, wenn der Eingriff fachgerecht durchgeführt wird“, sagt der Tierarzt. Wissenschaftliche Versuche hätten gezeigt, dass bereits das Hochheben der Ferkel für die Tiere mehr Stress bedeute, als der kurze Eingriff ohne Narkose. Er verstehe, dass beim Thema Tierschutz seitens der Politik schnell gehandelt werden müsse, doch werde die Diskussion in den Medien viel zu emotional geführt, findet Scharf: „Die Tierärzteschaft hätte vorab an die Öffentlichkeit treten müssen, um die Verbraucher aufzuklären.“ Die kurzfristige Einführung der Narkosemethoden sei nicht ausreichend durchdacht.

Methoden der Ferkelkastration im Überblick 

Eine einheitliche Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration gibt es bislang nicht. Aktuell befindet sich die Narkose durch Injektion oder Gas in der Testphase, ebenso eine hormonelle Impfung. Alternativ kann man komplett auf die Kastration verzichten und die Schweine in Ebermast halten, hat dann aber die Gefahr des Ebergeruchs beim Endprodukt. Die vierte Methode der Lokalanästhesie ist aus Tierschutzsicht keine Option, da die Betäubung ungenügend ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.