Thomas Gunkel schätzt einige Autoren sehr

Meister der englischen Texte: Gilserberger übersetzt Literatur

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Thomas Gunkel mit seiner jüngsten Arbeit: Die Altruisten von Andrew Ridker. Der Roman im Penguin-Verlag wird als Sensationsdebüt gehandelt, rechts Renate Schellenberger vom Buchladen Hexenturm.

Es gibt Autoren, mit denen würde Thomas Gunkel nie wieder zusammenarbeiten, andere schätzt der Gilserberger auch persönlich sehr. Gunkel übersetzt englischsprachige Literatur.

In den frühen Neunzigern fing er bei einem kleinen Marburger Verlag an, „ich stolperte da rein“. Heute fast 30 Jahre später, hat der freischaffende Gilserberger einen hervorragenden Namen bei renommierten Verlagen wie Rowohlt, Luchterhand und Knaus.

Gunkel plauderte aus dem Nähkästchen

Aus seinem Schreibzimmer berichtete Gunkel anlässlich des Internationalen Übersetzer- oder auch Hieronymustages in der Buchhandlung Hexenturm in Treysa. Literaturfreunde erhielten einen verblüffenden Blick auf die Arbeit, erfuhren vom oft enormen Zeitdruck und dem Wandel im Verlags- und Lektoratswesen. 

Wer hätte gedacht, dass die Profi-Übersetzer als Eingeweihte die Buchklappentexte nicht schreiben dürfen. Gunkel plauderte hier und da aus dem Nähkästchen, dass er es mitunter „unterirdisch“ findet, was den Lesern dann an dieser Stelle so serviert wird, „so viele Fehler, grauenhaft“.

Denn das wurde sehr deutlich: Einerlei ist ihm rein gar nichts, was Text und Optik angeht. Hält er die Titelgestaltung für misslungen wie bei Michael Pollans „Verändere dein Bewusstsein“, wurmt ihn das. Verständlich, wenn man bedenkt, wieviel Zeit und Kraft in jede Werkübersetzung fließt. Pollans Buch sei „wunderbar zu übersetzen gewesen und wahnsinnig interessant“.

Batterien leer nach 17 Uhr

Am Schreibtisch sitzt Gunkel tagtäglich vor 8 Uhr, „ich arbeite diszipliniert“. Gegen 17 Uhr sind die Batterien leer. Manchmal muss er lange mit einem Begriff ringen, auch wenn er seine Wörterbücher dank Internetrecherche kaum noch zur Hand nehmen muss, aber pro Auftrag müssen hunderte Seiten bearbeitet und der Originalton herübergeholt werden ins Deutsche. 

Um die 1000 Seiten bewältigt der Gilserberger pro Jahr, alles „mittelschwere bis schwere Texte“. Manche berühmten Autoren können es sich erlauben, auf ihren Stammübersetzer zu bestehen, weil sie ausschließen, dass ein anderer ihre Texte genauso gut versteht. 

Doch es gibt auch Schriftsteller, die meinen, dem Übersetzer ins Handwerk pfuschen zu müsssen, obwohl sie selbst die deutsche Grammatik nicht gut beherrschen. Das Tempo werde immer rasanter. Lag Gunkel früher der original Band vor, bekommt er heute Manuskripte, denn das gebundene Buch existiert oft noch gar nicht. 

Titel aus Australien, Schottland oder USA können das sein. Bei Michael Wolffs „Feuer und Zorn“ über Donald Trumps erstes Amtsjahr war er einer von sieben. Sie arbeiteten parallel, um die zeitgleiche Bucherscheinung auf beiden Seiten des Atlantiks zu ermöglichen. Ähnlich war es bei Paul Auster, „4 3 2 1“. Es musste zu dessen 70. Geburtstag rauskommen, vier Übersetzer saßen gleichzeitig daran.

Nur die Auflagen über 250 000 rentierten sich

Immer mal wieder muss der Übersetzer mit dem Schriftsteller direkt kommunizieren, um die Aufgabe zu lösen. Hinzu kommen jede Menge Abstimmungen mit dem Verlag und dem Lektor. 

Ganz fertig sei man eigentlich nie, „aber irgendwann muss man den Text loslassen“. Dabei folgen noch Hürden, zum Beispiel wenn für den passenden Zeilenumbruch gelängt oder gekürzt werden muss. 

„Hat man ihn mehr als fünfmal gelesen, kann man den Text nicht mehr sehen.“ Spaß macht es Gunkel noch, „aber letztendlich sind wir Selbstausbeuter“. Nur die Auflagen über 250 000 rentierten sich wirklich, einen sehr bescheidenen Verlagsanteil gibt es für den Übersetzer ab 5000 Exemplaren, und das sei auch schon mehr, als sehr viele Titel erzielen. 

Junge werden es sicherlich noch schwerer haben, meint Gunkel, zumal immer weniger gelesen werde. Die Kalkulation gewinne immer stärker die Überhand über den Wert der Literatur, „traurig, aber wahr“.

Termin: Thomas Gunkel las aus „Die Altruisten“ von Andrew Ridker. Ridker ist am 25. Oktober in Göttingen, Literarisches Zentrum, 21 Uhr, er wird übersetzt von Thomas Gunkel.

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