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Stolpersteinverlegung mit Künstler Gunter Demnig in Gilserberg

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Sie luden gemeinsam ein: von links Bettina Range, Dierk Glitzenhirn, Dr. Jochen Führer, Rainer Barth, Norbert Graß, Sigrid Herden und Anja Nordmann.
Sie luden gemeinsam ein: von links Bettina Range, Dierk Glitzenhirn, Dr. Jochen Führer, Rainer Barth, Norbert Graß, Sigrid Herden und Anja Nordmann. © Bernd Lindenthal

70 Menschen wohnten der ersten Stolpersteinverlegung vor dem ehemaligen Haus der Familie Stern in der Bahnhofstraße in Gilserberg bei.

Gilserberg – Bürgermeister Rainer Barth dankte den Akteuren: „Erinnerung soll uns wachhalten, damit Ähnliches nie wieder passieren kann. Die Stolpersteine sind dafür besonders gut geeignet, weil Geschichte nur wirklich erfahrbar werden kann, wenn sie auf einzelne Personen bezogen ist und ortsbezogen vermittelt werden kann.“

Gunter Demnig berichtete, dass er den ersten Stolperstein Ende 1992 in Köln eingegraben habe, inzwischen seien es annähernd 105 000 nicht nur in Deutschland. Diese Art des Gedenkens, das Verbrechen vor die Haustüre zu bringen, mache er vor allem für die jungen Menschen und die Angehörigen als Zeichen, dass die jüdischen Nachbarn nicht vergessen sind. Der Künstler verlegte drei Stolpersteine für die Familie Stern, weitere sollen folgen.

Louis Liebmann Stern, geboren 1879 in Gilserberg, führte das väterliche Geschäft für Kolonial-, Manufaktur- und Eisenwaren fort und betrieb wie die meisten Gilserberger Juden auch etwas Landwirtschaft. 1936 wurde er verhaftet, weil er angeblich das Ansehen der Wehrmacht verunglimpft hatte. In der Haft wurde er schwer misshandelt.

Ida Stern und ihren Söhnen gelang die Flucht

Als gebrochener Mann kehrte er zurück und floh mit seiner Frau Ida, geboren 1885 in Battenberg, und den Kindern Hans und Gunther nach Frankfurt, wo er am 3. November 1938 an den Folgen der Körperverletzungen im Krankenhaus verstarb. Ida Stern gelang mit ihrem Sohn Gunther die weitere Flucht in die USA. Sie starb am 9. Januar 1968 in Los Angeles.

Hans Stern wurde 1923 in Marburg geboren. Er besuchte die Volksschule in Gilserberg, bis ihm dies 1933 aus rassistischen Gründen verboten wurde. Seine Tante in Marburg nahm ihn auf. 1936 kehrte er nach Gilserberg zurück, um dort seine Bar Mitzwa zu feiern. Am 6. Juni 1939 konnte er über einen Kindertransport nach Liverpool das Land verlassen.

Von dort siedelte er im 1940 in die USA über, wurde Soldat und kam so gegen Ende des Krieges in seine alte Heimat. In Gilserberg wurde John Stern, wie er sich nun nannte, von alten Bekannten, die ihn vor zehn Jahren noch gedemütigt hatten, mit schlechtem Gewissen freudig begrüßt. Er starb am 19. Dezember 2018 in den USA.

Gedenkstein soll ein Zeichen der Mahnung und Verpflichtung sein

Auch der Platz vor der früheren Synagoge ist nun ein Ort des Erinnerns. Das Gebäude hatte der Vater von Louis Liebmann Stern erworben und der Gemeinde als Gotteshaus mit Schulraum überlassen, die es am 12. Januar 1898 feierlich einweihte. Das Haus wurde während des Novemberpogroms durch den Einsatz des Bürgermeisters nicht zerstört und nach dem Krieg als Gemeindekindergarten und Apotheke genutzt.

Die Initiative für die Gedenktafel und die Stolpersteine ging 2019 von der SPD-Fraktion aus, alle Fraktionen stimmten zu. Ortsvorsteherin Anja Nordmann sagte, der Gedenkstein sei ein Zeichen der Mahnung, aber auch der Verpflichtung für heute. Pfarrer Norbert Graß und Jugendpflegerin Bettina Range sprachen ein Gebet. Pfarrer Dierk Glitzenhirn moderierte die Veranstaltung.

Das Einzige, was bisher an die jüdische Gemeinde in Gilserberg erinnert hatte, waren die Namen von Felix Stahl und seinem Cousin Felix Isenberg, die im Ersten Weltkrieg beide den „Heldentod fürs Vaterland“ gestorben waren, auf einem Gedenkstein.

Die frühere Synagoge: das dritte Haus auf der rechten Seite.
Die frühere Synagoge: das dritte Haus auf der rechten Seite. © Bernd Lindenthal

Gilserberg verfügte über eine Synagoge, eine Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof

Dr. Jochen Führer vom Arbeitskreis Heimatgeschichte gab auf der Grundlage der Ausarbeitungen von Bernd Raubert (siehe Heimatvertriebene Nachbarn Band 2, 1993) einen Überblick über Werden und Untergang der jüdischen Gemeinde Gilserberg. Nach der staatsbürgerlichen Gleichstellung von 1871 fielen Beschränkungen für Juden weg.

In Gilserberg erlebte die Gemeinde 1895 mit 71 Personen (15 Prozent der Bevölkerung) ihren Höhepunkt. Als Gegenbewegung entstand der parteipolitische Antisemitismus mit Fraktionsstärke im Reichstag. Im 20. Jahrhundert verfügte die Gemeinde über eine Synagoge, eine Schule, ein rituelles Bad und seit 1924/25 auch über einen Friedhof. Weil viele Juden in größere Städte zogen und die dortigen Möglichkeiten nutzten, schrumpfte die Gemeinde und die Schule musste, wie in Treysa, nach dem Ersten Weltkrieg aufgegeben werden.

Aus Nachbarn wurden „Volksfeinde“

Bei den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 erzielte die NSDAP 18,3 Prozent im Reich, 40,8 Prozent im Kreis Ziegenhain und 35,9 Prozent in Gilserberg, wo sie ihren Stimmenanteil bei der letzten freien Wahl vom 6. November 1932 auf 67,2 Prozent steigern konnte.

Der Exodus der jüdischen Bürger begann, Entrechtung und Vernichtung setzten ein. Mindestens elf Menschen aus Gilserberg haben den Holocaust nicht überlebt. Aus Nachbarn wurden „Volksfeinde“. Dr. Führer: „Indem wir uns öffentlich an die jüdischen Schicksale erinnern, bekunden wir unseren festen Willen, Ausgrenzung, Hass, Intoleranz und Antisemitismus in jeder Form zu widerstehen.“ Er endete mit dem Appell, mit dem auch Marcel Reif seine Rede im Bundestag beschlossen hatte: „Sei ein Mensch!“ (Bernd Lindenthal)

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