Ältestes Haus des Marburger Nordviertels muss den Bauplänen eines Milliardärs weichen

Glas und Stahl statt alter Mauern

Stand bis zum Sommer unter Denkmalschutz: Das Gebäude Rosenstrasse 9 aus der Gründerzeit muss weichen. An gleicher Stelle entsteht ein Informations- und Kongresszentrum. Fotos: Wegst

Marburg. Für Georg Fülberth von der Marburger Linken ist der Abriss des ältesten Hauses im Nordviertel der Universitätsstadt ein Fall von vorauseilendem Gehorsam: „In Marburg regiert das Kapital“, sagt der Stadtverordnete. Das Haus ist nämlich den Bauplänen von Marburgs einzigem Milliardär zum Opfer gefallen.

Doch der Reihe nach: Reinfried Pohl, Gründer der Deutschen Vermögensberatung (DVAG), wichtiger Gewerbesteuerzahler und Marburgs größter Mäzen, plant ein Projekt, mit dem das Gewerbeviertel in der Nähe des Bahnhofs einen völlig neuen Charakter erhalten wird. Der 81-jährige Unternehmer investiert 45 Millionen Euro, um zwei große Glas-Stahl-Bauten zu errichten – einen viergeschossigen, 57 Meter langen Bau als neuen Firmensitz der Holding und ein dreieckiges Kongresszentrum. Dort sollen sich in Zukunft jedes Jahr bis zu 50 000 Vermögensberater weiterbilden.

Mit Ballsaal und Kuppel

Zu dem Zentrum gehört ein Firmenmuseum, ein Ballsaal für 400 Personen, ein Museumscafé und eine Glaskuppel mit einer Spannweite von 27 Metern.

Die meisten Häuser auf dem Areal zwischen dem ebenfalls zur DVAG gehörenden Fünf-Sterne-Hotel Vila Vita und der Bahnhofstraße sind bereits der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Jetzt nagen die Bauarbeiter auch an der Rosenstraße 9. Das dreistöckige Haus aus rotem und beigem Sandstein hat bereits kein Dach mehr.

Ursprünglich hatte der Bauherr der Stadt zugesagt, das Wohngebäude in den Neubau zu integrieren. Doch dann kam der Statiker der DVAG zu dem Schluss, dass das Haus baufälliger als ursprünglich angenommen sei. Zum Kongresszentrum gehört nämlich eine große Tiefgarage, die bis unter das alte Haus reicht. Das Gebäude könnte in die Baugrube stürzen, erläutert der Marburger Bürgermeister Franz Kahle (Grüne). Dass die Statik wirklich so wackelig ist, bezweifelt Claus Schreiner von der Initiativgruppe Marburger Stadtbild. Und auch Fülberth ist sich sicher: „Das ist technisch zu machen. Das ist nur teurer.“

Doch die Stadt wog die Interessen ab. Und kam zu dem Ergebnis, dass die Investitionen im Nordviertel so wichtig sind, dass der Sandsteinbau weichen müsse. „Das ist eine große stadtgestalterische Chance“, erklärt Bürgermeister Kahle. Das Gebäude verschwand von der Denkmalliste. Und selbst Landesdenkmalpfleger Udo Baumann stimmte zu, weil das Bauvolumen wichtiger sei als das alte Haus. Der Abrissantrag wurde genehmigt.

Nun werden nur noch einige Fassadenteile – dazu gehören die Säulen und die Terrakotta-Ornamente aus der Frontseite – in das Congresszentrum integriert. „Das ist nur Fassadentourismus“, sagt Claus Schreiner von der Initiativgruppe: „Manchen Bauherren wird in Marburg alles nachgeschmissen“, schimpft er. Auch Fülberth ist sich sicher: „Man wollte Pohl einen Gefallen tun.“ Dass der Unternehmer dazu überhaupt Druck ausüben musste, glaubt er allerdings nicht: „Das gehorsame Gescherr ist zuweilen schlimmer als der Herr“, meint Fülberth. Schließlich ist Pohl der wichtigste Mäzen der Stadt: Gerade hat er eine Stiftung eingerichtet, die Krebskranken helfen will. Er finanziert eine Professur, eine Forschungsstelle und ein Zentrum für medizinische Lehre. Zudem sorgt für Gewerbesteuern von acht bis zehn Millionen Euro pro Jahr.

Debattiert wird dies nun alles in einem auf Antrag der Linken eingerichteten Akteneinsichtsausschuss. Am 11. Februar wird er erstmals tagen. Am Abriss des alten Hauses ändert das nichts mehr.

Von Gesa Coordes

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