Hebamme Ulrike Messinger aus Treysa hat nach 25 Jahren ihre Praxis geschlossen

Schließt den Koffer nicht komplett: Hebamme Ulrike Messinger hat nach 25 Jahren ihre Praxis in Treysa geschlossen, will aber weiter freiberuflich arbeiten. Foto:  Rose

Treysa. Wenn Ulrike Messinger in der Schwalm unterwegs ist, trifft sie viele Kinder: Ihre Kinder. Und deren Kinder. Viele hat die 62-Jährige beim Start ins Leben begleitet. Denn Ulrike Messinger ist Hebamme, seit 40 Jahren.

Im September 1989 - zum Michaelismarkt - eröffnete die Wahl-Treysaerin, die zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwester in Heidelberg machte und sich dann in Marburg zur Hebamme ausbilden ließ, ihre eigene Praxis. Jetzt, 25 Jahre später, hat sie sie geschlossen. Das sei nicht nur dem Kostendruck geschuldet, der sich für freiberufliche Hebammen in den letzten Jahren verschärft habe, sondern auch ein Lebensabschnitt: „Ich möchte woanders noch einmal etwas Neues anfangen. Ich bin fit und gesund und fand für mich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist.“

Der Schritt in die Selbständigkeit sei ihr damals leicht gefallen. „Ich war in Marburg schon freiberuflich tätig - zu einer Zeit, wo das noch gar nicht üblich war.“ Als Hebamme auf dem Land zu arbeiten, habe Vorteile, aber auch Nachteile gehabt: „Als Hebamme ist man sowieso immer im Dienst. Und manchmal habe ich hier meine Privatsphäre ein bisschen vermisst“, erzählt Messinger.

Sehr bereichert habe sie jedoch das selbständige Arbeiten, der enge Kontakt zu den Familien, die Begleitung einer Geburt - vom Anfang bis zum Ende. „In Kliniken endet der Dienst einer angestellten Hebamme irgendwann. Ich habe es genossen, als selbständige Hebamme die komplette Geburt begleiten zu können.“ Durch die Betreuung des Wochenbetts habe sich eine Kontinuität ergeben, die sie als wohltuend empfunden habe. „Der Beruf ist umfangreich: Hebammen müssen nicht nur medizinisches Wissen mitbringen, sondern auch die Bedürfnisse der Frauen erkennen und sich auf deren Lebenssituation einstellen.“

Heute seien die Frauen zwar wesentlich informierter als noch vor zehn Jahren, jedoch auch sorgenvoller. „Die Internetrecherche kann Fluch und Segen sein - je nachdem, wo man sich informiert“, weiß die Hebamme. Aus ihrer Erfahrung könne sie sagen, dass heute Angst permanent im Vordergrund stehe: „Es gibt Phasen, in die denen das Sorgen dazu gehört. Aber ständige Angst und Zweifel beeinflussen den Verlauf der Geburt - weil Frauen weniger Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten haben“, erklärt Messinger. Daraus erkläre sie sich unter anderem den Anstieg der Kaiserschnitte.

Gründe hierfür sehe sie aber auch in der Art der vorgeburtlichen Betreuung. „Hebammen sehen eine Schwangerschaft nicht als medizinischen Zustand, der behandelt werden muss.“ Jede Hebamme sei verpflichtet, die Schwangere bei Unregelmäßigkeiten sofort an einen Arzt oder eine Klinik zu überweisen. Es sei aufgrund der medizinischen Möglichkeiten heute noch nie so sicher gewesen, schwanger zu sein und zu gebären. „Die Möglichkeiten, gesund durch die Geburt zu kommen, haben sich immens gesteigert“, sagt die 62-Jährige. Und trotzdem seien die Ängste größer denn je.

Sie wünsche sich eine stärkere Vernetzung von Hebammen und Ärzten. „Vorsorge muss keine Konkurrenz sein“, ist Messinger überzeugt. In den kommenden Wochen wird die Treysaerin noch mit der Auflösung ihrer Praxis beschäftigt sein. Eine Nachfolgerin hat sie nicht: „Aber ich habe auch nicht aktiv gesucht.“ Sie will weiter als freiberufliche Hebamme arbeiten. Wo sie künftig Kinder beim Start ins Leben begleitet, weiß sie noch nicht. „Das muss noch reifen - so ist das bei Kindern ja auch.“

Von Sandra Rose

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