Hilfe kommt automatisch

E-Call: Neues Notrufsystem im Schwalm-Eder-Kreis noch selten

Über diesen Unfall auf der Bundesstraße 254 bei Frielendorf wurden die Rettungskräfte auch von einem E-Call-Notrufsystem verständigt.
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Über diesen Unfall auf der Bundesstraße 254 bei Frielendorf wurden die Rettungskräfte auch von einem E-Call-Notrufsystem verständigt.

Es ist wohl der Albtraum jedes Autofahrers: Nach einem schweren Unfall auf einer abgelegenen Landstraße bei Nacht kommen keine Helfer, da niemand den Notruf wählt. Gut, wenn man ein modernes Auto mit einem automatischen E-Call-Notruf-System sein Eigen nennt.

Schwalm-Eder. E-Call-Notruf-Systeme müssen seit 2018 bei Neuwagen verpflichtend eingebaut werden. Die Systeme informieren automatisch die Leitstelle und setzten damit die Rettungskette in Gang.

Anfangs gab es bei Rettungskräften die Befürchtung, dass es durch den automatisierten Notruf vermehrt zu Fehlalarmen kommen könnte. Das hat sich bislang nicht bewahrheitet. Eine Mehrbelastung zeichne sich bisher nicht ab, teilt der Schwalm-Eder-Kreis auf Anfrage unserer Zeitung mit. Das liege aber auch daran, dass bisher kaum Fahrzeuge mit dieser Technik unterwegs sind, so ein Landkreissprecher: „Entsprechend der Europäischen Richtlinie 2007/46/EG werden die Autohersteller seit dem 31. März 2018 verpflichtet, alle neuen Modelle – neue Typzulassung, also eine ganz neue Fahrzeugbaureihe auf dem Markt, zum Beispiel der elektrische VW ID3, nicht das sogenannte „Facelift“ vom Golf – mit dem E-Call-System auszustatten.“

Der erste E-Call-Notruf erreichte die Rettungsleitstelle in Homberg am 13. August 2019. Seitdem sind 41 E-Calls eingegangen, so die statistische Auswertung des Fachbereichs 37 (Brand-, Katastrophenschutz und Rettungswesen) zum Jahresende: in bislang sechzehn Monaten im Schnitt zwei bis drei automatisierte Notrufe monatlich. Bei den Tausenden Notrufen bei der Leitstelle pro Jahr seien 41 E-Calls unerheblich – noch.

Am Ende entscheidet noch immer der Mensch

Mit Blick auf tatsächlich ausgelöste Feuerwehr- und Rettungsdiensteinsätze eine vermutlich realistische Einschätzung. Zum Zeitpunkt der HNA-Anfrage waren Feuerwehren kreisweit lediglich zu vier durch das E-Call-Notrufsystem gemeldeten Unfällen ausgerückt. Auch für den Rettungsdienst gibt der Kreis vier Einsätze an. „Der Rest waren Funktionstests durch Werkstätten oder versehentliche Auslösungen von Fahrzeuginsassen“, erklärte der Kreissprecher der HNA.

Im Vergleich dazu gab es allein 2020 im Schwalm-Eder-Kreis zwanzig Einsätze mit dem Stichwort H Klemm 1Y – Hilfeleistungseinsatz mit eingeklemmter Person. Sie gingen in der Masse auf Verkehrsunfälle zurück.

Auch wenn es sich beim E-Call-Notruf um ein automatisiertes System handelt, ist der Mensch immer beteiligt, denn am anderen Ende sitzt der Leitstellendisponent. Das Prozedere ist wie bei jedem anderen Notruf: Abfrage durch die Einsatzbearbeiter, um die fünf W-Fragen beantworten zu können sowie Alarmierung nach dem passenden Einsatzstichwort. Kommt keine Sprachverbindung zum Unfallfahrzeug zustande, werden grundsätzlich Feuerwehr und Rettungsdienst so alarmiert, als sei ein Verkehrsunfall mit eingeklemmter Person gemeldet. Damit die Retter die Situation schon bei der Alarmierung grob einschätzen können, lautet das Einsatzstichwort in diesem Fall H-ECall, also Hilfeleistungseinsatz E-Call.

E-Call-Notruf muss Vorrang haben

Der ADAC sieht durch die E-Call-Notrufe ebenfalls keine Mehrbelastung für Rettungskräfte und befürwortet das System. Kritisch sieht Oliver Reidegeld, Leiter Presse und Öffentlichkeitsarbeit beim ADAC Hessen/Thüringen, hingegen die herstellereignen Notrufeinrichtungen. Es sei den Autobesitzern oft nicht bekannt, dass sie bei diesen Systemen im Falle eines Unfalls nicht bei einer Leitstelle landen, sondern zunächst im Callcenter eines Herstellers. „Dadurch vergeht wertvolle Zeit. Das können schon einmal Minuten sein.“ Daher fordert der ADAC, dass der E-Call-Notuf an die 112 bei allen Fahrzeugen ab Werk immer vorrangig aktiviert ist und der Autobesitzer zwischen Hersteller-Notruf und E-Call jederzeit wählen kann.

Von Matthias Haass

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