Flüchtlingsschicksale bewegten die Zuhörer bei einem Abend im Museum

Hilflos auf dem weiten Meer

Sie flohen aus dem Irak: von links Khalil, Ahmed und Gulnas waren mit zwei weiteren Geschwistern auf dem Weg. Fotos:  Decker

Ziegenhain. Fluchtgeschichten, von Patricia Kaiser-Rickert vorgelesen, ließen beim Publikum im Museum eine kleine Ahnung davon entstehen, was Flüchtlinge, die auch bei uns im Schwalm-Eder-Kreis Schutz suchen, durchgemacht haben.

Zu dem Abend hatte der Verein für Toleranz und Menschen ins Museum der Schwalm eingeladen. Werner Meyreiß informierte die rund 50 Besucher über die politische Situation in Äthiopien und Syrien und erläuterte verschiedene Fluchtrouten. Seine Tochter Alina begleitete den Abend auf dem Flügel.

In der ersten Geschichte berichtete Abdel Malik, wie er als 18-Jähriger nach einer Demonstration in Äthiopien verhaftet wurde. Er habe noch Glück gehabt, denn 70 Demonstranten seien erschossen worden.

Die Zeit im Gefängnis sei schrecklich gewesen. Ihm gelang die Flucht von dort, doch die Polizei habe intensiv nach ihm gefahndet. So floh Abdel Malik über den Sudan und Libyen nach Italien.

Fahrt mit Lkw und Boot

Etappen in diesen vier Monaten waren eine zehntägige Fahrt mit einem Lkw durch die Wüste und eine dreitägige Überfahrt auf einem überfüllten Schlauchboot, immer mit viel zu wenig Essen und Trinken. Er habe unbedingt nach Deutschland gewollt, denn er spiele gern Fußball und habe das Land durch die Weltmeisterschaft kennen gelernt.

Die zweite Flüchtlingsgeschichte handelte von fünf Geschwistern, die als Jesiden (religiöse Minderheit, ursprünglich Irak, Syrien und südöstliche Türkei) aus dem Irak flohen, nachdem ihr Dorf vom IS überfallen wurde.

Mordend seien die Männer durch das Dorf gezogen. Die Familie flüchtete in die Berge. Die Eltern und drei weitere Geschwister seien von ihnen getrennt worden, sodass sie sich zu fünft auf die gefährliche Flucht begaben.

Mitglieder der kurdischen Arbeiterpartei PKK haben ihnen geholfen, in die Türkei zu gelangen. Nach zwei Monaten fanden sie mit 750 anderen Flüchtlingen einen Platz auf einem Boot.

Der Motor des Bootes ging kaputt und sie seien zehn Tage hilflos auf dem Meer getrieben. Datteln und schimmeliges Brot sei ihr einziges Essen gewesen, dazu hätten sie Zuckerwasser getrunken.

In Ungarn im Gefängnis

Nach ihrer Ankunft in Kos seien zwei der Geschwister von der Polizei verhaftet und nach Korinth gebracht worden. Zum Glück hätten sie sich aber wieder gefunden. Mazedonien, Serbien und Ungarn waren die nächsten Etappen.

In Ungarn seien sie in ein Gefängnis gesperrt worden, das sie aber nach der Abgabe ihrer Fingerabdrücke wieder verlassen durften. In einem Auto seien sie schließlich nach München gebracht worden.

Jetzt lernen alle fünf intensiv Deutsch und haben Pläne. Zwei wollen Polizisten werden, einer Dolmetscher, einer Sozialarbeiter, Gulna möchte wieder als Friseurin arbeiten.

Eine gute Nachricht erzählten sie den sichtlich berührten Zuhörern. Ihre Eltern seien jetzt in Österreich und auf dem Weg zu ihnen nach Michelsberg.

Nskwan Darman hatte Bilder, die er in der Michelsberger Werkstatt von Delia Henss gemalt hat, mit ins Museum gebracht.

Noch lange sprachen die Besucher mit den Flüchtlingen.

Von Christiane Decker

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