Erster Weltkrieg: Aus der Region zogen auch viele jüdische Soldaten an die Front

Hoffen auf Anerkennung

Der Treysaer Max Baum war als Soldat in Kolberg (Polen) an der Ostsee. Repro:  Lindenthal

Aus Treysa, der größten jüdischen Gemeinde im Altkreis Ziegenhain, haben von 35 jüdischen Kriegsteilnehmern Leopold Katzenstein, Adolf Strupp, Salomon Abraham und Sigmund Schwalm den Krieg nicht überlebt. Der Grabstein von Leopold Katzenstein ist auf dem jüdischen Friedhof vorhanden und trägt die Inschrift „Unteroff. u. Off.Aspierant geboren 10.4.1894, 10.10.1916 gefallen auf dem Feld der Ehre.“ Alle vier werden auf dem Gedenkstein zu Ehren der Gefallenen auf dem christlichen Treysaer Friedhof namentlich aufgeführt.

Auch auf dem Ziegenhainer Friedhof wird an die 45 Bürger gedacht, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben gelassen hatten. Hier finden sich die Namen der jüdischen Toten: Jakob Bachrach, Moritz Baum, Hermann Höxter, Berthold Rosenberg, Leopold Rothschild und Aaron Stern. Andere Quellen nennen noch Willy Rosenberg, den Bruder von Berthold Rosenberg.

In Frielendorf ehrt ein Gedenkstein von 1923 auf dem jüdischen Friedhof Siegfried Moses, Max Gutkind, Josef Bachrach und Julius Plaut als „gefallene Helden.“ Die jüdische Gemeinde Neukirchen hatte fünf Gefallene zu beklagen, in Oberaula waren es vier.

Vermutlich hat die Hervorhebung der jüdischen Gefallenen noch einen anderen Hintergrund. Am 11. Oktober 1916 hatte das Kriegsministerium angeordnet, die Juden im Heer zu zählen. Als Begründung wurde genannt, dass die Behörde mit Klagen über „jüdische Drückeberger“ überhäuft werde. Für die jüdischen Soldaten war diese „Judenzählung“ genannte Aktion eine schwere Demütigung und Kränkung ihres aufopfernden Patriotismus. Sie fühlten sich einer Sonderbehandlung ausgesetzt, und viele sahen in dem Oktober-Erlass das Ende der deutsch-jüdischen Assimilation und wandten sich dem Zionismus zu.

Obwohl jüdische Organisationen das Kriegsministerium drängten, die Ergebnisse der schändlichen Judenstatistik zu veröffentlichen, ist dies niemals geschehen. Der Verdacht liegt nahe, dass der verbreitete Antisemitismus der zunehmend an Entbehrungen leidenden Bevölkerung als Ventil dienen sollte, wie man bald darauf auch die Niederlage versucht hatte, der jüdischen Minderheit und den Sozialdemokraten anzuhängen. Wenn man aus den offiziellen Statistiken die Juden heraussucht, lässt sich eindeutig beweisen, dass prozentual genauso viele jüdische Soldaten gefallen sind wie christliche Kämpfer.

Dem Treysaer Juden Simon Matthias ist der Dank des Vaterlandes nicht zuteil geworden. Am 9. November 1938 drangen Jugendliche unter Führung von Erwachsenen gewaltsam in seine Wohnung ein und zerstörten die Wohnungseinrichtung. Dass er demonstrativ das Eiserne Kreuz trug und seine Frau darauf hinwies, dass er im Kriege ein Auge verloren hatte, beeindruckte die blindwütigen Täter nicht. Es gab auch niemanden, der ihm zu Hilfe kam. Am 6. September 1942 wurde das Ehepaar Matthias deportiert und umgebracht.

Von Bernd Lindenthal

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