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Im Bioenergiedorf Mengsberg wird mit Holz und Sonne geheizt

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Von: Johannes Rützel

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Die Genossenschaftsvorsitzenden Klaus Schwalm (links) und Karlheinz Kurz vom Bioenergiedorf Mengsberg haben parteipolitische Grenzen über Bord geworfen.
Die Genossenschaftsvorsitzenden Klaus Schwalm (links) und Karlheinz Kurz vom Bioenergiedorf Mengsberg haben parteipolitische Grenzen über Bord geworfen. © Johannes Rützel

In der Serie „Die Schwalm legt den Schalter um“ widmen wir uns der Energiewende. Fast ganz Mengsberg wird mit Sonnenenergie, Hackschnitzeln und Biogas beheizt.

Mengsberg – „Wir wollten energieautark werden“, erinnert sich Klaus Schwalm (68) an den Beginn der Planung für die Wärmeversorgung Mengsbergs in 2015: „Da wurden alle parteipolitischen Grenzen über Bord geworfen.“

Die Anfänge

Mit der Idee einer eigenen Wärmeversorgung gewannen die Mengsberger bei „Unser Dorf hat Zukunft“ von 2011 bis 14 und belegten beim Europaentscheid den zweiten Platz. „Wir sind damals von Haus zu Haus gelaufen um herauszufinden, wer mitmachen will und wie viel Wärme wer braucht“, erinnert sich Karlheinz Kurz: „In den zwei Jahren Häuserkampf haben wir uns Schuhe abgelaufen und jede Woche Sitzung gehabt.“

Wärmeproduktion

Die Mengsberger haben sich mit der Firma Viessmann zusammengeschlossen, die als Generalunternehmer die Heizzentrale gebaut hat. Die Wärme für Mengsberg wird dort mehrstufig erzeugt.

Ein Solarthermiefeld mit 224 Einheiten über knapp 3000 Quadratmetern erzeugt im Sommer genug Warmwasser und deckt etwa ein Fünftel des Jahresbedarfs. In einem 300 000 Liter fassenden Tank wird das warme Wasser gespeichert. In den kälteren Jahreszeiten werden zusätzlich Hackschnitzel aus Holz verbrannt.

300 000 Liter heißes Wasser fassen die beiden Tanks.
300 000 Liter heißes Wasser fassen die beiden Tanks. © Rützel, Johannes

Für Zeiten mit sehr hohem Verbrauch und für kurzfristigen Bedarf während einzelner kalter Tage in Frühling und Herbst steht außerdem noch ein Bioflüssiggaskessel zur Verfügung. Derzeit leistet der Gaskessel aber nur etwa zwei Prozent der Gesamtwärme. Insgesamt werden pro Jahr 3000 bis 5000 Kilowattstunden Wärme produziert.

Wärmenetz

Das Wärmenetz in Mengsberg ist 9,5 Kilometer lang. Es verläuft vor allem auf öffentlichem Grund unter den Straßen. Damit umgingen die Mengsberger das Problem der sogenannten Grunddienstbarkeiten für Privatgrundstücke. Das heißt, vor allem, dass auf den Privatgrundstücken in Mengsberg weiterhin relativ frei gebaut werden kann, ohne Wärmeleitungen beachten zu müssen. Weil die Straßen in Mengsberg noch nicht saniert waren, entstanden durch das Öffnen der Asphaltdecke keine größeren Schäden, die Stadt Neustadt stand hinter dem Projekt und finanzierte die Machbarkeitsstudie, sagt Karlheinz Kurz.

Die Warmwasserverteilung im Heizkraftwerk: Die Rohre ganz rechts führen Wasser mit 80 Grad Celsius ins Dorf.
Die Warmwasserverteilung im Heizkraftwerk: Die Rohre ganz rechts führen Wasser mit 80 Grad Celsius ins Dorf. © Rützel, Johannes

2018 startete die Wärmelieferung, mittlerweile sind 154 Gebäude am Netz, das auch noch genug Leistung für weitere Anschlüsse habe, sagt Karlheinz Kurz. Rund 70 Prozent der Gebäude in Mengsberg sind angeschlossen.

Die Genossenschaft

4000 Euro hat die Einlage in die Bioenergiegenossenschaft Mengsberg betragen. 10,5 Cent kostet die Kilowattstunde Wärme. 6,2 Millionen Euro hat die Genossenschaft in Wärmenetz und Heizzentrale investiert.

„Wir wollten hier Eigentümer über alles sein und den Wärmepreis selbst bestimmen, deswegen kam ein Modell wie in Wasenberg für uns nicht in Frage“, meint Klaus Schwalm. Rund 20 Jahre werden die Genossen den Kredit zurückzahlen. „Danach kann man richtig günstig heizen“, ist sich Klaus Schwalm sicher.

Zukunftsprojekte

Alle paar Wochen kämen Gruppen, um sich das Wärmenetz anzusehen, berichten Kurz und Schwalm. Auch Viessmann führe regelmäßig Delegationen herum, die sich für eine ähnliche Anlage interessieren.

Ein Problem gibt es aber noch: Die Heizzentrale und die Pumpen für das Wärmenetz brauchen Strom. Den beziehen die Genossen derzeit von der EAM. Viel lieber würden sie direkt den Strom vom Windrad der Bürgerwind Schwalmstadt GmbH kaufen, es steht schließlich nur wenige Hundert Meter von der Heizzentrale entfernt.

Doch das Erneuerbare Energien Gesetz und die Regeln zum Betrieb von Stromnetzen verhindern die direkte Stromabnahme – ähnlich wie in Frankenhain. Wenn man die vier Windräder mit dazuzählt, wird in Mengsberg mittlerweile mehr Energie erzeugt als verbraucht, berichtet Karlheinz Kurz.

Dafür erhielt das Dorf 2019 zwei Preise: Es wurde vom Bundeslandwirtschaftsministerium als Bioenergie Kommune ausgezeichnet und erhielt in Gelsenkirchen den Deutschen Solarpreis. „Wir haben deutschlandweit das größte Solarthermiefeld in Genossenschaftshand“, erklärt Karlheinz Kurz stolz.

Weitere Informationen unter: begmengsberg.de

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