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In Ziegenhain hinter Gittern zum Übungsleiter

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Die Insassen der JVA Schwalmstadt und die Projektinitiatoren, links Timo Krumpholz und dritter von rechts Marek Paluszak, freuen sich über die Trainerlizenzen. Zwei Insassen wollten sich nicht in der Zeitung sehen.
Die Insassen der JVA Schwalmstadt und die Projektinitiatoren, links Timo Krumpholz und dritter von rechts Marek Paluszak, freuen sich über die Trainerlizenzen. Zwei Insassen wollten sich nicht in der Zeitung sehen. © Philipp Knoch

9 Insassen der JVA Schwalmstadt haben eine Fußballtrainerlizenz erhalten. Der Hessische Fußballverband hat den Lehrgang und die Prüfung durchgeführt.

Treysa – Normalerweise kommt die C-Trainerlizenz, mit der man Amateurmannschaften bis einschließlich 5. Liga (Oberliga) im Seniorenbereich und bis zur 2. Liga im Juniorenbereich trainieren darf, per Post. Diesmal aber wurde der Trainerschein feierlich übergeben, Vertreter des Hessischen Fußballbverbands (HFV) waren anwesend. Der Grund dafür: Alle neun Trainernovizen sind Insassen der Justizvollzugsanstalt Schwalmstadt.

Projektinitiator Marek Paluszak (62) ist stolz auf die Trainerneulinge. Alle haben die Prüfung bestanden. „Das Ziel des Projektes war: nie wieder Knast“, sagt Paluszak. „Es ging nicht so sehr um die Vermittlung von Taktik, viel mehr war uns wichtig, dass die Insassen methodische und pädagogische Kompetenzen erwerben.“ Die Ausbildung habe aus praktischen und theoretischen Anteilen bestanden, die angehenden Trainer mussten auch eigene Trainingseinheiten gestalten. Es wurden vor dem Start der Schulungsmaßnahmen Eignungsgespräche zwischen den Interessenten und Vertretern des Hessischen Fußballverbands geführt, auch mussten die angehenden Trainer ihre fußballerischen Qualitäten unter Beweis stellen.

Trainerlehrgang vermittelt Einfühlungsvermögen, Teamgeist und Führungskompetenz

Frank Illing vom Hessischen Fußballverband ist voller Lob für das Projekt. Der Trainerlehrgang und Fußball als Teamsport allgemein könnten den Insassen viele wichtige Werte vermitteln. Es gehe um Einfühlungsvermögen, Teamgeist, Führungskompetenz. Als Trainer habe man die Möglichkeit, sich nach der Haft in ein neues soziales Umfeld zu begeben. Zur Trainerausbildung waren Referenten des Hessischen Fußballverbands regelmäßig in der JVA. Sie haben ihre besonderen Schüler ins Herz geschlossen, jedem wird mit sportlichem Handschlag oder einer festen Umarmung zum erfolgreichen Bestehen gratuliert.

Alle Neutrainer, die bereit waren, mit der HNA zu sprechen, haben schon immer einen Bezug zum Fußball und spielten schon in ihrer Jugend. Michael berichtet, dass er auch in der Justizvollzugsanstalt immer gerne gekickt habe. Normalerweise würde in der JVA auch gegen Gastmannschaften aus anderen Anstalten gespielt werden, wegen der Pandemie sei das aber nicht möglich gewesen. So habe man nur anstaltsintern kleine Fußballturniere veranstalten können. Vor der Trainerausbildung habe man schon mit einem engagierten Bediensteten der JVA ein Vorbereitungstraining veranstaltet.

Besonders gefallen hat ihm, dass während der Trainerausbildung, bei der auch Bedienstete der JVA teilnahmen, alle per Du waren. Man habe zusammen trainiert wie in einer normalen Fußballmannschaft. „Schön, dass wir das alle zusammen gemacht haben.“ Ervin, der wie er sagt, aus einer Fußballerfamilie stammt, kann dem nur zustimmen. „Wir waren ein Team, nicht Häftling und Beamter. Es wurde nur der Mensch gesehen, alle hatten das gleiche Ziel.“ Man habe den Haftalltag einmal ausblenden können, gerade als man wegen der Pandemie keinen Kontakt zu seiner Familie haben konnte.

Insassen wollen sich nach der Haft in Vereinen engagieren

Zur Motivation, bei dem Projekt mitzumachen, erzählt Michael: „Ich will die Bindung zu meinem Sohn festigen, er ist verrückt nach Fußball. Jetzt hab ich am Telefon ein Gesprächsthema mit ihm.“ Auch Ramon will durch den Trainerschein die Bindung zu seinem Sohn intensivieren. Nach der Haft will er sich als Trainer in einem Verein engagieren. Ervin hat ebenfalls einen fußballbegeisterten Sohn. Ihm war dazu noch wichtig, dass er sein Wissen über Fußball und seine sportlichen Fähigkeiten vergrößert.

„Man ist jetzt vertrauter mit den Justizvollzugsbeamten. Man hat jetzt das Gefühl, man wird mehr wahrgenommen und die eigenen Bedürfnisse und Wünsche sind den Bediensteten präsenter“, freut sich Ervin. Die drei wollen zum Schluss nur noch eines loswerden: „Großer Dank, ich glaube im Namen von allen, dass uns das hier ermöglicht wurde.“ Wenn Teams wie „Ransbach goes international“ oder „Spontan ist immer besser“ auf der Schwalm unterwegs sind, dann ist Kirmes in Zella. Von Philipp Knoch

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