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Jochen Steube: „Wir können 50 Prozent Energie einsparen“

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Von: Johannes Rützel

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Fotovoltaik-Anlagen tragen zur Kohlendioxidreduktion bei. Außerdem müssen Hauseigentümer so weniger Strom vom Versorger beziehen, manche bis zu 80 Prozent weniger. (Symbolbild)
Fotovoltaik-Anlagen tragen zur Kohlendioxidreduktion bei. Außerdem müssen Hauseigentümer so weniger Strom vom Versorger beziehen, manche bis zu 80 Prozent weniger. (Symbolbild) © Antje Thon

Energieberater Jochen Steube spricht im Interview über Energieeffizienz von Gebäuden und wie viel Strom man mit Fotovoltaik auf dem Dach sparen kann.

Schwalmstadt – In unserer Serie „Die Schwalm legt den Schalter um“ widmen wir uns Themen rund um die Energiewende. Heute erklärt im Interview der Energieberater Jochen Steube, wie Gebäude energieeffizienter werden können.

Frau Pauly von der Schwalm-Aue Regionalentwicklung hat der HNA gesagt, dass die Nachfrage nach Energieberatungen sich in den letzten Jahren erhöht hat und dieses Jahr quasi explodiert sei. Wie nehmen Sie die Situation wahr?

Joachim Steube: Ja, das ist tatsächlich so. Die Regierung ändert ihre Förderpolitik und die steigenden Energiepreise, das hat viele Leute aufgeschreckt.

Mit welchen Anliegen kommen die Menschen zu Ihnen?

Die Leute suchen nach Alternativen für Öl- oder Gasheizungen. Und sie wollen wissen, was sie für eine Fotovoltaik-Anlage einbauen können. Natürlich in der Hoffnung, in Kombination mit einer Wärmepumpe völlig unabhängig zu werden. Aber das ist ein Irrglaube, das geht selbst ansatzweise nicht, vor allem nicht im Winter.

Was sind die Sorgen und Probleme der Menschen?

Viele haben Angst, dass sie die Energie nicht mehr bezahlen können. Aber immer mehr kommen auch, weil sie sagen, dass sie das Klima schützen wollen.

Welche Vorschläge unterbreiten sie zur Lösung?

Eine pauschale Lösung gibt es da nicht. Ich schlage den Leuten vor, was für ihr individuelles Gebäude geeignet ist. Ist es ein Altbau, ein Neubau oder vielleicht denkmalgeschützt? Wer nicht viel dämmen kann, für den ist eine Holzheizung eine Option. Wer eine gute Dämmung hat, da hängt viel vom Energiebedarf ab, ich schlage dann oft Wärmepumpen vor. Eine zehn Jahre alte Ölheizung sollte aber niemand ersetzen, das ist nicht nachhaltig. Im Vergleich zu Erdgas ist Erdöl noch vergleichsweise günstig. Generell sollte man aber nicht hysterisch werden und ohne Abwägen eine Wärmepumpe einbauen. Die Kosten dafür betragen 30 bis 40 000 Euro. Da wurde früher viel gefördert, aber Robert Habeck hat die Förderung jetzt reduziert.

Was für politische Entscheidungen wurden da getroffen?

Zum einen wurden die KfW 40 und KfW 55 Förderungen gestrichen. Im Moment gibt es das nur noch in Verbindung mit Nachhaltigkeitsstandards, die gefördert werden. Doch allein den Nachweis für den Standard zu führen ist schon teurer als die Förderung. Die Förderung liegt jetzt nur noch bei fünf Prozent. Früher wurden bis zu 25 Prozent gefördert. Das war natürlich wesentlich attraktiver.

Warum wurde die Förderung reduziert?

Man hat da im Prinzip mit der Gießkanne Geld verteilt. Da wurde alles gefördert, auch Großinvestoren, die Eigentumswohnungen gebaut haben. Das hat dazu geführt, dass die Fördertöpfe relativ schnell leer waren. Denn der KfW 55 Standard war relativ leicht zu erreichen. Da hat Robert Habeck jetzt die Notbremse gezogen.

Was können Privatleute jetzt tun, um unabhängiger von Strom- und Gaslieferungen zu werden?

Von Stromlieferungen können sie eigentlich nicht unabhängig werden, so eine große Fotovoltaik-Anlage ist unrealistisch. Aber es ist ein wichtiger Schritt, um den Stromverbrauch zu reduzieren. Ab drei oder vier Personen im Haushalt lohnt es sich. 25 bis 30 Prozent kann man einsparen, mit Stromspeicher sogar 50 bis 60 Prozent. Mit intelligenter Regelungstechnik sogar 70 bis 80 Prozent.

Wie hoch ist die Investition, wenn man so eine Anlage bauen möchte, die 80 Prozent einspart?

Zwischen 15 000 und 30 000 Euro, je nach Größe.

Wann zahlt sich die Investition aus?

In der Regel nach fünf bis 15 Jahren.

Es gibt ja auch Klein-Fotovoltaik-Anlagen, der Schwalm-Eder-Kreis fördert die derzeit. Macht das jetzt Sinn?

Man tut etwas für die Umwelt, aber viel reduzieren kann man natürlich nicht. Das ist im Moment zwar die einzige Art, wie ein Mieter Fotovoltaik nutzen kann, aber die Anlagen sind viel zu klein. 600 Watt Peak als maximale Leistung – sonst sprechen wir über Anlagen mit 4000 bis 15 000 Watt. Aber man kann das machen, es ist ja auch nicht teuer.

Wie aufwendig ist es, eine Genehmigung für eine Fotovoltaik-Anlage zu bekommen?

Das kommt darauf an. Für einen Privathaushalt ist das unkompliziert. Die Formalitäten erledigt der Handwerker, der die Anlage installiert. Schwierig wird es beim Mieterstrom, also wenn der Vermieter oder die Hausgemeinschaft eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach installiert. Die Gesetzeslage ist dort sehr kompliziert und verteuert das Ganze. Da ist die Regierung angeblich dran, um das einfacher zu machen.

Wie kann man sonst noch Energie sparen?

Wichtig ist, den eigenen Stromverbrauch zu kennen. Messgeräte für die Steckdose gibt es schon ab 10 Euro. So findet man Einsparpotenziale. Die Wohnung darf man nicht kalt lassen, aber auf 24 Grad Celsius muss sie auch nicht geheizt werden. Jeder kann sein eigenes Nutzerverhalten hinterfragen und sich an die eigene Nase fassen.

Wie kamen sie zur Energieberatung?

Als ich in Kassel mein Studium begonnen habe, hat Energieberatung nur wenige interessiert. Energie war billig und Klimaschutz spielte keine Rolle. Aber das Land Hessen war das erste Bundesland überhaupt, das Energieberatung gefördert hat, und zwar zum Nulltarif. Da gab es in den 1990er Jahren einen Zuschuss von 900 DM ohne Eigenanteil.

Was bedeutet Energieberatung?

Die Aufgabe des Energieberaters ist die energieoptimale Planung eines Gebäudes. Das Hauptaugenmerk liegt derzeit aber auf der Beratung zum Umbau von Bestandsgebäuden. Derzeit gibt es zehn bis zwölf Millionen Gebäude in Deutschland, die energetisch auf einem sehr schlechten Stand sind. Da können wir wahrscheinlich um die 50 Prozent einsparen. Da müssen wir etwas tun! Denn die beste Energie ist die, die nicht verbraucht wird.

Zur Person: Joachim Steube

Jochen Steube wurde 1959 in Spangenberg geboren. Er hat in Kassel Architektur studiert. Über Prof. Gerd Hauser kam er mit energiesparendem Bauen in Kontakt. Nach dem Studium arbeitete Steube als Architekt. Anfang der 1980er Jahre machte er sich als Energieberater selbstständig, als es die ersten staatlichen Förderprogramme für energiesparende Gebäude gab. Seit 2002 hat Steube selbst einen Lehrauftrag an der Uni Kassel inne und ist auch im Bundesbildungszentrum der Zimmererschule in Kassel tätig. Außerdem prüft er für die Handwerkskammer Kassel neue Energieberater. Als Energieberater hat er über 1000 Projekte betreut. In der Region Schwalm-Aue berät er die Bürger seit über fünf Jahren. Sein Büro hat er in Melsungen.

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