Session ohne Veranstaltungen

Karnevalisten im Lockdown: „Die Menschen wollen von Herzen lachen“

Der Rubinhochzeiter: Kajo Freischem schaffte es 2014 bis ins Fernsehen.
+
Der Rubinhochzeiter: Kajo Freischem schaffte es 2014 bis ins Fernsehen.

Die Hoch-Zeit der närrischen Zeit ist da, bald ist Rosenmontag. Wir haben Köpfe des Schwälmer Karnevals gefragt: Wie erleben Sie die Session ohne Aktion?

Schwalm – Kajo Freischems Gedanken sind in den vergangenen Wochen immer wieder einmal zum Karneval abgeschweift, auch ihm fehlen die Freude und die Geselligkeit. Der Karneval, und hier besonders seine Arbeit an seinen Büttenreden, sind für den heute 74-Jährigen immer etwas Besonderes im Jahreslauf gewesen. In Bütt stieg der Treysaer 1973 zum ersten Mal und dann immer wieder mit nur einer längeren Schaffenspause. Er kann es mithin wirklich beurteilen, wie langwierig und fordernd es ist, eine zündende Geschichte zu entwickeln. Über dem ganzen Entstehungsprozess steht für ihn in ganz großen Lettern dieser Leitsatz: „Die Menschen wollen lachen, und zwar von Herzen!“

Freischem, gebürtiger Rheinländer übrigens aus Meckenheim bei Bonn, hat die Arbeit für seine Büttenrede eigentlich rund ums Jahr angetrieben. Am Anfang des langen Prozesses stünden oft eine Beobachtung, eine Begegnung, eine Erzählung oder von allem etwas, „meistens geht es um einen Vorgang, der im Augenblick des Geschehens durch den Alltag stolpert, also unangenehm ist“.

Karnevalisten im Lockdown: Fleischem hat sich offiziell 2019 von der Bühne verabschiedet

Viele Merkzettel mit einzelnen Stichwörtern fanden den Weg in eine hölzerne Sammel-Kiste. Es konnten kleine Begegnungen, Erfahrungen, Aufgeschnapptes oder Selbsterlebtes sein, das später hineinfloss ins Werk.

Blickt Freischem, der 2019 offiziell von der Treysaer Karnevalsbühne verabschiedet wurde, zurück, so nimmt er eine richtige Familienchronik in seinen gesammelten Werken wahr, Festliches und Alltägliches gleichermaßen. Einmal habe ihm ein Mitstreiter auf den Kopf zugesagt, dass er wohl noch über seine eigene Beerdigung eine Büttenrede texten würde. Zur notwendigen Haltung könnte das passen, mit rabenschwarzem Humor betrachtet: Entscheidend sei eine distanzierte Sichtweise, „die zeigt mir dann die Komik an dem, was gerade passiert ist“. Eigentlich immer sei der lange und mühsame Weg gleich gewesen: „Im nächsten Schritt spüre ich oft, dass sich da etwas stellvertretend für einen ganzen Komplex ereignet hat: Hinter dem Koffer, der aufgeplatzt ist, steht der Komplex ,Urlaub im Alter‘, hinter dem ,Schnappfinger’ erscheinen die Tücken des Alters, der streikende Rasenmäher ist Teil der Problematik ,Gartenarbeit‘.“

Liege dann ein aufgelistetes Sammelsurium von Stichwörtern, Gedankenfetzen und Bildern zum gewählten Thema auf dem Tisch, sei das wie der „Kraftstoff für einen Motor, der schleppend in Gang kommt“. Aus Bildern in der Fantasie würden danach Karikaturen, die es sodann in die passende Sprachform zu bringen gelte. Es muss sich reimen, „aber das passende Reimwort alleine reicht nicht aus“, unterstreicht Freischem.

Karnevalisten im Lockdown: Reim für Witz enorm wichtig

Der Reim sei für den Witz enorm wichtig, doch keineswegs irgendeiner. Passte es nicht wirklich haargenau, verwarf Freischem ihn lieber wieder, „es muss sitzen – oder ich lasse es“. Und der Sprachrhythmus trage ebenfalls ganz wesentlich zum Gelingen bei. Entscheidend aber bleibe die Pointe: „Diese Spitze ist es, an der der Spannungsballon platzt und – wie beim herzhaften Niesen – ein lustvolles Lachen auslösen sollte.“ Damit der Fantasie-Motor nicht überdrehe, die sprachliche Form mehr verschleiere als erkläre, brauche es die Kontrolle von außen, Menschen, die den Entwurf kritisch hören und Schwachstellen benennen.

Und nicht zuletzt sei der Vortragende selbst Teil der Büttenrede: „Sein Vortrag muss authentisch sein, direkt aus dem Leben gegriffen und mit Wiedererkennungswert im jeweils eigenen Leben.“ Die Büttenrede könne und dürfe vieles, „nur eines nicht“: Nie darf man ihr laut Kajo Freischem anmerken, „dass ihr Entstehungsprozess ein langer und mühevoller Arbeitsgang war – einer Geburt nicht unähnlich, bei der die Freude über das Neugeborene die Mühen der Schwangerschaft und die Schmerzen der Geburt vergessen lässt.“

Karnevalisten im Lockdown: „Jeder Jeck ist anders“

Ob jeder Büttenredner das so beurteilt, da ist sich der 74-Jährige nicht ganz sicher: „Jeder Jeck ist anders.“ Für ihn selbst sei es immer eine intensive Angelegenheit gewesen, die Bestätigung aus dem Publikum entsprechend eine Art Erlösung von der „Höllenqual“ zuvor. Denn auch das gehörte für Freischem immer dazu: „Ich war immer im Zweifel, bis zur letzten Minute.“

Eine zweite Chance oder die Möglichkeit, irgendetwas zu erklären, gebe es nun mal nicht. Und dies noch: Seine Büttenreden, mit denen er es bis ins Hessenfernsehen schaffte, trug Freischem nicht nur im KKdLT-Karneval vor, sondern übers Jahr gern auch vor anderen Gesellschaften. Was er zu Papier bringt, funktioniert zu jeder Jahreszeit. (Anne Quehl)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.