Freiheitsstrafe wegen 69 Euro: Schwalmstädter löste Mann aus dem Gefängnis aus

Kein Treffen mit Wohltäter

In die Zelle: Für 23 Tage sollte ein Dieb ins Gefängnis, weil er eine Geldstrafe von 69 Euro nicht zahlen konnte. Ein Schwalmstädter bezahlte seine Strafe. Kennengelernt haben sich die beiden nicht. Foto: dpa

Schwalmstadt. Seinen Wohltäter hat der 20-Jährige, der eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzen sollte, weil er eine Geldstrafe in Höhe von 69 Euro nicht zahlen konnte, nicht kennengelernt. Ein 68-jähriger HNA-Leser aus Schwalmstadt hatte sich in der vergangenen Woche bereit erklärt, den wohnungslosen Mann aus Lettland auszulösen, der eine 23-täge Freiheitsstrafe absitzen sollte (wir berichteten). Zu einem Treffen bei der Auslösung in der JVA Wiesbaden ist es nicht gekommen.

Er habe so etwas wie „Entrüstung“ gespürt, dass ein Mensch angesichts eines so geringen Betrages ins Gefängnis musste, sagt der 68-Jährige, der bis zu seinem Ruhestand in einem Sozialberuf gearbeitet hat und sich als Christ bezeichnet.

In Laufe seines Lebens habe er erfahren, dass Hilfe gegeben werde, um sie weiter zu geben, wie „eine Art erlaubter Kettenbrief“. Verblüfft habe ihn, dass er der einzige war, der auf die Idee kam, zu helfen. Für ihn hätten die Kosten keine Rolle gespielt, obwohl er sich als nicht sehr betucht bezeichnet: „Ich gebe nicht, weil ich reich bin, sondern nach meinen Möglichkeiten.“

Nach seinem Entschluss, den er selbst als spontan bezeichnet, seien er und ein Freund mit dem Auto nach Wiesbaden gefahren. Über Nacht sei ihm zuvor allerdings die Frage gekommen: „Will der Mann das überhaupt?“

Lief wie am Schnürchen

Dank der Vermittlung durch das Justizministerium sei letztendlich alles wie „am Schnürchen“ gelaufen. Nach einer geraumen Wartezeit in der JVA habe er in der Verwaltung für den Mann bezahlen können. Da dieser inzwischen einen weiteren Tag seiner Strafe abgesessen hatte, reduzierte sich die Schuld auf 30 Euro.

Fahrkarte nach Berlin

Den Entlassenen hat der Schwalmstädter in Wiesbaden nicht zu Gesicht bekommen. Ihm wurde mitgeteilt, dass der 20-Jährige von dem Gefängnisseelsorger betreut werde und eine Fahrkarte nach Berlin habe.

Der 20-jährige Lette war Mitte September nach einer Polizeikontrolle in Kassel ins Gefängnis gekommen, weil ein Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Berlin wegen Diebstahls vorlag. Auch wenn der Schwalmstädter seine Hilfsaktion für den Letten damit als abgeschlossen ansieht, wäre es für ihn schön, „noch einmal etwas von dem Mann zu hören“.

Von Sylke Grede

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