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Kultur-Veranstalter sprechen über Folgen der Covid-Pandemie

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Beim Kim Wilde-Konzert 2018 in Treysa: Von links Anna Schneider, Judith Fuchs, Konzertorganisator Thorsten Laabs, Emanuel Machulik, Frank Nemluvil, Henning Pfannkuch und Christian Dickel.
Beim Kim Wilde-Konzert 2018 in Treysa: Von links Anna Schneider, Judith Fuchs, Konzertorganisator Thorsten Laabs, Emanuel Machulik, Frank Nemluvil, Henning Pfannkuch und Christian Dickel. © Kerstin Diehl

Festivals und Events finden wieder wie früher statt. Andere Veranstaltungen sind am Ende. Wir sprachen mit den Kulturschaffenden Sören Flimm und Thorsten Laabs.

Schwalmstadt – Nach 30 Monaten Pandemie in Europa zeichnet sich dennoch längst keine Normalität nach früheren Maßstäben ab. Welche Tiefschläge hat die regionale Kulturszene eingesteckt und wie geht es jetzt weiter? Wir sprachen mit den Kulturschaffenden Sören Flimm und Thorsten Laabs in einem Doppelinterview darüber, wie sie die Situation wahrnehmen und ob sie noch die Power haben, weiterzumachen.

Sie haben beide in der Pandemie noch nicht aufgegeben, aber: Haben Sie sich solch eine Ausprägung von Problemen für Ihre Engagements je ausmalen können?

Thorsten Laabs: Wir dachten doch zu Beginn alle: Das Corona-Virus ist ein Floh.

Sören Flimm: Wir standen damals fortlaufend in Kontakt, Thorsten und ich, wir waren überzeugt: Bald werden wir mit Freude weitermachen.

Und heute, wie sehen Sie die Zukunft?

Laabs: Man sieht klarer, weiß ja längst, dass so eine Pandemie nicht einfach verschwindet. Ich bin zwar kein Konzertveranstalter vom Großstadtschlag, aber ich bin auch ambitioniert. Zehn Jahre kann und will ich nicht abwarten.

Flimm: In den vergangenen zwei Jahren haben wir immer wieder, auch gemeinsam, gehofft und geplant, ich muss sagen, meine Energie für die Planung größerer Events ist zur Zeit ziemlich verbraucht. Aber wie Thorsten gebe ich nicht dauerhaft auf, ich nenne mich nach wie vor „Leidenschaftsveranstalter“.

Klingt aber schon sehr resigniert?

Flimm: Mit verschiedenen Projekten bin ich so oft hart gelandet in den zurückliegenden Jahren, vor allem emotional, dass mir derzeit die Kraft für größere Events fehlt. Veranstaltungen wurden immer wieder geplant und umgeplant, von der Festhalle Treysa über die Halle in Willingshausen nach Openair, immer wieder Absage, zuletzt wegen Corona im Ensemble. Allein das Ticketing, das ich selbst erledige, ist eine unendliche Geschichte. Dabei erreicht man aktuell bei vielen Events kaum noch eine 50-prozentige Auslastung der Zuschauerplätze.

Was macht das mit Ihnen?

Flimm: Man fragt sich eben, ob man plötzlich etwas verkehrt macht, das nagt an einem. Aber das Ganze ist überall in Deutschland das Gleiche und trifft gerade die nebenberuflichen Akteure am härtesten. Finanzielle Coronahilfen gab es dabei nur für die Hauptberufler.

Das heißt, man muss drauflegen?

Flimm: Das ist mir und Kurosch Abbasi so gegangen, für „Pop Meets Musical“ mussten wir beide jeweils einen vierstelligen Betrag nachschießen. Deshalb kommen für mich auf mittelfristige Sicht nur noch kleinformatige Konzerte infrage ohne großen organisatorischen Aufwand und externe Kosten – ich mache das Ganze ja nach wie vor aus Leidenschaft und Freude. So haben wir, auch wenn die Auslastung nicht so ist, wie wir es uns wünschen, einen schönen Abend ohne allzu großes finanzielles Risiko. So, wie am 12. August auf dem Knüll oder neulich an der Totenkirche.

Laabs: Das sehe ich zu 100 Prozent genauso. Auch ich kam aus gebuchten Events nicht heraus, das geht an die Substanz, nicht nur finanziell. Meine Frau hat akzeptiert, dass die „Schwarze Null“ nicht mehr das unbedingte Kriterium ist. Aber auch ich werde erstmal zurückstecken, wenn meine mehrfach verschobenen Projekte Ray Wilson und Chris Norman im September in Willingshausen gestemmt sind. Sweet im November ist mit nur 400 Besuchern geplant, darauf muss die Band eingehen, obwohl sie sonst vor wesentlich größerem Publikum spielen.

Apropos Publikum: Wie sind die Menschen im Allgemeinen so eingestellt?

Laabs: Einerseits wünschen sie sich, rauszugehen und zu feiern. Aber viele scheuen auch das Infektionsrisiko, alles ist weit weg von normal. Wohnzimmerkonzerte und so, das ist, was geht.

Wie passt das zusammen mit Zehntausenden bei Großveranstaltungen?

Flimm: Da könnte man meinen, es läuft alles rund, doch erstens handelte es sich zum Beispiel bei vielen großen Playern um Nachholkonzerte. Die Leute hatten die teuren Karten teilweise schon über zwei Jahre und sagten sich: Das gönne ich mir jetzt auch. Es waren Events von größter Wertigkeit. Aber zum Beispiel für „Pop Meets Musical“ ist die Konkurrenzsituation im derzeitigen Zeitfenster zu groß. Es sind massig Kirmessen, Jubiläen und Familienfeiern wie Hochzeiten, alles wird gerade nachgeholt.

Laabs: Richtig, ich habe kürzlich Rammstein in Tallinn, Estland, gesehen, zweimal verschoben. So ein Ticket lässt man einfach nicht verfallen. Doch Veranstaltungen von Sören oder mir erwarten die Leute später mal wieder.

Kirmes gegen regionales Konzerterlebnis?

Flimm: Zwar nicht direkt, aber durch das insgesamte Überangebot: Ja. Die Leute warten ab, Angebote mit Vorverkauf sind jetzt viel unattraktiver als früher. Die Gruppe Coronavorsichtiger gibt es ja auch noch. Niemand kann sicher sein: Werde ich womöglich in Quarantäne oder Isolation sein. Daran kann das beste Marketing nichts ändern. Neben dem Publikumsinteresse gibt es noch viele Unsicherheitsfaktoren. Der Caterer, die Security - alle können kurzfristig durch fehlende Manpower außer Gefecht gesetzt sein. Das kann auch einen Herbert Grönemeyer treffen. Ich jedenfalls setze mittelfristig für größere Events aus.

Laabs: Vollkommen richtig. Zumal wir vor den größten wirtschaftlichen Herausforderungen in unserer Lebensspanne stehen, die Wirtschaft ist im Sturzflug. Noch sehen wir nur schemenhaft, wie sehr die Energiekrisen das Kaufverhalten beeinflussen werden. Viele werden alles nicht Lebensnotwendige zurückstellen.

Aus Ihrer Warte liegt noch eine lange Durststrecke vor uns allen?

Flimm: Ich bin ein sehr lösungsorientierter Mensch, aber hier gibt es gerade keine andere als den abwartenden Rückzug. Zuversicht ja, nicht aufgeben, das ist und bleibt wichtig, gerade mit den schweren Erfahrungen.

Laabs: Es sind momentan keine schönen Aussichten. Man muss abwarten und beobachten. Nachdem ich selbst einen sehr schweren Verlauf überlebt habe, möchte ich das alles nicht so hoch hängen. Die Liste der Ideen bleibt bestehen, auch unserer gemeinsamen.

Thorsten Laabs

Thorsten Laabs (60) ist selbstständiger Textilkaufmann im Ruhestand, verheiratet, dreifacher Vater. Neben Musik mag er Motorsport, Fußball, Tennis und Golf. Er gründete die „Die Schwalm Rockt!“, inzwischen stehen die Ausgaben 16. und 17. bevor. Als Classic Rock Fan hat Laabs die aus seiner Sicht relevanten Vertreter dieser Schiene international je mindestens einmal gesehen, etwa Boston, Kiss und Roger Taylor von Queen. Andy Scott (Sweet) ist ein guter Bekannter, die Konzerte mit Sweet, Suzi Quatro, Kim Wilde und Albert Hammond betrachtet er als Glanzlichter seiner Reihe.

Sören Flimm

Sören Flimm (34) ist verheiratet und lebt in Neukirchen. Der Darsteller und Musiker ist Bankkaufmann, aber heute selbstständiger Keynote-Speaker (Gastredner von Impulsvorträgen) und Trainer. Seit Jahren initiiert er Musik- und Kulturveranstaltungen, darunter Musicalgalas an der „Seebühne Schwarzenborn“ und „Big Band meets Musical“ in Schwalmstadt. Vor zehn Jahren war die Uraufführung und Produktion von „Stalag IX A - Das Musical“. Mit „Welthits aus dem Wohnzimmer“/Panoramakonzerte ist er aktuell mit Nils Hofmann auf hiesigen Bühnen unterwegs. 

Musicalgala in Schwalmstadt im Spätherbst 2019: Von links Kurosch Abbasi, Anna Prokop, André Flimm, Ina Yasmin Kraus und Sören Flimm.
Musicalgala in Schwalmstadt im Spätherbst 2019: Von links Kurosch Abbasi, Anna Prokop, André Flimm, Ina Yasmin Kraus und Sören Flimm. © Diehl, Kerstin

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