Im Notfall ruhig bleiben

Massenanfall von Verletzten: Herausforderung für Retter

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Bei einem Massenanfall vom Verletzten, kurz MANV, rückt die individualmedizinische Behandlung ein Stück weit in den Hintergrund. Der Rettungsdienst schaltet dann vom Alltag- in den Katastrophenmodus. Unser Archivbild entstand bei einer Übung in Oberaula.

Ereignet sich im Schwalm-Eder-Kreis ein Unfall, Anschlag oder eine Amoktat mit einer großen Anzahl von Verletzten, gelten für Rettungskräfte andere Regeln.

Liegt der Schwerpunkt normalerweise in der individualmedizischen Behandlung des Patienten – vereinfacht gesagt, ein Rettungsteam kümmert sich um jeweils einen Verletzten – müssen die Helfer bei großen Schadenslagen anders vorgehen. 

„Es ist wichtig, dass der Rettungsdienst es dann schafft, umzuschalten“, erklärt der Ziegenhainer Notarzt Dr. Tobias Honacker, einer von mehreren Leitenden Notärzten (LNA) im Landkreis.

Retter müssen Arbeitsweise ändern

Ab fünf Verletzten an einer Einsatzstelle sprechen Fachleute in der Regel von einem sogenanntenMassenanfall von Verletzten, abgekürzt MANV

Es könne dann durchaus vorkommen, dass ein Patiententransport nicht im vollausgestatteten Rettungswagen, sondern mit einfachen Krankentransportwagen auch ohne begleitenden Arzt erfolge, weiß Honacker.

Unter MANV versteht man laut Rahmenkonzept des Landes Hessen, einen Notfall, der mit Kräften des Regelrettungsdiensts nicht mehr abgearbeitet werden kann.

Überörtliche Hilfe ist möglich

In Volkmarsen war das vor zwei Wochen der Fall. In kürzester Zeit mussten durch die Retter über 40 Patienten versorgt werden. Auch überörtliche Unterstützung kam zum Einsatz. 

Aus dem Schwalm-Eder-Kreis machten sich beispielsweise eine Sofort-Einheit mit Notarzt (zwei Rettungswagen und ein Notarzteinsatzfahrzeug) auf den Weg, Krankenhäuser und Kliniken gingen in Alarmbereitschaft.

Kreis hat Plan für Ernstfall

Welche Kräfte wann und wohin beordert werden, hat der Kreis in einem MANV-Konzept festgeschrieben. Dort ist unter anderem auch aufgeführt, dass Feuerwehren für ihre medizinischen Pendants Führungsmittel in Form von Einsatzleitwagen bereitstellen. 

Um die bei jedem Einsatz zu Beginn vorherrschende Chaosphase so schnell wie möglich zu beenden und die Lage in geordnete Bahnen zu lenken, sind Leitende Notärzte wie Tobias Honacker gefragt. Sie müssen den Einsatz koordinieren, in Abschnitte gliedern und den Rettungsteams undNotärzten Aufträge erteilen. 

Tobias Honacker, Leitender Oberarzt in der Zentralen Notaufnahme der Asklepios Klinik in Ziegenhain.

Für Laien nicht immer nachvollziehbar, aber auch wenn ein Leitender Notarzt abseits von den Verletzten steht, ist er voll ins Einsatzgeschehen eingebunden. 

Entscheidend sei eine gute Erkundung, sagt Honacker: „Die erste Lagemeldung an die Leitstelle ist ganz wichtig. Vielleicht brauche ich ja Rettungsmittel, die in meinen Pool gar nicht vorrätig sind.“ 

Wenn sich ein Leitender Notarzt an der Einsatzstelle um einen einzelnen Patienten kümmert, dann kann er seine Aufgabe nicht mehr richtig wahrnehmen, ist Honackers Kollege Dr. Patrick Müller-Nolte überzeugt.

Art der Verletzung ist entscheidend

Während der Erkundung teilt der Leitende Notarzt die Verletzten in die Kategorien rot, gelb, grün und schwarz ein. Für diese „Triage“ bedient sich der Mediziner Verletztenkarten, die an jeden Patienten angehängt werden. In Zukunft soll es eine App mit direkter Verbindung zur Leitstelle geben. 

Wichtig sei es, die mit rot gekennzeichneten Verletzten so schnell wie möglich in die Krankenhäuser zu bekommen, erklärt Honacker. Der Transport von gelb und grün markierten Patienten hat eine geringere Priorität. Schwarz bedeutet Tod.

Die Erkundung und Bewertung durch den LNA hört nach einem Durchlauf nicht auf. Auch die mit gelb markierten Patienten dürfe man nicht aus den Augen verlieren, da sich ihr Zustand verschlechtern könnte, sagt Honacker.

Behandlungsplatz nur in Außnahmefällen

Eine Behandlung im Sanitätszelt wie in Katastrophenfilmen oft zu sehen, sei aber die absolute Ausnahme, so der Leitende Notarzt. „In der Regel sind die Patienten schneller verteilt, als behandelt. Ein Behandlungsplatz ist erst über fünfzig Patienten sinnvoll.“

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