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Menschenrechtlerin Sylvia Schenk beobachtet WM vor Ort

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Das Foto zeigt die Skyline von Doha und im Vordergrund einen kleinen Hafen.
Die Skyline von Doha: Dort beobachtet die Menschrechtsexpertin Sylvia Schenk die WM in Katar und zieht eine äußerst kritische Bilanz. © Federico Gambarini/dpa-Bildfunk

Sylvia Schenk ist als Menschenrechts-Volunteer in Katar. Sie sagt, der DFB hätte stärker, aber auch differenzierter über die Menschenrechtslage diskutieren müssen.

Schwalmstadt/Katar – Sylvia Schenk ist eine Frau klarer Worte. Die bundesweit bekannte Juristin, früher Schülerin des Schwalmgymnasiums und erfolgreiche Leichtathletin des ESV Jahn Treysa, weiß sich Gehör zu verschaffen. Schenks Thesen und Urteile finden weit über die Grenzen ihrer alten Heimat Resonanz.

Und natürlich verfolgt sie die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Das Aus in der Vorrunde, die Diskussion über die Kapitänsbinde von Nationaltorwart Manuel Neuer, der gesamte Auftritt des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) – das Urteil der unter anderem für die Anti-Korruptions-Organisation „Transparency International“ tätigen 70-Jährigen ist verheerend: „So ein politisches Desaster habe ich selten erlebt“, lautet ihr Fazit aus Doha.

Als Menschenrechts-Volunteer in Katar

Doha? Schenk engagiert sich seit einigen Tagen in der Hauptstadt Katars: als Teamleiterin der Menschenrechts-Volunteers beim Fifa-Fanfestival. „Es kann ja Menschenrechtsverletzungen während eines Turniers geben, wie auch bei Fußballspielen in Deutschland. Es geht beispielsweise um sexuelle Belästigung oder um die Frage, ob es bei der Security irgendwelchen Ärger gab. Solchen Dingen gehen wir nach“, erklärt sie.

Ihr Quartier – darauf legt Schenk Wert – habe sie sich selbst besorgt, schließlich wolle sie unabhängig vom Fußball-Weltverband FIFA und dem Organisationskomitee sein. Ihre Gespräche helfen Schenk auch, um mehr über die Vielfalt der Menschen im Land zu erfahren.

Längst ist die deutsche Nationalmannschaft nach dem überraschenden Aus in der Vorrunde da abgereist – die Enttäuschung über das Auftreten des vierfachen Weltmeisters auf und neben dem Fußballplatz dieses umstrittenen Turniers wird indes noch lange anhalten.

„Wir haben der Sache keinen Dienst erwiesen“

Viel stärker hätte der DFB in die Diskussion einsteigen, zudem differenzierter vorgehen müssen, kritisiert Schenk: „Man hätte schauen müssen: Was hat die Fifa denn an konkreter Arbeit gemacht? Und da ist einiges passiert. Dann kann man sich mit Gianni Infantino (Fifa-Präsident), seinem Gehabe und seinen dummen Sprüchen nochmal gesondert auseinandersetzen.“

Vieles habe sich auf Symbolpolitik verlagert – es sei aber eben nicht alles schwarz oder weiß. „Wir müssen hinschauen: Was tut sich in Katar? Wo gibt es weiter Nachholbedarf? Wo hat sich wirklich etwas bewegt und wie unterstützen wir diejenigen, die im Land diese Bewegung in Gang halten?“, sagt Schenk.

Ihr trauriges Fazit nach der verpassten Chance: „Wenn man wirklich etwas voranbringen will in Ländern wie Katar, dann muss man das anders machen. Wir haben der Sache keinen Dienst erwiesen. Das ist das, was ich total schade finde.“

Wenn man wirklich etwas voranbringen will in Ländern wie Katar, dann muss man das anders machen.

Sylvia Schenk

Aufmerksam verfolgen ehemalige Weggefährten des ESV Jahn Treysa wie Jochen Helwig die Karriere der meinungsstarken Juristin. „Sie ist für uns ein Aushängeschild“, sagt der Sprecher des ESV-Verwaltungsrates. Schenk ist noch immer Mitglied des Vereins.

Renate Spanknebel, ebenfalls Teil des Verwaltungsrats, ist voll des Lobes über ihre ehemalige Mitstreiterin: „Ich halte Sylvia für sehr zielstrebig, geradlinig und gewissenhaft.“ Ende der 60er-Jahre haben sich Spanknebel und Schenk in einer Treysaer Leichtathletik-Trainingsgruppe kennengelernt; bis zur Olympia-Teilnahme 1972 in München hat es Schenk später als Athletin gebracht.

Schenk reiste nicht für Stadionbesuche nach Katar

Der Sport selbst aber stand nicht im Mittelpunkt ihres knapp dreiwöchigen Katar-Aufenthalts. Wenige Tage vor dem Finale war Schenk noch bei keiner Partie. Der erste Spielausschnitt, den sie in Ruhe gesehen hat, war im Achtelfinale zwischen Spanien und Marokko – und hier auch nur die Verlängerung und das Elfmeterschießen, das der heroisch kämpfende Außenseiter schließlich für sich entschied.

In einer Fußgängerstraße stehen Touristen und Fußballfans.
„Souq“ in Doha: Fans feiern in dem Einkaufsviertel der Hauptstadt. © Sylvia Schenk

Die Begeisterung der Menschen, nicht nur die der zahlreichen Marokkaner, habe sie gespürt. Allerdings nicht im Stadion: Schenk verfolgte das Spielende an ihren freien Tag auf ihrem Handy - im „Souq“, dem traditionellen Einkaufs- und Restaurantviertel von Doha. (Steffen Schneider)

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