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Michael Schramek: „Die Leute an neue Dinge heranführen“

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Von: Johannes Rützel

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E-Auto Umstieg Anfang 2021: Jürgen Sapara aus Rommershausen kann sich nicht vorstellen, jemals wieder einen Verbrenner zu kaufen. Einen Verbrenner, den er noch hat, will er nächstes Jahr abstoßen.
E-Auto Umstieg Anfang 2021: Jürgen Sapara aus Rommershausen kann sich nicht vorstellen, jemals wieder einen Verbrenner zu kaufen. Einen Verbrenner, den er noch hat, will er nächstes Jahr abstoßen. © Johannes Rützel

Wir widmen uns der Energiewende im Verbreitungsgebiet der Schwälmer Allgemeinen. Dieses Mal geht es um effizientere E-Mobilität.

Schwalmstadt – Um von Erdöl unabhängiger zu werden, setzen immer mehr Menschen auf Alternativen zu Autos, die konventionell mit Diesel oder Benzin angetrieben werden. E-Autos sind je nach Bauart drei- bis viermal so effizient wie Verbrenner.

Die sogenannte Verkehrswende ist ein Teil der Energiewende, denn rund ein Fünftel der Treibhausgase wird in Deutschland durch Verkehr ausgestoßen. Zwar werden Autos immer effizienter, seit 1995 haben sich aber die gefahrenen Kilometer um 60 Prozent erhöht, teilt die Bundesregierung mit.

E-Autos

Das EU-Parlament hat die Neuzulassung von Autos mit Verbrennermotor ab 2035 verboten. Die meisten Hersteller planen schon früher aus dem Geschäft auszusteigen: Opel will ab 2028, Volvo, Fiat und Ford ab 2030, Audi und VW ab 2033 keine Verbrenner mehr verkaufen.

Schon jetzt sind E-Autos wegen der staatlichen Kaufprämien oft kostengünstiger als Verbrenner, hat der ADAC ausgerechnet und dabei auch alle Unterhaltskosten und den Wertverlust berücksichtigt. Damit sie auch ohne die Förderungen billiger sind, dürfen die E-Autos jedoch nur ein wenig mehr als vergleichbare Verbrenner kosten, sagt der ADAC.

Autofahrer, die jetzt umsteigen möchten, müssen sich allerdings auf lange Wartezeiten für ihr E-Auto einstellen. Die Lieferschwierigkeiten haben die zuletzt bei E-Autos stark ansteigenden Zulassungszahlen erheblich gedämpft.

Einer, der schon umgestiegen ist, ist Jürgen Sapara aus Rommershausen. Beruflich ist er bei der staatlichen Behörde Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen für den Ausbau der E-Mobilität in den Dienstwagenflotten mitverantwortlich. Nachteile der neuen Technologie bleiben ihm also nicht verborgen. Ein E-Golf, den er gelegentlich als Firmenwagen nutzte, habe ihn überzeugt, sagt er.

Mit seinem E-Auto war Jürgen Sapara schon an der Ostsee, den nächsten Urlaub hat er auch schon geplant. Dass sein Wagen mit einer Ladung nur etwa 300 Kilometer weit kommt, darin sieht er keinen großen Nachteil. Auf dem Weg an die Ostsee würde er halt drei Ladestopps einlegen, Kaffee trinken und mit dem Hund spazieren gehen. „Ich bin noch nie zuvor so entspannt im Urlaub angekommen“, sagt er. Für die Hin- und Rückfahrt mit insgesamt über 1000 Kilometern musste er für 61 Euro Strom tanken. Benzin oder Diesel würden für diese Strecke momentan mindestens das Doppelte kosten. Sonst tankt er zu Hause Strom – meistens schließt er sein Auto dann an, wenn seine Fotovoltaik-Anlage volle Leistung bringt.

Auf einen Nachteil kommt er dann aber doch noch zu sprechen: Momentan gäbe es nur wenige E-Autos mit Anhängerkupplung, die auch größere Lasten ziehen können.

E-Auto Ladestationen

Gibt es genug öffentliche Lademöglichkeiten für E-Autos? Im Mai 2021 hatte die HNA noch von 33 bei der Bundesnetzagentur registrierten, öffentlichen Ladestationen im Schwalm-Eder-Kreis berichtet. Im Juni 2022 waren es bereits 54. Die Going-Electric Karte meldete damals rund 80 öffentliche Ladepunkte, mittlerweile sind es rund 100.

Die Bundesregierung hat 2021 ein flächendeckendes Schnellladesystem in Deutschland ausgeschrieben. In Schwalmstadt sollen aufgrund der Nähe zur neuen Autobahn 49 acht neue Schnelllader entstehen, in Melsungen ebenfalls acht, in Homberg und Neukirchen jeweils vier.

Carsharing mit Regiomobil

Ganz einfach lässt sich ein E-Auto über Carsharing ausprobieren. Michael Schramek von der Firma Regiomobil berät dafür Städte und Gemeinden. „Es geht darum, die Menschen an die neuen Dinge heranzuführen“, sagt Schramek. In Homberg stehen acht Autos zur Verfügung. In Schwalmstadt sind es derzeit zwei, zwei weitere sollen dazu kommen. „Wer jeden Tag mit dem Auto in die Arbeit fährt, für den ist das nicht das richtige“, gibt Schramek zu. Aber es gebe eben auch viele Leute, die nicht täglich, sondern nur gelegentlich ein Auto benötigen. Genau die soll das Carsharing ansprechen.

Michael Schramek Regiomobil
Michael Schramek Regiomobil © Freie Wähler

Vom sogenannten Free-Floating System wie in großen Städten, bei dem geliehene Autos überall abgestellt werden können, sind die ländlichen Regionen allerdings noch weit entfernt. Vorerst wird man die Fahrzeuge nur an festen Punkten ausleihen und zurückgeben können.

E-Bikes

Der seit 2020 anhaltende E-Bike-Boom ist noch nicht vorüber, sagt Freddy Wurmbäck, Fahrradhändler aus Moischeid. „Jedes Rad, das vom Band läuft, ist schon verkauft.“ In letzter Zeit kämen auch viele Kunden, die sagen, dass ihnen der Sprit zu teuer werde und sie für den Arbeitsweg aufs E-Bike umsteigen möchten. „Letztens wollte jemand ein Rad für 35 Kilometer Strecke, das ist natürlich sehr lang. Bei sechs bis acht Kilometern macht der Weg mit einem E-Bike aber richtig Spaß“, erklärt Wurmbäck. Pendlern empfiehlt er, in jedem Fall eine Regenjacke mitzunehmen.

Die Nachteile von E-Bikes liegen vor allem in den vierstelligen Anschaffungskosten und der nötigen Wartung. Michael Schramek vom Mobilitätsunternehmen Ecolibro berät derzeit zusammen mit dem Tourismusservice Rotkäppchenland Kommunen, um über Sharing-Projekte E-Bikes mehr Menschen zugänglich zu machen. Frielendorf, Homberg, Jesberg, Neuenstein, Oberaula, Schwalmstadt, Wabern und Zimmersrode wollen mitmachen. Das Angebot soll sich speziell an Pendler richten, die über eine Monatspauschale das E-Bike zu festen Zeiten mieten können. Den Aufbau des Sharing-Systems fördert das Land Hessen zu 100 Prozent. Im Sommer 2023 soll es losgehen, nur Lieferschwierigkeiten bei den Fahrrädern könnten das Projekt noch verzögern, sagt Schramek. Die Kosten sollen in jedem Fall niedriger sein als für ein eigenes E-Bike.

Flexible Mobilität mit cleverroute.net

Michael Schramek stellt neben den Verkehrsmitteln auch das passende Programm zur Wegplanung zur Verfügung. Die Webseite cleverroute.net kann man nutzen wie ein Navigationsprogramm mit Eingabe von Start- und Zielpunkt. Für die gewählte Route schlägt die Seite dann passende Verkehrsmittel vor, die sich nach Reisedauer, Kosten oder Kohlendioxid-Ausstoß sortieren lassen. So lassen sich Bahn, Auto, E-Auto und Carsharing miteinander vergleichen und das passende Angebot heraussuchen.

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