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Milliardär und nicht reich

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Mit 50 Milliarden Mark konnte man Ende Oktober 1923 in Berlin einmal Straßenbahn fahren
Mit 50 Milliarden Mark konnte man Ende Oktober 1923 in Berlin einmal Straßenbahn fahren © Repro: Bernd Lindenthal

Die deutsche Inflation von 1914 bis November 1923 war eine Folge des Ersten Weltkrieges, der nicht über Steuern, sondern Schulden finanziert war, die von den besiegten Gegnern getilgt werden sollten. Dieser Plan ging bekanntlich nicht auf. Die jeweilige Regierung brachte immer mehr Geld in Umlauf ohne materielle Gegenwerte. Im Jahr 1923 erreichte die „Papiersintflut“ astronomische Ausmaße.

Schwalm. So betrug der Bezugspreis für die Ziegenhainer Zeitung (Zgh. Zt.) im März 1923 3000 Mark, im Juli bereits das Doppelte und Anfang August lag er für die erste Monatshälfte bei 30 000 Mark. Für die erste Septemberhälfte verlangte man 900 000, für die zweite schon vier Millionen Mark. Dafür hätte man auch drei Zigarren kaufen oder vier Glas Bier trinken können. Schließlich kassierte man wöchentlich - für den Bezug vom 29. Oktober bis 3 November. fünf Milliarden, vom 19. November bis 25. November 300 Milliarden - und bot die Zahlung in Naturalien an. Keine Erhöhung ohne flehentliche Appelle, der Heimatzeitung die Treue zu halten.

Obwohl die Reichsbank täglich zwei bis drei Milliarden Banknoten drucken ließ mit immer höheren Nominalwerten bis hin zu einer Billion (das ist eine Eins mit zwölf Nullen), konnte sie den Bedarf nicht decken. Städte und Gemeinden halfen mit eigenem Notgeld, wie das Beispiel in unserer Abbildung zeigt, das der Kreis Ziegenhain herausgegeben hat. Die Scheine waren von den Mitgliedern des Kreisausschusses handsigniert und vom Direktor der Kreissparkasse Stuhlmann gegengezeichnet. Auch die Gewerkschaft Frielendorf des Mitteldeutschen Braunkohlen-Syndikats gab im August Notgeldscheine über eine Million aus, um ihre Arbeiter bezahlen zu können.

„Der Geduldsfaden der Bevölkerung ist zum Zerreißen angespannt“, heißt es in der Resolution einer Protestversammlung im Burgsaal in Treysa vom 28. August. Es wurde gewarnt, dass die Verbraucher zur Selbsthilfe greifen, wenn das Landratsamt keine genügende Menge an Kartoffeln und Roggen zur Verfügung stellt. Nur fünf Prozent der Buttererzeugung bleibe im Kreis, der Rest gehe „in Großstädte und Badeorte zum Wuchergewinn“. Die Behörden konnten wenig ausrichten. Ein Händler aus Schorbach wurde vom Wuchergericht Kassel wegen „fahrlässiger Preistreiberei“ zu einer Geldstrafe von 500 000 Mark verurteilt. Er hatte 40 Mark pro Ei und 1000 Mark pro Pfund Butter im Kreis Hersfeld zu viel geboten (Zgh. Zt. 15.6.23). Weil er ein frisch geschlachtetes Kalb, acht Pfund Butter und einige Steigen Eier mit dem Frühzug nach Frankfurt bringen wollte, wurde ein Händler aus Ottrau festgesetzt und die Waren beschlagnahmt (Zgh. Zt. 20.9.23). Bezeichnend ist auch, dass ein vorzeitig wegen guter Führung entlassener Gefangener sich weigerte, die Anstalt in Ziegenhain zu verlassen, „da er nicht wisse, ob er bei der heutigen Zeit Arbeit und Unterkommen finde, um das er sich bis jetzt keine Sorgen zu machen brauchte“ (Zgh. Zt. 6.7.23).

Ein Schuhmachermeister in Treysa musste sich wehren, weil ein Kunde das Herrichten der Absätze für 380 000 Mark nicht bezahlen wollte und sich übervorteilt fühlte (Zgh. Zt. 28.8.23). Und August Korell aus Ziegenhain hatte eine Belohnung über 100 Milliarden Mark ausgesetzt. Er suchte Hinweise auf den oder die Täter, die seine Schutzhütte demoliert hatten (siehe Abbildung; Zgh. Zt. 17.11.23). Innerhalb einer Woche musste er den Betrag auf 500 Milliarden und eine Billion Mark erhöhen. Auf dem Höhepunkt der Krise konnte ein Arbeiter für den Wochenlohn gerade einmal einen Zentner Kartoffeln kaufen. Für ein Pfund Butter musste er zwei Tage arbeiten. In manchen Städten kam es zu Hungerrevolten und Plünderungen.

Hintergrund: Die Regierung konnte oder wollte sich nicht zu durchgreifenden Maßnahmen entschließen, um Geldumlauf und Warenangebot in das rechte Verhältnis zu bringen. Außerdem wollte sie dem Ausland demonstrieren, dass Deutschland nicht in der Lage war, die geforderten Reparationen zu zahlen. 1923 waren die Ausgaben des Staates nur zu 19 Prozent aus ordentlichen Einnahmen gedeckt. Die Reallöhne schrumpften und der Mittelstand verlor die Ersparnisse und Rücklagen. Größter Profiteur der Inflation war der Staat, weil er seine inneren Schulden los wurde, und die Industrie, die Kredite aufnahm, wertbeständige Investitionen tätigte und die Kredite mit wertlosem Geld zurückzahlte. Mit der Rentenmark ab 16. November 1923, der Stilllegung der Notenpresse (Umtausch: eine Rentenmark = eine Billion Papiermark) und der Rückkehr zur Goldwährung 1924 war die Währung wieder stabil. Die Historiker Arthur Rosenberg und Walter Tormin urteilen: „Die systematische Enteignung des deutschen Mittelstandes (…) war eine der größten Räubereien der Weltgeschichte.“ 

(Bernd Lindenthal)

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