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50 Jahre Schwalmstadt: Acht Bürgermeister gründeten Großgemeinde

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Gebietsreform 1972: Die Gründer von Schwalmstadt unterschreiben die Urkunde zum Zusammenschluss von acht Kommunen.
Gebietsreform 1972: Die Gründer von Schwalmstadt, von links Bürgermeister Ernst Hohmeyer, Erster Stadtrat Dr. Kannapin, Landrat Albert Pfuhl, Reg. ass. Dr. Brauße, Bürgermeister Helmut George, Erster Stadtrat Theodor Luckhardt, Ziegenhain, Bürgermeister Hans Noll und Erster Beigeordneter Gerhard Schwalm, Ascherode, Bürgermeister Wilhelm Dittschar und Erster Beigeordneter Heinrich Bambey, Florshain, Bürgermeister Heinz Schmidt und Erster Beigeordneter Jakob Dorfschäfer, Frankenhain, Bürgermeister Heinrich Stähling und Erster Beigeordneter Heinrich Ries, Niedergrenzebach, Bürgermeister Wilhelm Hainmüller und Zweiter Beigeordneter Karl Blumenauer, Rommershausen, Bürgermeister Hellmut Frech und Erster Beigeordneter Otto Bradatsch, Trutzhain. Repro: Bernd Lindenthal © Repro: Bernd Lindenthal

50 Jahre Schwalmstadt: Eine Ausstellung des Stadtgeschichtlichen Arbeitskreises dokumentiert die Zeit der Gebietsreform im Jahr 1972.

Schwalmstadt. Wenn man noch in Erinnerung hat, wie schnell der Zusammenschluss der Städte Gießen und Wetzlar und weiterer Gemeinden zur Stadt „Lahn“ nach erbitterten Kämpfen wieder rückgängig gemacht worden war, ist man erstaunt, wie reibungslos scheinbar dieser historische Einschnitt in Schwalmstadt vollzogen wurde. Aber der Schein trügt, wie eine Ausstellung des Stadtgeschichtlichen Arbeitskreises auf zahlreichen Tafeln dokumentiert.

Erste Verträge

Am 8. Dezember 1970 um 10.45 Uhr wurde im Sitzungssaal des Landratsamtes von acht Bürgermeistern und den Ersten Beigeordneten der Vertrag unterzeichnet, der Treysa, Ziegenhain, Ascherode, Niedergrenzebach, Frankenhain, Trutzhain, Florshain und Rommershausen vereinte und von dem man sich zukunftsweisende Impulse versprach.

Bereits Anfang 1968 war die Idee aufgekommen, Treysa und Ziegenhain mit Ascherode und Niedergrenzebach zusammenzuschließen. Unsere Zeitung berichtete unter der Überschrift „Großgemeinde Schwalmfurt erstrebenswertes Ziel“ darüber, was die Bürger davon hielten. Die meisten nannten Einsparpotentiale und die Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung, wollten einen Bürgerentscheid und Vorurteile und Feindschaften hinter sich lassen. Herbert Seibel aus Ziegenhain meinte, das Altbewährte habe seinen Sinn und Berechtigung. Im Falle von Wuppertal seien zwei wirtschaftlich starke Gemeinden, Barmen und Elberfeld, zusammen gekommen. Hier sei auch die geografische Lage völlig anders. Der Bau des Rückhaltebeckens werde eine noch größere Trennung bringen. Georg Kümmel, Ascherode, gab zu bedenken, dass der dörfliche Charakter verloren gehe. Dr. Heinz Gonnermann, Treysa, erwartete eine größere Anziehungskraft durch den Zusammenschluss, mahnte aber, dass der Bau eines neuen zentralen Verwaltungsgebäudes auch hohe Kosten verursachen werde.

Harte Verhandlungen

Von nun an wurde intensiv und hartnäckig verhandelt. Nachdem alle Sondierungen zur Bildung eines Planungszweckverbandes gescheitert waren, stellte Landrat Albert Pfuhl im Februar 1970 die „Gretchenfrage“: Ob man nicht vom Zweckverband abrücken und gleich die Bildung einer politischen Großgemeinde anstreben wolle. Man könne bei freiwilligen Zusammenschlüssen bis Ende 1970 noch höhere Zuweisungen aus dem Finanzausgleich erwarten. Die HNA startete eine Umfrage nach einem passenden Namen. Neben Treyhain, Treyzingen, Ringstadt und Pfuhlbüttel waren die Schwalmbezüge häufig: Schwalmfeld, Schwalmberg, Schwalmburg, Schwalmhausen, Schwalmbrücken. Die deutliche Mehrheit votierte für Schwalmstadt.

Inzwischen waren auch Frankenhain und Trutzhain im Bunde, aber eine Einigung schien in weite Ferne gerückt, da Treysa darauf beharrte, dass die neue Verwaltungszentrale in ihrer Gemarkung liegen müsse, was Ziegenhain ablehnte. Dem Kompromissvorschlag aus Ascherode, das neue Rathaus zwischen die Bebauungsgrenzen von Treysa und Ascherode zu errichten, stimmte nur Treysa zu.

Große Lösung

Schließlich beschlossen die Stadtverordneten von Ziegenhain, eine „kleine Lösung“ nur mit Ziegenhain, Niedergrenzebach und Trutzhain anzustreben. Landrat Pfuhl hatte noch einmal mächtig Druck gemacht, es sei „eine Minute vor zwölf“ und das Land Hessen plane sowieso Zusammenlegungen, auf die man dann keinen Einfluss mehr habe. Am 31. Dezember 1970 bestätigte das Kabinett die große Lösung und gab ihr den Namen Schwalmstadt. Anträge von der Arbeitsgemeinschaft CDU, GDP und FDP und vom Schwälmer Heimatbund für die Bezeichnung „Treysa-Ziegenhain“ wurden abgelehnt. Bei der folgenden Kommunalwahl am 28. März 1971 erhielt die SPD 50,2 Prozent der Stimmen und 13 Sitze, die CDU 43,8 Prozent/11 Sitze und die FDP 6Prozent/1 Sitz. Helmut George, vorher Bürgermeister von Ziegenhain, wurde der erste Verwaltungschef der über 16 000 Menschen zählenden Großgemeinde.

Weitere Eingliederungswünsche von Wasenberg, Loshausen und Steina nach Schwalmstadt wurden von der hessischen Regierung kurz vor Weihnachten 1971 abgelehnt. Auch Michelsberg war am Beitritt interessiert und hatte gleich einen Investitionsplan mitgeschickt: Fertigstellung des Feuerschutzbeckens, Errichtung eines Kinderspielplatzes mit Planschbecken und Minigolfanlage, eine Wartehalle an der Bushaltestelle und Umbau der Schule zu einem Dorfgemeinschaftshaus. Offensichtlich hat das niemand verschreckt, denn das Gesuch wurde zum 1. August 1972 genehmigt, wie zuvor schon die Hereinnahme von Dittershausen und Wiera (1971) und von Rörshain (1972).

Die neue Gemeinde

Die neue Gemeinde entfaltete eine großzügige Investitionsplanung. Es wurde die Errichtung eines Freischwimmbades in Ziegenhain und eines Altenheims in Treysa beschlossen. Ziegenhain erhielt 1972 die erste Großsporthalle im Kreis neben der Carl-Bantzer-Schule, und mit dem Hochwasserstaudamm mit Schleuse bei Treysa wurde 1973 das teuerste von mehreren Objekten in den Kreisen Alsfeld, Ziegenhain, Fritzlar-Homberg und Melsungen entlang der Schwalm und ihren Nebenflüssen realisiert.

Die Hoffnung des Landrats, mit der neuen Großgemeinde habe man frühzeitig dafür gesorgt, ein gewichtiges Wort in der kommenden Verwaltungsreform mitreden zu können, erfüllte sich nicht. Am 1. Januar 1974 wurde Homberg/Efze das Zentrum des neu gebildeten Schwalm-Eder-Kreises.

Die Ausstellung im ehemaligen Ladengeschäft Dötenbier, Marktplatz 14, Treysa, ist noch bis zum 10. Juli von Donnerstag bis Sonntag, 15 bis 18 Uhr geöffnet. (Bernd Lindentahl)

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