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Neue Gesetze und steigende Preise verzögern Wärmenetze

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Von: Johannes Rützel

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Luftbild mit Plan des Fernwärmenetzes für Ascherode. Das Netz hat die Projektgruppe Nahwärme Ascherode in ehrenamtlicher Arbeit mit Unterstützung der Stadt Schwalmstadt vermessen.
Luftbild mit Plan des Fernwärmenetzes für Ascherode. Das Netz hat die Projektgruppe Nahwärme Ascherode in ehrenamtlicher Arbeit mit Unterstützung der Stadt Schwalmstadt vermessen. © Projektgruppe Nahwärme Ascherode

Ehrenamtliche setzen sich für Wärmenetze in Ascherode und Frankenhain ein. Neue Gesetze, steigende Preise und Rezession erschweren die Planungen.

Schwalmstadt – Der große Vorteil von Fernwärme: Es gibt nur noch eine Heizanlage für den gesamten Ort, das spart Kosten. Außerdem kann so auf billige Abwärme aus Kraftwerken oder Industrieanlagen zugegriffen werden. Das senkt den Kohlendioxid-Ausstoß für das Heizen im Vergleich zu Öl- oder Gasheizungen ganz erheblich.

Mit der fortschreitenden Energiewende und lokal verfügbaren Energiequellen wird auch für kleine Städte und Dörfer attraktiv, was früher nur großen Städten vorbehalten war: ein eigenes Fernwärmenetz.

In Wasenberg wird für das Wärmenetz erfolgreich auf die Abwärme von Blockheizkraftwerken gesetzt. Darin werden große Motoren mit Biogas betrieben und mit Generatoren Strom erzeugt. Die Abwärme aus dem Kühlwasser der Motoren kann mithilfe eines Fernwärmenetzes zum Heizen genutzt werden.

Ascherode

„Wir stehen für die Energiewende“, sagt Karin Wagner aus Ascherode. Sie setzt sich seit 2018 für ein Fernwärmenetz in Ascherode ein. Das Netz soll einer Genossenschaft gehören, die aus den Menschen besteht, die auch die Wärme aus dem Netz beziehen: „Von uns für uns!“, lautet das Motto.

Projektgruppe Nahwärme Ascherode: Jochen Dörrbecker, Rainer Schmitz, Friedhelm George, Karin Wagner, Rolf Knoche, Mike Kern, Armin Staufenberg (von links). Es fehlt Alexander Schenk.
Projektgruppe Nahwärme Ascherode: Jochen Dörrbecker, Rainer Schmitz, Friedhelm George, Karin Wagner, Rolf Knoche, Mike Kern, Armin Staufenberg (von links). Es fehlt Alexander Schenk. © Projektgruppe Nahwärme Ascherode

Die Machbarkeitsstudie des Projekts steht kurz vor dem Abschluss. Finanziert wurde die Studie von der Firma Energieeffizienz Kommunal Mitgestalten gGmbH und der Schwälmer Biogas GmbH & Co. KG.

Die Trassenplanung für das Wärmenetz ist in Ascherode schon fast abgeschlossen, sagt Karin Wagner. Derzeit gibt es Interessenten für 130 Gebäude. Insgesamt gebe es in Ascherode etwa 215 von insgesamt 220 Gebäuden, schätzt Wagner, bei denen eine Beheizung mit Fernwärme möglich ist. „Wir gehen davon aus, dass sich die Zahl der Interessenten noch steigert“, erwartet Wagner.

Ein Vollkostenvergleich für Privathaushalte liegt noch nicht vor. Wagner geht aber davon aus, dass der noch mal viele Menschen überzeugen wird, denn die Anschaffungs- und Wartungskosten für eine eigene Heizung fallen dank Fernwärme weg. Wer auf Fernwärme umrüste, könne außerdem bis zu 45 Prozent der Kosten für Heizungsausbau und Heizkörpermodernisierung vom Staat gefördert bekommen.

Verzögerung gibt es wegen des neuen Erneuerbare Energien Gesetzes, das ab Januar 2023 gelten wird und erst diesen Juli veröffentlicht wurde. Das habe etwa ein halbes Jahr Verzögerung gekostet, schätzt Wagner.

Karin Wagner kritisiert daran erstens die kurze Zeit, die bleibt, um sich auf das neue Gesetz einzustellen, und zweitens, dass die sogenannte Südquote im neuen EEG 2023 nicht weggefallen ist. Die Südquote besagt, dass mindestens die Hälfte der Fördergelder für Biogasanlagen nach Süddeutschland gehen muss, das heißt vor allem nach Bayern und Baden-Württemberg, um dort Stromengpässe zu verhindern. Nur wenige Landkreise in Südhessen profitieren von dieser Regelung.

Auch dem Bundesgesetz zur Förderung von Wärmenetzen hat die Europäische Union erst Anfang August zugestimmt, was die Planungen verzögert habe, sagt Wagner.

Die Verträge über Wärmelieferungen nach Ascherode mit der Schwälmer Biogas und der EAM EnergiePlus GmbH sind noch nicht geschlossen. Erst nach Vertragsschluss können eine Genossenschaft gegründet und das Wärmenetz verlegt werden.

Frankenhain

„Wir wollen Frankenhain lebenswerter machen, etwas Gutes beitragen und Strom und Wärme vor Ort produzieren“, sagt Armin Happel. Seit 2020 setzen er und Mitbürger aus Frankenhain sich in der Projektgruppe Energiedorf Frankenhain für ein eigenes Wärmenetz ein, das einer Genossenschaft gehören soll.

Die Projektgruppe Energiedorf Frankenhain: Robert Bambey, Wolfgang Schäfer, Dr. Michael Sonnekalb, Armin Happel, Harald Gömpel, Thomas Fischer, Frank Bruchholz (von rechts). Es fehlt Arno Dörr.
Die Projektgruppe Energiedorf Frankenhain: Robert Bambey, Wolfgang Schäfer, Dr. Michael Sonnekalb, Armin Happel, Harald Gömpel, Thomas Fischer, Frank Bruchholz (von rechts). Es fehlt Arno Dörr. © Projektgruppe Energiedorf Frankenhain

Wegen der unsicheren Preisentwicklung und Lieferschwierigkeiten sind dort die Planungen für das Netz vorerst zurückgefahren worden: „Das Projekt ist nicht beerdigt“, stellt Happel klar, denn alle Wärmenetz-Projekte hätten derzeit ähnliche Probleme.

Man müsse abwarten, da die Kosten derzeit nicht zuverlässig genug kalkuliert werden können, um eine Genossenschaft zu gründen.

Auch die Wärmeversorgung für Frankenhain ist noch nicht geklärt. Nur mit Fotovoltaik kämen sie nicht aus, sagt Happel, zusätzlich müsse noch etwas verbrannt werden, wie Pellets oder Hackschnitzel. Aber auch für die Pellets habe sich der Preis verdreifacht.

Biogas käme weniger in Betracht, da es in Frankenhain nur einen Landwirt gibt. Am einfachsten wäre die Kombination von Fotovoltaik mit Erdwärme, erklärt Happel.

Neben dem Ort stehen auch drei große Windräder der Bürgerwind Schwalmstadt GmbH. Frankenhain liegt direkt an der Stromleitung. Allerdings könne die Bürgerwind Schwalmstadt GmbH den Strom nicht direkt an die Frankenhainer verkaufen. „Dafür müsste Bürgerwind zu einem Energieversorger werden“, erklärt Happel. Das heißt, sie müsste auch ein Stromnetz betreiben. Derzeit seien dafür aber die rechtlichen Hürden und die Kosten zu hoch, ärgert sich Happel.

Trotz der Unwägbarkeiten ist die Resonanz in Frankenhain sehr groß. „Da sind fast alle mit im Boot, auch Leute, deren Heizung erst wenige Jahre alt ist“, freut er sich. 65 von etwa 80 Gebäuden in Frankenhain sollen an das Wärmenetz angeschlossen werden. Die Machbarkeitsstudie sei auch schon fast fertig.

Informationen: Unter frankenhain.info und nahwaerme-ascherode.de stellen die Gruppen ihre Pläne vor.

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