Vorwurf lautet fahrlässige Tötung

Nach Drama um drei ertrunkene Geschwister: Anklage gegen Neukirchens Bürgermeister

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Idylle im Ortsteil Seigertshausen: In diesem Löschteich ertranken am 18. Juni 2016 die drei Geschwister.

Neukirchen. Im Sommer 2016 stand Neukirchen in der Schwalm unter Schock: In einem Dorfteich waren drei Geschwister ertrunken. Nun ist gegen Bürgermeister Klemens Olbrich Anklage erhoben worden.

Aktualisiert: 15.45 Uhr ++ Die Tragödie um die drei in einem Dorfteich ertrunkenen Geschwister sorgte im Sommer 2016 deutschlandweit für Betroffenheit - nun nimmt der Fall eine neue Wendung. Gegen den Bürgermeister von Neukirchen ist Anklage erhoben worden. Die Staatsanwaltschaft Marburg wirft Klemens Olbrich (CDU) fahrlässige Tötung vor, wie ein Behördensprecher am Freitag mitteilte. 

Der Rathaus-Chef als Verantwortlicher für Sicherungsmaßnahmen habe es versäumt, den Löschteich als potenzielle Gefahrenquelle abzusichern und einzuzäunen. Lange Zeit war unklar, welchen Zweck der Dorfteich erfüllt und ob und wie er hätte gesichert werden können oder müssen. Bürgermeister Olbrich, gelernter Jurist und seit mehr als 25 Jahren im Amt, sprach von einem "Fischteich" oder "Freizeitteich", der keines Zaunes bedürfe. Für die Staatsanwaltschaft ist es hingegen ein "Löschwasserrückhalteteich" - und für den hätten Sicherungspflichten bestanden, für die der Bürgermeister verantwortlich sei. Die Staatsanwaltschaft geht in ihrem Ermittlungsergebnis davon aus, dass es dem Bürgermeister bekannt war, dass die Fläche rund um den Teich als Freizeit- und Spielfläche genutzt wurde. 

Wie die HNA ebenfalls am Freitag aus informierten Kreisen erfuhr, erhielt der Verwaltungschef die Schrift bereits kurz vor Weihnachten – aus dem Amtsgericht Treysa. Es muss nun entscheiden, ob die Anklage zugelassen und ein Prozess eröffnet wird. 

Das kann passieren, wie der Verteidiger Karl-Christian Schelzke unserer Zeitung bereits im September 2017 sagte. Aber auch eine Verfahrenseinstellung ist möglich, davon gehe er aus, so Schelzke seinerzeit. Der prominente Strafverteidiger – Schelzke ist langjähriger Direktor des Hessischen Städte- und Gemeindebundes – dementiert die Annahme der Staatsanwaltschaft, es handele sich in Seigertshausen um einen Feuerlöschteich. Eine komplette Einfriedung sei nie ein Thema gewesen, nicht in und nicht vor Olbrichs Zeit, Fahrlässigkeit sei nicht erkennbar. Schelzke erneuerte diese Ansicht laut Medienberichten, Olbrich könne nicht für das Geschehene verantwortlich gemacht werden. 

Wie mit der Sicherheit an sogenannten Löschwasserentnahmestellen zu verfahren ist, regelt eine DIN-Verordnung. Demnach muss ein Löschteich mit einem mindestens 1,25 Meter hohen Zaun abgegrenzt werden. An dem Teich waren seiner Zeit nur Warnschilder angebracht. Nach dem Unglück hatten Angehörige der Familie den Vorwurf geäußert, dass lediglich Warnschilder keinen ausreichenden Schutz böten. Verteidiger Schelzke hingegen ist der festen Überzeugung, dass der Teich schon immer auch dem Badevergnügen diente, Erholungs- und Freizeitcharakter hat. 

Das Ermittlungsverfahren sorgt weiterhin bundesweit für Aufsehen, denn Seigertshausen gilt schon jetzt als Präzedenzfall. Die großen Fragen sind, wie Gewässer zu klassifizieren sind und ob die Bürgermeister in Unglücksfällen persönlich geradestehen müssen. 

Wann genau mit der offiziellen Reaktion des Schwalmstädter Amtsrichters zu rechnen ist, ist nicht bekannt. In einem zu eröffnenden Hauptverfahren würde es weiterhin um die Funktion des Teiches gehen, mit mutmaßlich neuen Ortsterminen, außerdem darum, welche Stellung ein Bürgermeister generell im Bezug auf Gewässer in seinem Verantwortungsbereich einnimmt.

Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich

Die drei Kinder im Alter von fünf, acht und neun Jahren hatten sich am Abend des 18. Juni 2016 an dem Teich im Ortsteil Seigertshausen (Schwalm-Eder-Kreis) aufgehalten und waren darin ohne Fremdeinwirkung ertrunken. Gegen die Mutter, die ihre Aufsichtspflicht verletzt haben könnte, ist das Ermittlungsverfahren noch nicht abgeschlossen, wie Behördensprecher Nicolai Wolf sagte. Der Vater sei nicht beschuldigt, weil er zum Zeitpunkt nicht zu Hause gewesen sei. Der elf Jahre alte Bruder hatte seine Geschwister an dem Abend gesucht und nach Hause holen wollen. Als er das Unglück sah, alarmierte er Nachbarn und diese dann die Rettungskräfte. Nach Erkenntnissen der Ermittler konnten der fünfjährige Junge und seine achtjährige Schwester nicht schwimmen. Der Neunjährige konnte schwimmen, er kam in dem trüben, 40 Meter breiten und ein bis zwei Meter tiefen Teich dennoch ums Leben. Die syrische Familie verlor drei ihrer fünf Kinder.

Da es um ein laufendes Verfahren geht, werde er sich zur Sache nicht äußern, so Bürgermeister Klemens Olbrich am Freitagmittag zur HNA. Er erwarte ein breites Medienecho und viele Anfragen. Wenn ein Hauptverfahren eröffnet werden sollte, werde es weiter um die Funktion des Teiches in Seigertshausen gehen und darum, welche Stellung er persönlich einnimmt. Zu einem drohenden Strafmaß wollte sich Olbrich ebensowenig äußern, laut dem Strafgesetzbuch liegt der Strafrahmen für fahrlässige Tötung bei einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe. (mit dpa)

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