Infoveranstaltung zur Hähnchenmast – Unmut in Seigertshausen

Emotionen kochen wegen Maststalls hoch: Dorf ernsthaft in Sorge

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Aufmerksame Zuhörer: Blick in den Saal am Donnerstagabend.

Seigertshausen. Das Thema Hähnchenmaststall bewegt die Seigertshäuser. Am Donnerstagabend kamen rund 200 Menschen zu einer Informationsveranstaltung.

Im Laufe des Abends verließ die Diskussion teilweise die Sachebene.

Architekt Christopher Denhof stellte die Eckpunkte des Stalls vor. Geplant ist ein Neubau für 29.900 Tiere mit 18.036 Quadratmetern Nutzfläche. Die Besatzdichte beträgt laut Architekt 39 Kilogramm oder 13 bis 14 Tiere pro Quadratmeter. Der Mist werde in einer Biogasanlage verwertet, die Hähnchen in Gudensberg geschlachtet. Alle Gutachten hätten den geplanten Standort als geeignet eingestuft. Ein alternativer Standort würde 100.000 Euro Mehrkosten verursachen, so der Planer: „Damit sind Projekte in diese Größenordnung tot.“ Die Belastung mit Bio-Aerosolen sei irrelevant, sagte Denhof: „Aus planerischer Sicht sind wir im grünen Bereich.“

Gut vorbereitet versuchte Andreas Suender vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen den Zuhörern das Genehmigungsverfahren zu erläutern. Er sei neutral und treffe seine Entscheidung auf Grundlage gültiger Bescheide und Gesetze, betonte Suender. Stellenweise geriet sein Vortrag oberlehrerhaft. Immer wieder lieferte sich der Fachmann regelrechte Wortgefechte mit Kritikern des Projekts. Seine Tochter im Kindergarten habe ein besseres Diskussionsverhalten als so mancher im Saal, so der Landesbedienstete genervt: „Ich bin nicht hier, um mich anpöbeln zu lassen.“

Eine Informations-, keine Bürgerversammlung: Links Seigertshausens Ortsvorsteher Gerhard George und Bürgermeister Olbrich.

Im Laufe des Abends wurde Bürgermeister Klemens Olbrich vorgeworfen, er ergreife einseitig Partei für die Familie, die den Stall bauen will. Einige kritisierten die Form der Versammlung und forderten vehement eine Bürgerversammlung. Neukirchens Stadtverordnetenvorsteher Willi Berg zeigte hierfür durchaus Verständnis: „Eine Bürgerversammlung wäre die bessere Alternative gewesen.“

Rein rechtlich ist am Stall offenbar nicht zu rütteln

Der Saal im Jägerhof war bis auf den letzten Platz gefüllt am Donnerstagabend, wer zu spät kam, musste mit einem Stehplatz vorliebnehmen. Gar ein Fernsehteam war vor Ort, die Diskussion war hitzig, ein in den Saal geworfenes „Halt du mal die Fresse“ blieb aber glücklicherweise die einzige Entgleisung.

Der Bürgermeister

Verwaltungschef Klemens Olbrich wies mehrmals darauf hin, dass es sich um eine Informationsveranstaltung und nicht um eine Bürgerversammlung handele. Man wolle der Familie Dietz die Möglichkeit geben, über das Bauvorhaben zu informieren, so Olbrich. Die Kompetenzen des Magistrats im Genehmigungsverfahren seien gering, und das gelte noch viel mehr für den Ortsbeirat, betonte der Bürgermeister: „Wir haben lediglich eine baurechtliche Stellungnahme abzugeben.“

Die Referenten

Architekt Christopher Denhof stellte das Stallprojekt (29 900 Tiere, 18 036 Quadratmeter) kurz vor. Andreas Suender vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen betonte seine Neutralität. In der Sache handele es sich um ein privilegiertes Bauvorhaben, das dem Baugesetzbuch und nicht dem Bundesimmissionsschutzgesetz unterliege, erklärte er: „Wir sprechen über das kleinste Mastvorhaben, das möglich ist.“

Die von Christopher Dietz vorgelegten Unterlagen würden den gesetzlichen Vorgaben entsprechen, so Suender auf Nachfrage eines Seigertshäusers: „Egal was Sie machen, er wird das rechtlich durchbringen.“

Suender bat zu bedenken, dass im Gegensatz zu früher die Produktion von Lebensmitteln heute auf wesentlich weniger Schultern laste und daher größere Ställe erforderlich seien.

Die Kritik

Immer wieder ging es in der Diskussion um die Frage des Standorts und Gutachten zur vorherrschenden Windrichtung. Die von den Fachleuten angeführten Windgutachten wurden von vielen Seigertshäusern angezweifelt. „Wenn die Windrichtung stimmt, dann können die ganzen krankmachenden Keime über das Dorf geblasen werden“, kritisierte ein Projektgegner. Es handele sich auch um eine moralische Frage, meinte ein Mann: „Will die Familie Dietz die wirtschaftliche Vorteile zulasten der Bevölkerung nehmen?“

Es gab aber nicht nur Kritiker: Ein Vertreter des Kreisbauernverbands warb um Verständnis für die moderne Landwirtschaft und eine Landwirtin wies daraufhin, dass der Einsatz von Antibiotika bei der Hähnchenmast rückläufig sei. „Seid doch froh, dass ihr noch Landwirte habt“, stellte ein Landwirt aus Obergrenzebach fest.

So geht es weiter

Ortsvorsteher Gerhard Georg teilte mit, dass der Ortsbeirat am kommenden Mittwoch seine Stellungnahme abgeben werde. Der Fraktionssprecher von Bündnis 90/Die Grünen, Holger Arndt, kündigte an, dass seine Fraktion für April beim Stadtverordnetenvorsteher die Einberufung einer Bürgerversammlung beantragt habe.

Wolfram Bauer, Pressesprecher von „Pro-Seigertshausen“ begrüßte die Initiative der Grünen ausdrücklich. Man erhoffe sich durch eine Bürgerversammlung eine Versachlichung, so Bauer. Er gab zu bedenken, dass Gemeinwohl Vorrang vor individuellen Aspekten haben sollte. Im Rahmen einer Bürgerversammlung können alle Fragen stellen und Vorschläge unterbreiten.

Am Ende zeigte sich Christopher Dietz gelassen. Er habe alle Auflagen erfüllt und werde den eingeschlagenen Weg fortsetzen.

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