Neukirchener Straßennamen

Justus Ritter: Bürgermeister der Nazis und Pionier des Kurorts

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Justus Ritter, ehemaliger Bürgermeister Neukirchen, war bekennender Nationalsozialist. Er gilt als Pionier des Kurortes.

Justus Ritter wurde am 23. Mai 1883 in Neukirchen geboren. Schon früh, mit 23 Jahren, versah er in der Stadt das Amt des Stadtrechners und Stadtkämmerers.

Als Friedrich Weber 1933 seine Amtszeit als Bürgermeister beendete, blieb die Stelle lange unbesetzt. Warum Justus Ritter erst am 14. Januar 1936 zum Zuge kam, lässt sich nicht mehr klären. Die Voraussetzung, dass er Mitglied der regierenden NSDAP war, erfüllte er seit dem 1. Oktober 1932, also zu einem Zeitpunkt, wo man es weder als Jugendsünde noch als unter dem Druck der Verhältnisse vollzogen bewerten könnte.

Bei seiner Amtseinführung ging der Dank zunächst an den Beigeordneten Parteigenossen Lauer, der in „selbstloser und gerader Weise“ die Geschäfte des Bürgermeisters kommissarisch geführt habe. Dieser entgegnete, „dass ein Nationalsozialist, der dem Führer den Eid der Treue geleistet hat, nur seine Pflicht tut und nicht nach Dank, aber auch nicht nach der Kritik fragt“. (Ziegenhainer Zeitung 17.1.1936) 

Daraufhin nahm Landrat Wisch die Amtseinführung vor, wobei er ausführte: „Das Amt eines Bürgermeisters sei schwer und verantwortungsvoll, es sei vielleicht besonders schwer für ihn, der unter Umständen in schwere innere Konflikte kommen könne, wenn seine Amtshandlungen in Widerstreit gerieten mit Pflicht und Gelöbnis auf der einen Seite und menschlich zu verstehenden freundschaftlichen oder verwandtschaftlichen Bindungen andererseits.

Für ihn gelte noch mehr als für andere Volksgenossen der Grundsatz: Allgemeinnutz geht vor Eigennutz. (…) In Neukirchen seien durch das Zusammenlegungsverfahren sowohl für die Stadt als auch für viele einzelne Einwohner besondere Schwierigkeiten entstanden, die zu beseitigen oder auf ein erträgliches Maß zurückzuführen für ihn vornehmste Aufgabe sei. Er erwarte aber vor allem als Landrat sowie als Kreisleiter von ihm, dass alle seine Maßnahmen von echt nationalsozialistischem Geiste getragen seien, ohne Rücksicht darauf, welche Kritik man an ihm üben werde.“

Justus Ritter dankte und versprach, sich nur von dem Gedanken leiten zu lassen, seiner geliebten Vaterstadt und der Gesamtheit ihrer Bewohner nach Kräften zu dienen.

„Er schloss sein Gelöbnis mit einem Sieg-Heil auf unser Vaterland und seinen herrlichen Führer, worauf die Versammlung dieses Bekenntnis durch die beiden Trutzlieder [Horst-Wessel-Lied und Deutschland-Lied] bekräftigte.“ (Ebd.)

Barbara Greve bescheinigt ihm, „kleine schützende Gesten“ gegenüber Juden, und ein früherer HNA-Artikel spricht davon, Ritter habe sich „des öfteren solidarisch“ gegenüber den Juden gezeigt. Das Entnazifizierungsverfahren stufte ihn als minderbelastet ein, der Hessische Innenminister verweigerte aber seine Weiterbeschäftigung als Bürgermeister.

In Neukirchen ist Justus Ritter als Pionier des Kurortes, den er zur „Sommerfrische“ für Erholungssuchende entwickeln wollte, in Erinnerung geblieben.

Auf ihn geht der Bau des Freibades zurück. Weiteren Plänen stand der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges entgegen. Ritter blieb bis zum 20. Juli 1945 Bürgermeister. Er starb in Neukirchen am 1. März 1960.

Zustimmung für NSDAP war bereits früh sehr groß 

Die Zustimmung zur NSDAP war in Neukirchen schon sehr früh groß. Wählten bei der Reichstagswahl am 14. September 1930 im Reich 18,3 Prozent die Hitler-Partei, waren es in dem Knüllstädtchen 41,8 Prozent Dieser Anteil kletterte bei der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 auf 69 Prozent (Reich: 37,3 Prozent). Neben dem Bürgermeisteramt gehörte Ritter zur Kreisleitung der NSDAP, wo ihm das Kreis-Parteigericht unterstand. Als es wegen des Boykotts gegen jüdische Händler immer schwieriger wurde, 

Därme für die Hausschlachtungen zu bekommen, wandte sich Ritter an den Landrat mit der Bitte zu ermitteln, „ob hier eine Machenschaft der jüdischen Händler im Spiele steht“. (B.Greve, Neukirchen, S.93) Nachdem Adolf und Rosalie Grünebaum von Neukirchen nach Kirchhain verzogen waren und der dortige Bürgermeister sich zu deren Auswanderungsbemühungen äußern sollte, schrieb er u.a. „Der Bürgermeister Ritter aus Neukirchen hat ihn mir als einen großen Halunken geschildert.“ (Ebd. 122)

Von Bernd Lindenthal

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