Kopfschütteln über Kriegsblätter

Leserin entdeckt Schwälmer Zeitungsausgaben voller Hetze und Propaganda

Neukirchen. Einen Fund von „Der Schwalmkreis" aus den frühen 1940er Jahren möchte unsere Leserin Irene Wingert aus Neukirchen anderen Interessierten nicht vorenthalten.

Nachdenklich stimmender Zeitungsfund: Irene Wingert kam damit in der Redaktion vorbei. Foto: Quehl

Sie hat in den stark vergilbten Blättchen gelesen und ist bestürzt über die völkische und rechtsnationale Propaganda in nahezu allen Beiträgen. „Ich finde, in Zeiten von Pegida sollte man auf solch ein Gedankengut ruhig einmal aufmerksam machen“, erklärte Irene Wingert bei einem spontanen Besuch in der HNA-Redaktion in Treysa.

Ihre Mutter hatte sich die Ausgaben ein Leben lang aufbewahrt, weil Familienanzeigen darin abgedruckt waren. Beim Ordnen deren Nachlasses war die Neukirchenerin auf die Ausgaben des „Amtlichen Kreisblattes für den Kreis Ziegenhain“ gestoßen.

In Frakturschrift liest man am 12. Mai 1943 die Überschrift: Jude verübte Mordanschlag in Sofia, bolschewikisch verseuchte Elemente seien verhaftet worden. Außerdem: Londoner Juden jammern über wachsenden Antisemitismus. Im kleinen Privatanzeigenteil danken Heinz Gischler und Frau Anneliese, Irene Wingerts Eltern, für die Aufmerksamkeiten zur Kriegstrauung. Weitere Anzeigen: „Ich lege dauernd Gift in meinem Garten neben dem Hexenturm“, warnt eine Treysaerin, die in der Horst-Wessel-Straße wohnt.

Die NS-Frauenschaft Ziegenhain bittet zum Gemeinschaftsabend donnerstags um 8 Uhr abends ins Rathaus. Im Burgtheater Treysa wird als Kulturfilm ein Streifen über „Deutsche Arbeitsstätten“ gezeigt.

Irene Wingert, geboren als stark untergewichtiges Zwillingsbaby unter widrigen Bedingungen im Mai 1944 in Marburg, hat ihren Vater nie gesehen.

Er war damals Soldat in Russland, seit jenem Jahr hörte die Familie nichts mehr über sein Schicksal. Nachforschung der Mutter Anneliese, geborene Mantz aus Ottrau, später verheiratete Zimprich, ergaben nichts. „Ich kann einfach nicht verstehen, warum Menschen auch heute noch auf rechtes Gedankengut hereinfallen können“, sagt Irene Wingert.

Jedenfalls hält sie die Lektüre des Amtlichen Nachrichtenblattes für Treysa, Ziegenhain, Frielendorf, Neukirchen und Schwarzenborn im Verlag Römer und Ordemann (Treysa) noch heute für lehrreich: Darin ist über SA-Schießwettkämpfe in Ziegenhain zu lesen, direkt über dem Bericht zweier jugendlicher Lebensretter in Treysa und dem 150. Jubiläum einer Firma in Neukirchen. Der Gauobmann gratulierte und stellte den „sippengeschichtlichen Wert der Familie heraus“. Beide Söhne „standen im Feld“.

Von Anne Quehl

• Interesse an den Ausgaben leitet die Redaktion gern weiter,
E-Mail: schwalmstadt@hna.de

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