Noch immer kein Abschluss

Seigertshausen: Teichunglück jährt sich zum fünften Mal

Teich in Seigertshausen
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Gesichert: Im Bereich des Westufers, dort wo 2016 die drei Kinder ums Leben kamen, ließ die Stadt einen Zaun errichten. Zusätzlich wurden Bauzaunelemente aufgestellt.

Das tragische Teichunglück in Seigertshausen erschütterte vor fünf Jahren die Menschen weit über die Grenzen der Region hinaus. Wir werfen nochmal einen Blick auf die Ereignisse.

Seigertshausen. Heute vor fünf Jahren, am Abend des 18. Juni 2016, ertranken im Seigertshäuser Dorfteich drei Kinder – drei Geschwister im Alter von fünf, acht und neun Jahren. Ein tragisches Unglück, das die Menschen weit über die Grenzen der Region erschütterte und bis zum heutigen Tag noch nicht endgültig juristisch aufgearbeitet ist.

Das Unglück

Der Unfall ereignete sich am Samstagabend – zwischen 19 Uhr und 20.39 Uhr, heißt es in der Urteilsbegründung des Amtsgerichts Schwalmstadt. Der genaue Zeitpunkt ist unbekannt.

Was genau geschah, konnte im Detail nicht mehr rekonstruiert werden. Vermutlich fiel mindestens eins der Kinder beim Spielen am westlichen Ufer in der Nähe des dortigen Stegs ins Wasser. Die anderen Kinder sprangen hinterher, um das Geschwisterkind zu retten. Laut Gerichtsakte konnte ein Kind gut, ein weiteres zumindest etwas schwimmen. Der Rettungsversuch misslang. Keins der Kinder gelangte aus eigener Kraft ans rettende Ufer. Der gepflasterte, glatte und regennasse Steilhang machte das Unterfangen unmöglich – ein Punkt, der später im Prozess noch eine wichtige Rolle spielen sollte.

Über 50 Einsatzkräfte von Feuerwehr und DLRG waren an dem erfolglosen Rettungseinsatz beteiligt. Taucher und Rettungsschwimmer bargen die drei ertrunkenen Kinder aus dem Gewässer. Das ganze Dorf nahm Anteil am Schicksal der Familie, das Medieninteresse war groß.

Der Prozess

Wie nicht anders zu erwarten, stand nach dem Unglück sehr schnell die Frage der Schuld im Raum. Im Fokus waren zum einen die Stadt Neukirchen und an deren Spitze der damalige Bürgermeister Klemens Olbrich, zum anderen die Eltern. Nach Abschluss der Ermittlungen wurde gegen Olbrich Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben. Die Verhandlung vor dem Amtsgericht in Schwalmstadt im Januar 2020 dauerte fünf Tage. Verteidigt wurde Klemens Olbrich damals von Karl-Christian Schelzke, zu diesem Zeitpunkt Geschäftsführender Direktor des Hessischen Städte- und Gemeindebundes.

Da ein solches Unglück überall möglich ist, wurde das Verfahren deutschlandweit von Bürgermeistern mit großem Interesse verfolgt, schließlich ging es um die Frage, wie weit die persönliche Verantwortung eines Verwaltungschefs für die Sicherheit in seiner Kommune geht. Eine Frage, die auch nach der Verurteilung von Klemens Olbrich noch nicht abschließend beantwortet ist. Das Amtsgericht verurteilte den Verwaltungschef wegen fahrlässiger Tötung in drei Fällen durch Unterlassung zu einer Geldstrafe in Höhe von 12 000 Euro, zahlbar in 100 Tagessätzen. Die Strafe wurde für zwei Jahre auf Bewährung ausgesetzt.

Nach Ansicht des Gerichts hatte der Verwaltungschef nicht für eine ausreichende Absicherung des Seigertshäuser Teichs gesorgt und damit die Verkehrssicherungspflicht vernachlässigt. Das führte kausal zum Unglück, da eine Selbstrettung an dem Steilufer nicht möglich gewesen sei. Verteidigung und Anklage legten Berufung gegen das Urteil ein.

Die Falschaussagen

Völlig überraschend kam es im Sommer 2020 in Neukirchen zu Hausdurchsuchungen bei Zeugen des Teichprozesses. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Falschaussage zugunsten Klemens Olbrichs. In dem Zusammenhang kam zutage, dass Neukirchens Verwaltung wohl bereits 2014 von einer Versicherung auf die Gefahr am Teich in Seigertshausen aufmerksam gemacht worden war. Dieser Sachverhalt sei den Zeugen bekannt gewesen, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. (Matthias Haass)

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