Dialekt-Serie

Dialekt ist heute selten: Ewald Manz spricht Friedigeröder Platt

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Hier versteht man ihn: Ewald Manz, Ortsvorsteher von Friedigerode, auf seiner Terrasse mit den Dächern seines Heimatorts im Rücken.

Friedigerode. Mundarten – gefühlt jeder Ort in unserer Region hat seine eigene. Doch wer sind die Menschen, die ihre Dialekte so lieben? Ewald Manz ist einer von ihnen.

Was „Greng Wärk“ bedeutet, das wissen sogar viele in Oberaula nicht. Sagt Ewald Manz. „Greng Wärk“, das sei nämlich typisch Friedigeröderisch. „Und es heißt?“, fragt der HNA-Reporter. „Spanschlauch“, sagt Manz – guckt hoffnungsvoll und merkt dann schnell, dass das auch nicht weiterhilft.

Von Manz’ Terrasse aus kann man über die roten Hausdächer Friedigerodes in Richtung Oberaula blicken. Rund zwei Kilometer sind es von hier bis dorthin. Zwei Kilometer nur – die für manche Wörter schon zu weit sind.

Einige von ihnen hat Manz extra für das Gespräch am Computer abgetippt. „Die schönsten Wörter und Ausdrücke der Freiererer Platt“, steht über der Tabelle, die eine Vokabel-Liste ist. Manz ist Lehrer. Für Mathe und Chemie zwar, am Gymnasium in Homberg – doch an die Schulzeit erinnert das Ganze allemal.

Die Quatschköpfe aus Friedigerode

Über Jahre hat Ewald Manz Theaterstücke aus dem Hochdeutschen ins „Freiererer Platt“, also ins Friedigeröder Platt übersetzt. Für seine Theatergruppe, die Freiererer Olwettskepp. „Olwettskepp“, das heißt so viel wie Quatschköpfe. Die Spaßmacher.

Aus einem Spaß heraus, sagt Manz, ist die Gruppe 1987 auch entstanden. Damals sei hier an den Sonntagen der Kirmes nicht mehr viel los gewesen. Also habe sich eine Gruppe junger Leute zusammengetan, um Sketche vorzuführen. Ewald Manz mittendrin.

Von 1995 bis 2016 war er der Vorsitzende der Theatergruppe, die heute 20 Mitglieder zählt, die ihre Texte jetzt sogar selbst übersetzen. Weil sie Friedigeröder Platt gelernt haben, es mittlerweile spielen können, sagt Manz. Er aber, er denkt Platt. Manz murmelt auf Platt, er flucht auf Platt.

In den 60ern war der Dialekt noch verbreitet

Als Ewald Manz 1961 in Friedigerode geboren wurde, sei es normal gewesen, dass Eltern mit ihren Kindern Dialekt sprechen. „1965 wurde dann eine Grenze gezogen“, sagt der 56-Jährige, und schneidet mit der flachen Hand eine Schneise in die Luft vor ihm, in dem Wohnzimmer seines Hauses, in dem neben ihm auch sein Bruder wohnt. Der und seine Schwester, beide jünger, hätten dann, in den Jahren nach der sprachlichen „Grenzziehung“, nur noch Hochdeutsch gelernt.

„Das war wie eine Welle“, sagt Manz, „die ging von Osten bis Westen.“ In Kircheim etwa, also im Osten, gebe es heute niemanden mehr in seinem Alter, der noch Dialekt spricht. In der Schwalm hingegen, im Westen, sprächen auch Jüngere noch Platt. „Das war eine Modernisierungswelle“, sagt Manz. „Damals haben sich die Leute auch von ihren alten Möbeln getrennt.“

"Es ist nicht mehr zeitgemäß"

Dass Dialekte aussterben, das weiß auch er. „Mit jedem Menschen hier stirbt auch ein bisschen Friedigeröder Platt.“ Ein trauriger Satz. Macht ihn das traurig? Dass man hier oben – wo nur Bäume rauschen und Vögel zwitschern und ab und zu ein Hahn kräht – künftig auch immer seltener einen Menschen „Greng Wärk“ sagen hören wird?

Ewald Manz schüttelt den Kopf. „Es ist schade, ja. Aber auch nicht mehr zeitgemäß.“ Grund dafür sei die Globalisierung. „Früher waren die Dörfer mehr für sich. Man kam ja nicht so oft raus.“ Sagt der Mann, der schon immer hier wohnt und zugibt, dass er erst vor zwei Jahren erfahren hat, dass ein anderes Wort für „Spanschlauch“ Porree ist.

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