Hüterin der Ortsgeschichte

Oberaulas Ehrenbürgerin Marie Goletz ist mit 99 Jahren gestorben

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Chronistin aus Leidenschaft: Das Foto zeigt Marie Goletz bei der Übergabe des Bildbandes der Oberaulaer Chronik im Jahr 2012.

Oberaulas Geschichte und Geschichten lagen Marie Genovefa Goletz wie keiner anderen am Herzen.

Akribisch und über viele Jahre hat sie die Historie aufgearbeitet und eine zweibändige Chronik verfasst. Jetzt ist die Ehrenbürgerin der Gemeinde Oberaula mit 99 Jahren gestorben.

Marie Goletz stammt aus Oberschlesien, wo sie bei einer Pflegemutter aufwuchs. In Schönwald, Kreis Gleiwitz, besuchte sie bis 1934 die Volksschule, in Winterhalbjahren bis 1937 die Fortbildungsschule. Nach dem Pflichtjahr musste Marie Goletz während des Krieges in einer Firma für Luftschutz arbeiten. Nach Feierabend bildete sie sich fort, erlernte Kurzschrift und Schreibmaschine schreiben.

Auch interessierte sich die junge Frau sehr für Literatur, regelmäßig besuchte sie die Stadtbücherei Gleiwitz, besonders die Klassiker hatten es ihr angetan. Weil es keine Lehrbücher in Latein gab, lernte Marie Goletz die italienische Sprache.

Im Oktober 1944 verpflichtete man sie, im Reichsbahn-Wagenausbesserungswerk in Gleiwitz als Umschülerin zu arbeiten, anschließend wurde Goletz im Betrieb eingesetzt, unter anderem wirkte sie an der Mitgestaltung der Werkzeitung mit. 1945 wurde die junge Marie aus Schönwald ausgewiesen, es folgten Lageraufenthalte im Sudetenland, der Tschechoslowakei und Österreich, die mit der Einweisung nach Hessen endeten. Marie Goletz fasste Fuß in der neuen Heimat, war zunächst als Stenotypistin tätig, ab 1949/1950 dann als Büroangestellte beim Kreisverband der Heimatvertriebenen in Neukirchen. Zwischenzeitlich besuchte sie Kurse in Eilschrift bei staatlich geprüften Übungsleitern, auch einen Lehrgang in doppelter Buchführung.

Ihre Fähigkeiten waren gefragt: Goletz arbeitete von 1951 bis 1955 als Büroangestellte bei Rechtsanwalt und Notar Wilhelm Meissner in Oberaula, danach vier Jahre bei Rechtsanwalt und Notar Spitzer. Ihr Ehrgeiz zahlte sich aus: 1956 legte sie die Prüfung zur Anwalts- und Notargehilfin vor der Anwaltskammer in Frankfurt ab. Von 1959 bis 1980 war Marie Goletz dann beim Amtsgericht Neukirchen, Zweigstelle Oberaula, angestellt. Nach dessen Auflösung arbeitete sie beim Amtsgericht Treysa.

Als Rentnerin widmete sich Marie Goletz der Aufarbeitung der Ortsgeschichte. „Das umfassende Gesamtwerk ist die wichtigste Publikation der Gemeinde Oberaula“, erklärt Bürgermeister Klaus Wagner. Für die großen Verdienste wurde die Oberaulaerin 1995 mit der Goldenen Ehrenplakette der Gemeinde ausgezeichnet, 1999 zur Ehrenbürgerin ernannt. Der Ehrenbrief des Landes Hessen wurde Goletz 1997 verliehen, die Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens im Jahr 2000.

Bis ins hohe Alter hatte sich Marie Goletz der Geschichte verschrieben – nicht nur der ihrer neuen Heimat, sondern auch der ihrer Heimat Schönwald (Oberschlesien). „Sie hat ihre zweite Heimat geliebt und sich bei den Oberaulaern ein großes Ansehen erworben“, fasst Wagner den Lebensweg zusammen. Man werde sich mit großem Respekt an diese außergewöhnliche Frau erinnern.

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