Hausärzte könnten sofort starten

Ottrau: Allgemeinmediziner Udo Wiedmann kritisiert Impfstrategie

Allein auf ein zentrales Impfzentrum zu setzen, hier ein
+
Allein auf ein zentrales Impfzentrum zu setzen, hier ein

Ab Mitte April soll in Arztpraxen gegen Corona geimpft werden – das empfehlen die Gesundheitsminister der Länder. Über Monate hatten Bund und Länder die Hausärzte bei ihrer Impfstrategie aber nicht auf dem Schirm.

Schwalm. Die Bereitschaft, Corona-Impfungen anzubieten, haben viele niedergelassene Ärzte längst signalisiert. Allerdings verzögert sich der Impfstart immer wieder. Das kritisiert auch Udo Wiedmann, Facharzt für Allgemeinmedizin, in Ottrau.

Udo Wiedmann, Facharzt für Allgemeinmedizin
Kann Ihre Praxis die Impfung stemmen?
Udo Wiedmann: Für jede Praxis sind Impfungen Alltag und so lange diese so ablaufen werden, wie die jährliche Grippeimpfung ist das fast schon eine Kleinigkeit. Allerdings werden uns die Politiker wieder bürokratische Monster aufbauen, die ein Impfen erstens unlukrativ und zweitens so langsam machen, damit man hinterher sagen kann, die Hausärzte können es auch nicht besser.
Was sagen Sie dazu, dass die Praxen nicht gleich stark eingebunden wurden?
Im Prinzip wurden bisher überhaupt keine Praxen eingebunden. Abgesehen durch die Praxen, die beispielsweise in Altenheimen geimpft haben. Diese Impfungen erfolgten aber quasi als Leiharbeiter für die Impfzentren und in deren Namen.
Wie ist es zu werten, dass es immer noch keinen klaren Plan für die Hausarztpraxen gibt?
Mittlerweile ist es einfach offensichtlich, dass die Einbindung der Hausarztpraxen nicht gewollt ist, um das eigene politische Versagen nicht noch deutlicher werden zu lassen als es schon ist, weil offensichtlich werden wird, dass die Idee eines Alleinganges der Politik in Form der Impfzentren von vornherein zum Scheitern verurteilt war – insbesondere weil zudem durch Planungsfehler die benötigten Impfstoffe nicht beschafft werden konnten. Und aus diesem Grund geht man in Berlin im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen.
Wie bewerten Sie die Krisenbewältigung der Bundesregierung in den vergangenen Wochen? Wird die Überforderung von Spahn immer sichtbarer oder haben Sie Verständnis?
Die Frage ist einfach, ob Spahn tatsächlich überhaupt gefordert ist, oder ob von ihm die Gelegenheit genutzt wird, das Gesundheitssystem nach seinem Gusto umzukrempeln. Einzelpraxen und Gemeinschaftspraxen von freischaffenden Ärzten scheinen ihm ein Dorn im Auge zu sein. Jetzt ist die Zeit, diese endgültig auszuhungern. Die zum Teil börsennotierten Klinikkonzerne haben massiv Geld aus Berlin bekommen (wohl so um die vier Milliarden) bei einem Gesamtvolumen vor Corona von, soweit ich weiß, 108 Milliarden. Das entspricht einer Steigerung von über 3,5 Prozent. Der ambulante niedergelassene Sektor war Spahn, unter Schonung der GKV (Gesetzliche Krankenversicherungen), gerade mal 500 Millionen wert, was einer Steigerung von ca. 1,2 Prozent entspricht. Aus der Sicht von Spahn natürlich klar und nachvollziehbar, er kann nach seiner Bundestagslaufbahn dann jederzeit bei einer Krankenkasse oder einem Konzern in Führungspositionen arbeiten [...].
Welche Vorschläge zur Organisation und Durchführung der Impfungen scheinen Ihnen noch zielführend?
Wenn das analog zu den Influenza-Impfungen ohne zusätzliche Bürokratie zu machen ist, wäre es töricht, dieses System zu ändern. Von den Zahlen her lauten ja auch die Prognosen, dass die Impfzentren bei Vollauslastung wohl etwa 300 000 Impfungen pro Tag machen können, die Hausärzte würden bei 20 Impfungen pro Tag im selben Zeitraum mindestens 1 000 000 Impfungen schaffen – also mehr als die dreifache Beschleunigung. Diese Zahlen fußen nur auf die Impfleistung der Hausärzte (etwa 50 000) – im günstigsten Fall kämen noch 20 000 weitere Ärzte hinzu: Pädiater, Fachinternisten, HNO-Ärzte und nicht zuletzt die Betriebsärzte. Das wären dann nochmals 400 000 Impfungen zusätzlich – pro Tag!
Wann rechnen Sie mit der Durchimpfung aller Impfwilligen in Deutschland?
Mit Hausärzten bei Beginn der Impfungen im Mai vorsichtig geschätzt etwa August bis September 2021. Ohne Hausärzte – falls in den Impfzentren alles gut läuft – Juni/Juli 2022
In anderen Regionen gibt es Pilotprojekte mit Hausarztpraxen - wie sind die Erfahrungen?
Ich kenne da keinen Kollegen, der daran teilgenommen hat, frage mich aber, wozu Pilotprojekte? Wenn ich Impfstoff habe, fange ich gemäß den geltenden Priorisierungsregeln an zu impfen. Eine Liste von Patienten die geimpft werden wollen, existiert bereits. Wir sind schon dabei, diese nach den momentanen Priorisierungsregeln einzuteilen, um sofort loslegen zu können.
Gibt es schon Klarheit zur Logistik und Lagerung für die Praxen?
Logistik und Lagerung ist bei fast allen Impfstoffen im Pendant zu der jährlichen Influenza-Impfung zu sehen, also kein Problem. Der Impfstoff von Biontech/Pfizer macht logistisch etwas Probleme, da er nur fünf Tage im Kühlschrank hält und nach dem Öffnen in sechs Stunden zu verimpfen ist. Wäre aber mit entsprechend mehr Zeitaufwand für die Logistik trotzdem machbar. Was mich wütend macht, ist das Rumgeeiere von Herrn Spahn und den Politikern. Wir brauchen einen klaren, fast bürokratielosen Weg, um so schnell wie möglich die Impfung der Impfwilligen zu erreichen [...]. Das heißt, dass man als Vorgabe für eine Impfung pro Person mit allem Schriftkram nicht mehr als fünf bis sieben Minuten brauchen darf (Nachbeobachtung nicht eingerechnet). Meiner Meinung nach haben wir aber dazu bei den realitäsfremden Berufspolitikern, die kaum bis keine praktische Erfahrungen sammeln konnten, und zudem noch aus Brüssel gebremst werden, keinerlei Chance. (Sandra Rose)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.