Sensibel wie Nitroglyzerin

Ottrauer Arzt will keinen Corona-Impfstoff verschwenden

Stand ganz oben auf der Prioritätenliste: Gertrud Redlich (96) war am Mittwoch die erste, die von Arzt Udo Wiedmann mit dem Corona-Impfstoff Biontech/Pfizer geimpft wurde. Enkelin Stefanie März gehört zum Team von Wiedmann.
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Stand ganz oben auf der Prioritätenliste: Gertrud Redlich (96) ist die älteste Ottrauerin und war am Mittwoch die erste, die von Arzt Udo Wiedmann mit dem Corona-Impfstoff Biontech/Pfizer geimpft wurde. Enkelin Stefanie März gehört zum Team von Wiedmann.

Der Anfang ist gemacht, Hausärzte in der Region dürfen seit Mittwoch gegen Corona impfen. Damit ist der Corona-Impfstoff in der Fläche angekommen und auch in Ottrau geht es jetzt Schritt für Schritt voran.

Ottrau – Die 96-jährige Gertrud Redlich war eine der ersten Ottrauerinnen, die von Hausarzt und Allgemeinmediziner Udo Wiedmann vorgestern geimpft werden konnte. Die 96-Jährige ist nicht nur Ottraus älteste Bürgerin, sondern auch noch die Oma von Wiedmanns Mitarbeiterin Stefanie März. Das die Hausärzte jetzt impfen dürfen sei toll, erspare es den alten Menschen doch die oftmals mit großer Aufregung verbundene Reise in das Impfzentrum nach Fritzlar, freute sich März. Erstmals seit Monaten hatte die Medizinische Fachangestellte am Mittwoch die Gelegenheit, ihre Oma in den Arm zu nehmen. Durchaus ein symbolisches Bild. Man merke, wie dankbar die Leute sind, findet Udo Wiedmann.

Am Dienstagabend wurde der Impfstoff von Biontech/Pfizer in die Praxis nach Ottrau geliefert.

Solange der Impfstoff noch nicht für die Impfungen vorbereitet ist, sei er bei zwei bis acht Grad rund 100 Stunden gut lagerbar, erklärt der Allgemeinmediziner. Erst im nächsten Schritt verkürzt sich das Zeitfenster drastisch.

Damit das Vakzin verimpft werden kann, werden in der Ottrauer Praxis noch 1,8 Milliliter Kochsalzlösung hinzugefügt, danach reagiert er äußerst sensibel.

Man dürfe die Impfdosen nicht mehr schütteln und das vorbereitete Vakzin müsste innerhalb von fünf Stunden verbraucht werden, sagt der Ottrauer Arzt.

Entsprechend vorsichtig war das Team am Mittwoch bei den Hausbesuchen. Wie Nitroglyzerin in alten Hollywoodfilmen wurde jedes Impffläschchen einzeln in Styropor verpackt zu den Impfwilligen gefahren. „Alle, die geimpft werden wollten, wurden geimpft.“ Die Impfungen liefen dann routinemäßig ab. Es habe am Mittwoch keine auffälligen Impfreaktionen gegeben, so Wiedmann.

Bei der Auswahl der Patienten habe er sich an die vorgegebene Prioritätenliste gehalten, sagt Udo Wiedmann am Mittwochabend nach einen anstrengenden Tag der HNA: „Jetzt muss ich die Zahl der Impfungen noch an das Robert-Koch-Institut melden.“ Der bürokratische Aufwand ist groß – egal ob Impfzentrum in Fritzlar oder Hausarztpraxis in Ottrau. Davon lässt sich Udo Wiedmann aber nicht beeindrucken. Bereits am Donnerstag wurde weiter geimpft, diesmal in der Praxis. Man organisiere die Abläufe auch entsprechend: „Wir reagieren auf die Menge, die geliefert wird. Wenn Impfstoff da ist, dann impfen wir auch am Samstag oder Sonntag.“

Ottraus großer Vorteil ist die kleine Größe: Aufgrund der geringeren Einwohnerzahl, können die definierten Priorisierungsgruppen schnell durchgeimpft werden und man erreicht schnell viele Menschen – wenn ausreichend Vakzin vorhanden ist. Um keinen Impfstoff wegwerfen zu müssen, hat der Allgemeinmediziner eine unter Berücksichtigung der durch den Bund vorgegebenen Prioritätenliste erstellte Nachrückerliste vorbereitet. Dabei kommen durchaus ganz pragmatische Überlegungen zum Tragen. Auf der Liste finden sich auch Ottrauer, die im örtlichen Lebensmittelhandel arbeiten.

Wenn der ausfallen würde, habe man auf dem Dorf ein Riesenproblem, weiß der Arzt: „Bevor ich einen Impfstoff vergeude, dann ziehe ich die vor.“ (Matthias Haaß)

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