Hüter der Volksseele

Geschichtsbuch: Schriftsteller Wilhelm Schäfer über seine Heimat

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Historische Betrachtung: Wilhelm Schäfers Bild „Schwälmer Kirchgang“.

Wilhelm Schäfer wurde am 20. Januar 1868 als Sohn des Schuhmachers Paul Schäfer und seiner Frau Elisabeth, geb. Gischler in Ottrau auf der Bilz geboren.

Wilhelm Schäfer wurde am 20. Januar 1868 als Sohn des Schuhmachers Paul Schäfer und seiner Frau Elisabeth, geb. Gischler in Ottrau auf der Bilz geboren. Ein Großvater Schwalm stammte aus Lingelbach, ein anderer, Bierwirth, aus Weißenborn. Als Wilhelm acht Monate alt war, zog die Familie nach Gerresheim am Niederrhein, wo sie einen kleinen Laden und eine Bäckerei betrieb. Zweimal in der Woche brachte der Vater das Brot nach Düsseldorf zum Verkauf.

Zurück in Ottrau

Zur Beerdigung der Großmutter 1882 kam Wilhelm Schäfer zum ersten Mal wieder nach Ottrau. Obwohl ihm das Land der Rotkäppchen in Gedanken vertraut war, notierte er: „die Kinder in den kurzen gebauschten Röcken, den weißen Strümpfen und den Schnallenschuhen stellten sich in der Wirklichkeit als eine unerreichbare Fremde heraus.“ (Meine Eltern, 1937, S.88ff.) Der Anblick des Trauerzuges zum Kirchhof mit den singenden Rotkäppchen, den Frauen mit schwarzen Käppchen und den Männern im Dreispitz war „für meine staunenden Augen ein unauslöschliches Bild, nur für meine gänzlich verdonnerte Seele konnte das keine Heimat sein, schon deshalb nicht, weil ich die Sprache gar nicht oder nur wortweise verstand. (...) Dass meine

Wilhelm Schäfer: Namensgeber der Schule in Ottrau.

Mutter auch einmal ein Rotkäppchen gewesen war, sah ich nun an ihren Schwestern und meinen Basen; nur war das alles Vergangenheit, an der ich nicht teilgenommen hatte, und die Gegenwart hatte keine Zeit, mir ihre Türen aufzumachen. Denn am zweiten Tag fuhren wir wieder nach Hause (...) Der blasse Traum einer Heimat zerrann in der hessischen Wirklichkeit (...), weü die Äcker und Wälder um Ottrau nur für die Rotkäppchen da waren, die mich in meinem Konfirman-denanzug so fremd angesehen hatten, wie ich sie selber.“ Wie er weiter schrieb, teilte er damit das Schicksal vieler, die um des Broterwerbs in die Industriegebiete gingen. „Sie verloren die Heimat, in der die Gemeinsamkeit eine fassbare Wirklichkeit ist; ohne sie ist sie eine Idee.“

Wilhelm Schäfer: Ehrenbürger Ottraus

Die Gemeinde Ottrau blieb dem Dichter treu verbunden und ernannte ihn anlässlich seines 70. Geburtstages zum Ehrenbürger. Nachdem Wilhelm Schäfer am 19. Januar 1952 gestorben war, wurde der Sarg vom Bodensee, wo Schäfer seit 1918 lebte, nach Ottrau gebracht und dort auf seinen Wunsch in der Familiengruft beigesetzt. Eine tausendköpfige Menschenmenge geleitete ihn zur letzten Ruhe. Verschiedene Redner, Bürgermeister Ploch, Landrat Klar und Regierungspräsident Dr. Hoch würdigten sein Schaffen. Ein Pfarrer war nicht anwesend, da Schäfer aus der Kirche ausgetreten war. Vertreter des Rheinlandes brachten letzte Grüße, die Stadt Düsseldorf versprach, seinen Nachlass zu übernehmen und zu pflegen. Im Namen des Schwälmer Heimatbundes legte der 1. Vorsitzende Baron von Schwertzell einen Kranz nieder. Schulleiter Böhm „gelobte, dass die nach dem Dichter benannte Schule allen kommenden Geschlechtern von dem großen Sohn der Gemeinde Ottrau künden werde.“ (Schwalm-Bote, 24.1.1952). Diese Würdigung wurde ihm wegen seiner völkisch-nationalen Ansichten und seiner Verstrickung in das NS-System nicht zuteil. Nach 1945 fand eine Auseinandersetzung mit seinem umfangreichen Werk nur noch sporadisch statt.

In drei weiteren Teilen wird die Serie fortgesetzt.

HINTERGRUND. Aufnahme in die „Gottbegnadeten-Liste“ der Nazis

W. Schäfer absolvierte in Mettmann eine Lehrerausbildung und arbeitete von 1890 bis 1897 als Volksschullehrer in Wuppertal. Er schrieb einige Theaterstücke, die aber durchfielen. Mit einem Stipendium des Cotta-Verlages bereiste er die Schweiz und Paris, eine „nachgeholte Bildung.“ Um die Jahrhundertwende schlug er sich in Berlin als Werbetexter durch. Nach der Veröffentlichung eines schmalen Anekdotenbändchens (1908) sieht er sich als Dichter und Schriftsteller, der die Aufgabe habe, „Hüter und Sprecher der deutschen Volksseele“ zu sein. Entsprechend nationalschwärmerisch fällt sein Hauptwerk aus, „Die 13 Bücher der deutschen Seele“ (1921), eine durch die deutsche Brille erzählte Geschichte der Deutschen, die ihren Ursprung bei den germanischen Göttern hat. Ab Mai 1933 ist er Ehrensenator der Preußischen Akademie der Künste, 1937 erhielt er den Rheinischen Literaturpreis, 1941 den Goethepreis der Stadt Frankfurt. Im August 1944 nahm ihn Hitler in die „Gottbegnadeten-Liste“ der wichtigsten Schriftsteller auf

von Bernd Lindenthal

Lesen Sie hier Teil 2 der Serie.

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