Analyse: Wenn ein Bürgermeister Kündigt

Bürgermeister Miltz will zwei Jahre früher aus dem Job

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Will die Akten schließen: Ottraus Bürgermeister Norbert Miltz will 2021 aufhören.

Norbert Miltz‘ zweite Amtszeit als Bürgermeister dauert noch drei Jahre, doch jetzt will der Verwaltungschef der kleinen Kommune nicht mehr. Wir schauen zurück und nach vorne.

In der kleinsten Schwalm-Eder-Landgemeinde Ottrau am Südost-Rand des Kreises ist es seit Tagen das Topthema: Bürgermeister Norbert Miltz will nach dann präzise zehn Jahren im Amt hinwerfen. Das kommt vielleicht für manchen Beobachter gar nicht so überraschend, aber vor seiner zweiten Wahl hatte der inzwischen 63-Jährige so etwas nicht durchblicken lassen. Im März 2017 gewann er ein zweites Mal, nachdem er besonders viele ältere Wähler hatte überzeugen können. Ein Hauptargument damals: Wenn der noch junge Herausforderer Matthias Wettlaufer (CDU) auf den Posten käme, würde das teuer – „dann müsst ihr für noch einen Bürgermeister zahlen“.

Viele erinnern sich noch an den intensiven Haustür-Wahlkampf von Miltz, der dabei fast unzählige Besuche machte. Das gleiche Fleißprogramm hatte er auch 2011 absolviert, und war letztlich gegen drei Kontrahenten, Markus Pollok (FWG), Bernd Hennighausen (CDU) und Heinz-Ulrich Merle (SPD) erfolgreich. Und obwohl es zum Zeitpunkt seiner Bestätigung im Amt schon zahlreiche Kritiker seines Amtsführungsstils gab, reichte es dann doch ganz locker für den ehemaligen Mitarbeiter einer Finanzverwaltung, der sogar aus seiner Partei ausgetreten war, um seine Pläne verwirklichen zu können. Die Christdemokraten wollten ihn vor einer runden Dekade nicht, sondern stellten Bernd Hennighausen auf. Da verließ Miltz flugs die CDU und bewarb er sich als unabhängiger Kandidat. Damit hatte er die Zeichen der Zeit sehr gut erkannt, denn die sogenannten Unabhängigen bekamen auch andernorts in der jüngeren Vergangenheit das Wählervertrauen.

Heute allerdings pfeifen es die Spatzen von den Dächern in der 2150-Seelen-Gemeinde, dass Miltz sich vermutlich spätestens bei seiner erneuten Wahl als letzter Mann in der Riege hauptamtlicher Bürgermeister in Ottrau sah, was er aber tunlichst für sich behalten habe. Wie er nun eröffnete, möchte er den Staffelstab an einen Ehrenamts-Bürgermeister weiterreichen (HNA berichtete). Das sei viel billiger, wirbt er für seinen Vorschlag. Zumindest in Immichenhain, Miltz‘ Wohnort, war das wohl schon länger durchgesickert. Dass die Ottrauer hierzu aber gar nicht gefragt wurden, sondern Miltz ihnen das wie ein Kuckucksei unterschiebt, das will der passionierte Schütze und Waffensammler wohl so nicht verstanden wissen.

Mit seinen immer stärker kritisierten Leistungen im Amt möchte er, wie man hört, nicht gern konfrontiert werden. Dass er mit seinem jähen Abgang eine schlechte Bilanz verwischen will, liegt aber auf der Hand. So stieg die Prokopfverschuldung unter seiner Führung von 2000 Euro im Jahr 2011 auf aktuell 6000 Euro.

Im Karneval seines Heimatortes Immichenhain soll er verschnupft verschwunden sein, als man ihn in der Bütt närrisch aufzog. Im Gemeindeparlament ließ er Kritik routiniert an sich abperlen, in Sitzungen kleinerer Gremien soll er gelegentlich herrisch reagiert haben, berichten Insider. Dabei können viele Ottrauer wie sein einstiger Wegbereiter Altbürgermeister Georg Keil (CDU) eine ganze Reihe zu hinterfragender Punkte aufzählen. „Die Menschen lassen ihn ihre Unzufriedenheit spüren, er sie aber auch“, berichtet der Immichenhainer. Beschrieben wird Miltz auch als kritikresistent. „Er lässt sich nichts sagen“, berichten Ottrauer. Auch soll er mit vielen Ortsbeiräten über Kreuz liegen. Auch sein Krisenmanagement während des Corona-Lockdowns wurde von anderer Seite gegenüber der HNA kritisiert.

Besonders übel aber nehmen es die ihre Unabhängigkeit liebenden Ottrauer, dass Miltz sie nicht nur im Stich lässt und das Rathaus quasi zusperren will, sondern dies auch noch als Wohltat gegenüber der Gemeinde verkaufen möchte. Davon, dass ihm der Wind immer kälter ins Gesicht bläst, sich die Schulden pro Kopf verdreifacht haben und er schwelende Probleme wie den Dioxinskandal erst nicht kommunizierte und dann nicht moderieren oder gar lösen konnte, schweigt er bei der Begründung seiner Entscheidung geflissentlich.

Warum nun gerade der 30. Juni 2021 als Schlusspunkt? Dem Vernehmen nach hatte Miltz seinen vollen Pensionsanspruch schon nach acht Jahren im Amt erreicht. Das Altersruhegeld des A-16-Beziehers dürfte erklecklich sein. Vielleicht ist es ja doch eine Geste, dass er noch ein gutes Jahr zuwarten will, bis er sich zurückzieht – auch, wenn die Zeit für einen geordneten Übergang in die ehrenamtliche Verwaltung viel zu kurz ist (siehe Fragen und Antworten).

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