Gewässer-Serie

Dorfbäche im Altkreis Ziegenhain: Die Grenff wurde mit Zinkbadewannen als Boote befahren

Beliebte Badestelle: Mit ein Zinkwanne fuhr die Görzainer Dorfjugend im Sommer über die Grenff Von links: Karl Euler, Klaus Berg, Gerfried Dörr (verstorben) und Walter Euler. Das Foto enstand vermutlich um 1950.
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Beliebte Badestelle: Mit ein Zinkwanne fuhr die Görzainer Dorfjugend im Sommer über die Grenff Von links: Karl Euler, Klaus Berg, Gerfried Dörr (verstorben) und Walter Euler. Das Foto enstand vermutlich um 1950.

Entscheidend für den Standort einer Siedlung war oft die Verfügbarkeit von Wasser. Viele Dörfer liegen darum an einem Bach. In unserer kleinen Serie schauen wir uns die Gewässer genauer an.

Görzhain – Nach der Ohetalgemeinde Frielendorf werfen wir im aktuellen Teil unserer Serie über kleine Wasserläufe und Bäche in der Region heute einen Blick auf die Grenff.

Die Grenff entspringt in mehreren Quellbächen am Fuße des Rimbergs und schlängelt sich sodann über knapp 21 Kilometer durch die Schwalm und mündet bei Loshausen in den gleichnamigen Fluss.

Die Quellen der Grenff sind nicht eindeutig definiert. Hauptsächlich werden die Quellen Reibach und Herrnborn genannt. Befragt dazu haben wir die örtlichen Chronisten Walter Euler und Karl-Heinz Boss. Historisch belegt ist die Gründung der Wasserleitungsgenossenschaft im Jahre 1908 mit Einfassung der Reibachquelle. Bis dahin hatte nahezu jede Hofstelle ihren eigenen Brunnen genutzt.

Heute an gleicher Stelle: Die Chronisten Walter Euler und Karl-Heinz Boss. Die beiden Männer kenne die Geschichte der Grenff genau.

Erste Wasserleitung 1908 eröffnet

Die erste Wasserleitung hatte eine Länge von 1100 Meter von der Quelle bis zum Hochbehälter. Der damalige Dorflehrer Geißel umschrieb die zunächst zögerliche Akzeptanz dieser Neuheit in der Schulchronik mit den Worten: „Im Frühjahr 1908 wurde die Wasserleitung eröffnet. Trotz Streubens am Anfang wurde sie nach und nach beliebt, und die Gegner söhnen sich nach und nach mit der neuen Einrichtung aus“.

Schnell wuchs die Anzahl der Mitglieder der Genossenschaft, und die Kapazität der Quelle Reibach reichte bald nicht mehr aus. Mit den ersten Milchkühlungen in dem landwirtschaftlich geprägten Görzhain, bei denen das Wasser permanent über die Milchkannen lief, stieg der Verbrauch.

Da es nicht wie heute üblich Wasseruhren gab, konnten die genauen Mengen keinem der Verursacher konkret zugeordnet werden. In der logischen Konsequenz wurde im Jahre 1954 eine weitere Quelle der Grenff, der Herrnborn, eingefasst. Diese hat zudem eine stärkere Schüttung als die Reibachquelle. So speisen bis heute diese beiden Quellen das Trinkwassernetz des kleinen Ortes am Rande des Rimbergs.

Das erste Görzhainer Schwimmbad

Die Grenff schlängelte sich noch bis kurz nach dem 2. Weltkrieg durch das Dorf und brachte zu jeder Jahreszeit eine Menge Kurzweil. Eine Flurkarte aus dem Jahre 1947 zeigt den ursprünglichen Verlauf der Grenff und die Begradigung. Diese Begradigung nutze die Görzhainer Dorfjugend aus, in dem man an geeigneter Stelle das kleine Bächlein aufstaute, bis man so eine Wassertiefe von etwa 1,20 Meter erreichte und im Grunde das erste Görzhainer Schwimmbad entstand.

Der ehemalige Dirigent des Männergesangvereins Heinrich Richhardt erzählt stolz: „Darin habe ich das Schwimmen gelernt“. Alles was einigermaßen geeignet war, als Boot oder Floß zu dienen, wurde genutzt. Alte Zinkbadewannen und Backtröge waren sehr beliebt.

Der Bach Grenff

Grenff speiste 15 Mühlen

Erzählt wird die Geschichte um die Grenff und ihre ursprünglichen Quellen in dem Görzhainer Lied, welches einst als ein Schulsaufsatz gedacht war. 1943 brachte es Erika Schmidt in Versform. Seither wird es nach der Melodie „Wo der Nordsee Wellen trecken an den Strand“ von den Görzhainern immer wieder gern gesungen.

Bemerkenswert und kurios ist, dass die Grenff zwar in ihrem weiteren Lauf Wasser durch ihre Nebenbäche hinzugewinnt, dafür allerdings schon bei Nausis ihr zweites „f“ im Namen verliert.

Im Verlauf von der Quelle bis zur Mündung in die Schwalm bei Loshausen speiste die Grenff einst ganze 15 Mühlen. Einige davon sind noch heute gut erhalten. Davon berichten wir in einer der nächsten Ausgaben. (Harald Becker)

Das Görzhainer Lied

1943 dichtete Erika Altmüller (geb. Schmidt) das Görzhainer Lied zu Melodie „Wo die Nordseewellen trecken an den Strand“.

(1) Zu des Rimbergs Füßen an des Waldes Saum, zwischen Feld und Wiesen lieblich anzuschauen, dort entspringt ein Bächlein - uns als Grenff bekannt, seine Ursprungsquelle wird Hernborn genannt.

(2) Durch der Rimbach Fluren nimmt es seinen Lauf, Weißenborn und Reibach gehen in ihm auf. Diese drei Gesellen ziehen zum Dorf hinein, ihre klare Wellen grüßen mein Görzhain.

(3) Gott hat mir geschenkt den schönen Heimatort, und er lebt in meinen Herzen immerfort. Fern der Heimat denke ich an dich zurück, kann dich nicht vergessen – du mein höchstes Glück. (zbe/mha)

Jeder Bach hat seine Geschichte

Es muss nicht immer nur die große Schwalm sein. Durch viele Orte im Altkreis Ziegenhain fließt ein Bach oder ein kleines Flüsschen. Der eine ist länger, der andere kürzer – aber zu jedem Wasserlauf gibt es eine Geschichte zu erzählen. Wenn Sie, liebe Leser, interessantes über ihren Hausbach zu berichten haben oder im Besitz von beeindruckenden Fotografien sind, schreiben Sie uns an schwalmstadt@hna.de. In loser Folge werden wir in unserer kleinen Serie Bäche der Region vorstellen. (mha)

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