Physiotherapie in Coronazeiten 

Das Risiko der Nähe: Patienten trauten sich nicht, Termine wahrzunehmen 

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Berührungen sind das Werkzeug der Physiotherapeuten: Günter Krähling arbeitet seit Beginn der Coronakrise nur noch mit Mundschutz, auf der Liege zur Demonstration Tochter Katharina, die im gleichen Haushalt lebt, daher trägt sie keinen Mundschutz. Alle anderen Patienten müssen dies allerdings ebenso tun.

Physiotherapeuten gehören in Coronazeiten zu den systemrelevanten Berufen. Doch die Patienten zogen sich zu Beginn der Krise stark zurück und die Einnahmen sanken.

Das war auch bei Physiotherapeut Günter Krähling nicht anders.

Mittlerweile steigen die Behandlungen wieder an, in der kommenden Woche wird das Gerätetraining mit Auflagen wieder in Betrieb genommen. Zu Beginn der Krise haben sich etwa 70 Prozent der Patienten zurückgezogen, sagt Krähling. Das könne man verstehen, die Menschen hätten Angst sich anzustecken. Nun sei der Terminkalender der Praxis wieder zur Hälfte gefüllt. „Die Menschen trauen sich wieder mehr zu und haben gelernt mit der Situation umzugehen“, sagt Krähling. Risikopatienten müssten natürlich abwägen, um sich nicht in Gefahr zu bringen.

Schmerzmittel anstatt Behandlung auf Dauer keine Lösung

Viele Menschen, wie chronisch erkrankte Dauerpatienten, benötigen regelmäßige Therapien, sagt Krähling. Doch einige davon scheuten sich die Praxis aufzusuchen aus Angst vor Corona. „Viele behelfen sich derzeit mit Schmerzmitteln“, sagt er. Gerade Menschen mit Arthrose oder Arthritis. Doch das könne auf Dauer keine Lösung sein.

Daher würden sie nun mit den Lockerungen auch wieder mutiger. Die Praxis in Ziegenhain arbeitet seit Beginn der Krise mit Mundschutz, auch der Patient muss ihn bei der Behandlung tragen, die Liegen werden nach jeder Behandlung desinfiziert, ebenso Flächen, Händedesinfektion ist selbstverständlich. Seit dieser Woche muss der Patient beim Betreten der Praxis auch Handschuhe tragen. Auch für die Therapeuten sei die Behandlung immer ein Wagnis. Keiner könne eine Garantie geben. „Wir müssen das Risiko der Nähe eingehen.“ Die Patienten werden gebeten auch bei leichten Symptomen die Praxis nicht zu betreten.

Beginn von Gerätetraining 

Krähling ist froh, dass sein Betrieb schon seit zwanzig Jahren im Bestand ist. Für junge Kollegen, die sich gerade erst selbstständig gemacht hätten, sei dies sicher eine viel größere Belastung. Der 57-Jährige beschäftigt weitere vier Therapeuten und drei Mitarbeiter in der Anmeldung. Kurzarbeit habe er bisher nicht anmelden müssen, einige hätten Urlaub gemacht. So komme er über die Runden. In der nächsten Woche werde das Gerätetraining mit Auflagen wieder beginnen. Maximal drei Personen und ein Therapeut dürften sich auf den 70 Quadratmetern aufhalten.

Berührungen = Werkzeug der Physiotherapie 

Berührungen sind das Werkzeug der Physiotherapeuten“, sagt Krähling der auch Heilpraktiker ist und Fortbildungen in Osteopathie belegt hat.

Über die Haut werden viele Informationen an Muskulatur, Organe und an das Gehirn gegeben, das funktioniere etwa über Reflexbögen. „Die Arbeit mit Menschen ist immer auch eine emotionale Tätigkeit“, sagt er. Wenn die Chemie nicht stimme, könne man meist auch in der Behandlung nicht viel erreichen. Die Hälfte der Arbeit bestehe aus der Therapeuten-Patienten- Beziehung. Über Berührungen würden Selbstheilungskräfte ausgelöst. Menschen seien darauf angewiesen. Viele Alte und Einsame litten unter diesem Mangel. Es gebe einen engen Zusammenhang zwischen körperlichem und seelischem Wohlbefinden. Isolation könne man eine gewisse Zeit aushalten, aber über einen langen Zeitraum führe dies zu seelischen Problemen bis hin zu Depressionen, sagt Krähling.

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