Rechte in Neukirchen

Gegen Rechts: „Seigertshausen steht für Vielfalt, Weltoffenheit, Toleranz und Lebensfreude“

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Pöbeln, provozieren, hetzen: Seigertshäuser Mitglieder der Partei Die Rechte bedrohen Menschen im Dorf. Eskaliert ist die Situation am vierten Advent.

Zwischen Rechten und Bürgern in Neukirchen (Nordhessen) braut sich schon länger etwas zusammen. Jetzt wird die Staatsanwaltschaft aktiv und auch die Dorfgemeinschaft äußert sich. 

  • In Seigertshausen, einem Stadtteil von Neukirchen im Schwalm-Eder-Kreis (Nordhessen), bedrohen und provozieren Neonazis die Bürger.
  • Die Menschen im Dorf in Nordhessen haben Angst.
  • Kürzlich kam es bereits zu Handgreiflichkeiten, bei denen die hessische Polizei eingreifen musste. 
  • Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Update, 19.02.2020, 15.49 Uhr: Für die Seigertshäuser (Ortsteil Neukirchen) ist es an der Zeit Flagge zu zeigen. „Seigertshausen steht für Vielfalt, Weltoffenheit, Toleranz und Lebensfreude“, heißt es in einer Stellungnahme. Damit äußerst sich die die Dorfgemeinschaft zu den Vorfällen, zuletzt am Vierten Advent, rund um die kleine Gruppe Neonazis, die im Ort für Unruhe gesorgt hat (wir berichteten). 

Rechte in Neukirchen: Dorfgemeinschaft Seigertshausen äußert sich

„Seigertshausen ist bunt. Wir, die Seigertshäuser Vereinsgemeinschaft, die Kirchengemeinde und der Ortsbeirat, haben uns zusammengeschlossen, um dafür einzustehen“, heißt es in dem Schreiben, das Pfarrer Daniel Richebächer dieser Zeitung übermittelte. Für diese Position stünden die Seigertshäuser, die für das Leben im Dorf stehen, erklärt er. 

In mehreren Treffen eines Kreises von 25 Personen – bestehend unter anderem aus Vertretern aller Vereine, Gruppen, der Kirchengemeinde und des Ortsbeirates – wurde diese Einlassung gegen Rechte entwickelt. Unterstützt wurden sie dabei auch vom Mobilen Beratungsteam Kassel und der Polizei. Bei den Treffen in Neukirchen sei vom ersten Moment an eine einheitliche Entschlossenheit zu spüren gewesen. 

Rechte in Neukirchen: Mit buntem Dorfleben gegen rechts

Seigertshausen sei ein lebensfrohes Dorf, erklärt Richebächer. „Das lassen wir uns nicht durch einzelne Neonazis im Ort nehmen und distanzieren uns in aller Deutlichkeit von ihnen und ihrer Gesinnung“, heißt es dazu weiter von der Dorfgemeinschaft. 

„Umso entschlossener sind wir, nun unser buntes Dorfleben aufblühen zu lassen und unser demokratisches Selbstverständnis zum Ausdruck zu bringen“, unterstreicht die Dorfgemeinschaft aus Neukrichen in ihrem Schreiben „Alle Dörfer sollten sich solidarisieren“, fordert Richebächer. Denn Vorfälle wie die in den vergangenen Monaten in Seigertshausen (Neukirchen) könnten in jedem Dorf in der Nachbarschaft passieren. 

Rechte in Neukirchen: Die Ermittlungen dauern an 

Im Zusammenhang mit den Vorständen der Partei Die Rechte, Tim Schmerer und Mike Guldner, hatte es in der vergangenen Woche einen größeren Polizeieinsatz in Neukirchen gegeben. Tim Schmerer selbst schreibt im Internet von 50 Beamten, die im Einsatz waren. Anlass sei ein Whatsapp-Bild gewesen, das Mike Guldner (Partei Die Rechte) mit einer Waffe zeige. 

Auch in dieser Woche will die Staatsanwaltschaft aus ermittlungstaktischen Gründen nichts sagen. Die Ermittlungen dauern an, erklärte Timo Ide, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Weitere Informationen könne er zum jetzigen Zeitpunkt nicht mitteilen. In den Fokus der Staatsanwaltschaft geraten waren die beiden Neonazis nach Recherchen der HNA.

Update, 06.02.2020, 14.49 Uhr: Im Zusammenhang mit den Vorständen der Partei Die Rechte, Tim Schmerer und Mike Guldner, hat es am heutigen frühen Morgen in Seigertshausen eine Hausdurchsuchung gegeben. Eine entsprechende Anfrage dieser Zeitung bestätigt die Staatsanwaltschaft in Marburg. 

Rechte in Neukirchen: Razzia gegen Nazis - Dorfbewohner sprechen von Drohszenario 

Aus ermittlungstaktischen Gründen gibt es keine weiteren Angaben. Nach Informationen der HNA* sollen bei der Razzia gegen Rechte in Neukirchen am Donnerstagmorgen (06.02.2020) gegen sechs Uhr Beamte mit sechs Fahrzeugen im Ortsteil Seigertshausen im Einsatz gewesen sein. 

In den Fokus der Staatsanwaltschaft geraten waren die beiden Neonazis nach Recherchen der Schwälmer Allgemeinen. Seigertshäuser hatten von einem Drohszenario durch Rechte berichtet. Eskaliert sein soll die Situation bei einer Feier am Vierten Advent im Feuerwehrhaus. Wie bereits berichtet, hat die Staatsanwaltschaft in diesem Fall die Ermittlungen aufgenommen.

Update, 06.02.2020, 14.01 Uhr: Im Zusammenhang mit dem Bedrohungsszenario durch Rechte am Vierten Advent im Feuerwehrhaus in Seigertshausen wird jetzt die Staatsanwaltschaft aktiv.

Ermittelt werde wegen möglicher Bedrohung und Körperverletzung, bestätigt der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Marburg, Timo Ide, eine Anfrage der HNA*. 

Rechte in Neukirchen: Ermittlungen gegen Nazis laufen

Im Fokus der Ermittlungen stehen dabei unter anderem die beiden Vorstände der Partei Die Rechte, Tim Schmerer und Mike Guldner, sowie der NPD-Mann Stefan Jagsch. Sie sollen die Teilnehmer einer Adventsfeier in Neukirchen bedroht haben, auch soll es gegenüber einer Person zu Handgreiflichkeiten gekommen sein.

Rechte in Neukirchen: Bewohner werden aktiv gegen Rechtsextremismus

Die Bewohner von Neukirchen-Seigertshausen werden inzwischen selbst aktiv gegen Rechte. Sie haben sich an das Mobile Beratungsteam Kassel gewandt, Rechtsextremismus-Experte Christopher Vogel will sie unterstützen: Ein Prozess, der aber erst am Anfang stehe. Erst durch die Recherche der HNA* sind Landkreis Schwalm-Eder, der Bürgermeister von Neukirchen, Klemens Olbrich, sowie die Polizei auf die angespannte Situation in Seigertshausen aufmerksam geworden. 

Die Polizei hatte den Einsatz an der Adventsfeier im Zusammenhang mit den überregional bekannten Neonazis als Routineeinsatz eingestuft. Damals sei von Handgreiflichkeiten innerhalb des Feuerwehrhauses in dem Ortsteil von Neukirchen nichts bekannt geworden, betont Hubertus Hannappel von der Polizeidirektion Schwalm-Eder. Für das weitere Vorgehen der Polizei gebe es ein vielfältiges Portfolio, sagt Hannappel. Die Präsenz der Polizei in Seigertshausen sei das Primäre, aber nur ein Teil davon. Nicht alles werde öffentlich gemacht.

Rechte in Neukirchen: Aktionsbündnis für mehr Demokratie

Winfried Becker, Landrat des Schwalm-Eder-Kreises, hatte in einer Pressekonferenz am Freitag (31.01.2020) für Neukirchen mit seinem Stadtteil ein Aktionsbündnis für mehr Demokratie und gegen Rechte angekündigt. Was das konkret bedeute, kann der Landrat nicht sagen. „Wir sind im Gespräch.“ 

Rechte in Neukirchen: Drohungen, Provokationen und Handgreiflichkeiten

Update, 30.01.2020, 12.25 Uhr: Tim Schmerer äußert sich zu unserem Artikel „Ein Dorf in Angst“ wegen rechter Umtriebe in Seigertshausen. Darin bestätigt der Seigertshäuser und Vorstandsmitglied der Partei Die Rechte seine Anwesenheit bei den Vorfällen am 22.12.2019 im Feuerwehrhaus in Seigertshausen.

Zahlreiche Teilnehmer einer Adventsfeier fühlten sich dabei massiv von Rechten bedroht. Bei dem Szenario rund um das Feuerwehrhaus sei seine Gruppe nicht „wie Wölfe um das Areal geschlichen“, das sei aus der Luft gegriffen, erklärt Schmerer.

Der Neonazi geht zudem auf den im Artikel erwähnten Facebook-Post ein, der ihn mit dem NPD-Mann Stefan Jagsch zeigt. Das Foto sei schon „weit vor den Vorfällen entstanden“, schreibt Schmerer. Weiter betont er, dass er sich zu den Ereignissen nicht äußern könne.

Rechte in Neukirchen: Neonazi äußert sich - Seine Gruppe sei nicht „wie Wölfe um das Areal geschlichen“

Erstmeldung, 29.01.2020, 09.43 Uhr: Von Drohungen, Provokationen und auch Handgreiflichkeiten sprechen Einwohner von Neukirchen gegenüber unserer Redaktion. In den Fokus geraten dabei erneut die beiden Vorstände der Partei Die Rechte, Mike Guldner und Tim Schmerer, und der als Ortsvorsteher in seinem Heimatort abgewählte NPD-Mann Stefan Jagsch

Der Polizei wie auch unserer Redaktion vorliegende Videoszenen und Fotos belegen Drohszenarien mit mindestens einem Polizeieinsatz.

Rechte in Neukirchen: Eskalation bei Adventsfeier im Feuerwehrhaus

Eskaliert sein soll die Situation in Neukirchen bei einer Adventsfeier am 22.12.2019 im Feuerwehrhaus. Dabei kam es zu einem Polizeieinsatz, den Pressesprecher Markus Brettschneider bestätigt. 

100 Menschen, darunter auch viele Kinder, wollten gemeinsam in entspannter Atmosphäre den vierten Advent feiern, als die drei oben genannten sowie weitere Personen aufgetaucht seien und die Feier durch Pfeifen und Grölen störten. So berichten es mehrere Menschen aus Seigertshausen (Neukirchen) übereinstimmend.

Rechte in Neukirchen: Hausverbot und Platzverweis

Nachdem es auch zu Handgreiflichkeiten mit Rechten gekommen sein soll, spricht die Feuerwehr in Seigertshausen ein Hausverbot aus, die Polizei wird gerufen. 

Die Polizei sei wegen einiger „Störenfriede“ nach Seigertshausen gerufen worden, bestätigt Polizeisprecher Markus Brettschneider. Da dem Hausverbot nicht Folge geleistet wurde, habe die Polizei einen Platzverweis gegen mehrere Personen eingefordert.

Rechte in Neukirchen: NPD-Mann Stefan Jagsch in Polizeigewahrsam

Weil eine Person das ignorierte, sei sie in Gewahrsam genommen worden. Nach vorliegenden Informationen war das S tefan Jagsch, der dies auch bestätigt. Er sei mit der Polizei mitgefahren, weil er die Sache regeln wollte, erklärt der NPD-Mann aus der Wetterau. 

Die Polizei hielt ihn für die gesamte Dauer der Veranstaltung fest. Nach seiner Entlassung brüstet sich Jagsch gemeinsam mit Tim Schmerer auf einem Facebook-Post: „Ist doch noch ein schöner Sonntag geworden.“ Tim Schmerer selbst will sich am Telefon nicht zu den Vorfällen in Neukirchen äußern.

Rechte in Neukirchen: Eltern im Dorf Seigertshausen in Sorge

Seigertshäuser sprechen von belagerungsartigen Zuständen. „Wie Wölfe“ seien mehrere Personen um das Areal gestreift, nachdem die Polizei wieder weg war. Eltern mit Kindern hätten aus Sorge das Gebäude durch die Hintertüre verlassen, heißt es aus Neukirchen-Seigertshausen. „Das Dorf ist aufgerüttelt“, sagt ein Seigertshäuser.

Öffentliche Stellungnahmen gab es dazu nicht. Erst soll in dieser Woche zum Thema Rechte in Neukirchen ein Runder Tisch mit Behördenvertretern tagen.

Rechte in Neukirchen: Seminar mit verurteiltem Rechtsextremisten

Seit 2018 fühlen sich Seigertshäuser von den dortigen Mitgliedern der Partei Die Rechte bedroht. Provoziert werde unter anderem bei öffentlichen Veranstaltungen mit dem Auftreten in T-Shirts mit Aufschriften wie „Überzeugungstäter“. 

Auch verbal werde gedroht („Wir kriegen dich“). Sorge bereitet, dass im Ort rechte Seminare abgehalten werden. Am 30. November hat es in Neukirchen eine Schulung mit Sascha Krolzig gegeben – einem verurteilten Rechtsextremisten.

Rechte in Neukirchen: Ein Neonazi als Bürgermeister? 

Mike Guldner strebte für die Partei Die Rechte das Bürgermeisteramt in Neukirchen an. Er wurde dabei von Stefan Jagsch (NPD) unterstützt. 

Der Name des NPD-Politikers ging vor wenigen Monaten durch die Presse, als er in Altenstadt in der Wetterau zum Ortsvorsteher der Waldsiedlung gewählt und wieder abgewählt wurde - die Wahl hatte damals bundesweit heftige Reaktionen ausgelöst.

Video: Entsetzen nach Wahl von NPD-Politiker zum Ortsvorsteher

Der Landkreis Schwalm-Eder in Nordhessen ist angesichts der wieder erstarkenden rechten Szene alarmiert wie hna.de* berichtet. In einer Pressekonferenz betonte Landrat Winfried Becker, dass ein Aktionsplan gegen Rechts entwickelt werden soll.

syg

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