Dorfmuseum Holzburg 

Reise in die Schwalm: Notizen eines Lehrers neu aufgelegt

Dort wo heute das Dorfmuseum Holzburg zu finden ist, ehemaliges Gasthaus Wahl, stand auch zu Ludwig Boclos Zeiten ein Gasthaus, in dem sich amüsante Szenen der Fußwanderung abspielten.
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Dort wo heute das Dorfmuseum Holzburg zu finden ist, ehemaliges Gasthaus Wahl, stand auch zu Ludwig Boclos Zeiten ein Gasthaus, in dem sich amüsante Szenen der Fußwanderung abspielten.

„Der Mensch ist nicht für die Stube, sondern für das Leben erzogen“, so ein Zitat aus der Sammlung fiktiver Briefe, die der Melsunger Lehrer Ludwig Boclo (1780 bis 1856) einst über seine Wanderungen mit Schülern im Jahr 1813 verfasste.

Ludwig Boclo wanderte im Spätsommer 1813 mit seinen Zöglingen von Kassel über den Vogelsberg nach Frankfurt und schilderte die Reiseerlebnisse in amüsant und detailverliebt geschrieben Briefen, die auch heutigen Lesern schnell ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern. „Boclo war ein außerordentlich gebildeter Mann, der all sein Wissen in seine Zeilen einfließen ließ. Seine Schilderungen lassen die Erlebnisse der Zeit lebendig werden“, sagt Museumsleiterin Heidrun Merk, die vor den Corona-Beschränkungen Veranstaltungen zu Boclos Reiseberichten im Museum Holzburg plante.

Angeleitete Fußreise

Bodo Runte gab Anfang des Jahres auf Anregung von Helmut Ling, Geschichts- und Museumsverein Alsfeld, und des Schwälmer Dorfmuseums die Briefe des Pädagogen als Neuauflage des 1815 erschienen Buches von Ludwig Boclo im Selbstverlag heraus. Schon auf den ersten Seiten preist Boclo die Reisen mit seinen „Eleven“ als „herrliche Gelegenheit zur Bildung“. Eine angeleitete Fußreise habe physisch wie intellektuell nur wohltätige Folgen für den Zögling und sei somit ein wesentlicher Teil der Erziehung. Boclo spricht von „Treibhaus-Erziehung“, wenn vor lauter Studien keine Zeit für frische Luft und das Reisen bliebe. Das Reisen härte die Schüler ab, stärke und forme die Sinne in besonderem Maße. Der Pädagoge empfahl eine tägliche Tour von vier bis fünf Meilen und verweilte gerne in auf der Route liegenden Großstädten, um Zeit zum Erkunden der Sehenswürdigkeiten zu haben. „Mancher Zögling gern essen lernte, was ihm zu Hause die größte Überwindung kostete“, schreibt Boclo, der auf seiner Reise von Kassel her auch durch Homberg, Ziegenhain und Holzburg kam.

Boclo war zu Besuch in Ziegenhain

In Holzburg kehrte die Wandergruppe im Gasthof (dem Vorgängergebäude des Gasthauses Wahl) ein und bezog Quartier. „Glücklich ist der Mann, der ein wenig von der Koch- und Backkunst versteht“, schreibt Boclo, der die Holzburger Wirtin im Zubereiten von Weckschnitten anleitete und dank beißender Flöhe in den Kissen der Wirtin nur eine unruhige Nacht im Schwälmer Dorf verbrachte. Am Morgen hatte der Pädagoge noch den Anblick der ungeniert, nackend im Bett liegenden Wirtin zu ertragen. „Einfach amüsant und unglaublich lebensnah erzählt“, sagt Heidrun Merk zu den Zeilen. Zum Besuch Ziegenhains hatte Boclo anzumerken: So könne der Geruch des fauligen Wassers im Wallgraben doch auch für die Ziegenhainer nur ungesund sein.

Ziegenhainer Butter war für Boclo eine der besten in ganz Hessen

Lobend hingegen die Beschreibungen des Schwalmgrundes als einen der „fruchtbarsten und wohlhabendsten Gemeinden Hessens“, und auch die Tracht gefiel. Der Schafhof findet Erwähnung und die Ziegenhainer Butter war in Boclos Augen eine der besten ganz Hessens. Nach dem Aufenthalt in Holzburg zog die Reisegruppe nach Alsfeld weiter, wo Boclo sein Wissen zur Frühgeschichte Alsfelds in seine Zeilen einfließen ließ. Er berichtet unter anderem von Luthers Wegen, bevor er mit seiner Gruppe den Vogelsberg erreicht und ein Loblied auf die Lauterbacher Cervelatwurst anstimmt.

1950er Jahre

Im September erreichte Boclo mit seinen Schülern Frankfurt, wo er das Treiben um das Mainzer Marktschiff ebenso beschreibt wie den Römer, den Dom oder das Judenquartier. „Boclos Reiseberichte waren nie ganz vergessen. In den 1950er-Jahren spürte ein Lehrer die Route mit Schülern auf einer Radreise nach.

Information:Der Band im Selbstverlag kostet 18 Euro, bodorunte@t-online.de, Tel. 0171-3610152

Von Regina Ziegler-Dörhöfer

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