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Rettungsdienste im Landkreis sind am Limit: Bis zu 100 Einsätze am Tag

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Von: Matthias Haaß

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Ein Mann vom Rettungsdienst schiebt einen Patienten auf einer Trage in einen Rettungswagen.
In diesem Jahr wird der Rettungsdienst im Schwalm-Eder-Kreis bis zu 36 000 Einsätze fahren. Das sind 7500 mehr als noch im Vorjahr. Das Bild entstand bei einer Übung im A49-Tunnel bei Treysa. © Matthias Haaß

2022 ist für den Rettungsdienst ein Rekordjahr. Der Landkreis hält gut 36 000 Einsätze für realistisch. Die Retter beklagen sich über hohe Belastung durch die steigende Zahl von Bagatelleinsätzen.

Schwalm-Eder – Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: 2019 musste der Rettungsdienst im Landkreis zu 28 498 Notfalleinsätzen ausrücken. 2020 waren es 30 350 Einsätze und 2021 dann schon 31 564. In diesem Jahr hat die Einsatzbelastung noch einmal deutlich zugenommen, der Kreis hält 36 000 Einsätze durchaus für realistisch – gut 7500 mehr als im Vorjahr.

Abseits der Statistik bedeutet das, dass im Landkreis täglich im Schnitt bis zu 100 Einsätze gefahren werden müssen – von Menschen, die anderen Menschen helfen wollen.

Bagatelleinsätze sind eine Belastung

Verständlich, dass die Retter frustriert sind, wenn sich der vermeintlich dringende Notfall als Bagatelle herausstellt, bei der überspitzt formuliert, der Gang zu Hausarzt oder der Griff in die Hausapotheke geholfen hätte.

Manche Leute würden auch denken, dass der Transport mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus eine schneller Behandlung garantieren würde, berichtet ein Mitarbeiter des Rettungsdienstes (Name ist der Redaktion bekannt) unserer Zeitung: „Das ist aber mittlerweile ein Trugschluss.“ Denn nicht nur der Rettungsdienst spüre die Belastung, er sei nur ein Glied in der Kette.

In den Krankenhäusern würden sich oft Patienten mit einfachen Verletzungen und Erkrankungen stauen, die eigentlich durch Hausärzte oder den Ärztlichen Bereitschaftsdienst behandelt werden könnten.

Doch wenn die Menschen über die Nummer des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116 117 keine Hilfe bekommen, es keine Ärzte und weniger Krankenhäuser gebe, würden die Menschen eben der Einfachheit halber den Notruf wählen, so der Rettungsdienstmitarbeiter.

Einsatz: Feuerwehr, Notarzt und Rettungsdienst rückten am Mittwochabend nach Spieskappel aus. Dort war ein 16-Jähriger von einer Mauer gestürzt.
Feuerwehr, Notarzt und Rettungsdienst bei einem Einsatz in Spieskappel aus. (Archivbild) © Feuerwehr Frielendorf

Bei überfüllten Krankenhäusern dauern Einsätze länger

Es ist ein Teufelskreis: Mehr Einsätze bedeuten weniger Ruhepausen. Wenn die Krankenhäuser in der Region voll seien, dann dauere so eine Einsatzfahrt in Nachbarlandkreise durchaus mal drei Stunden, weiß der Rettungsdienstmitarbeiter: „Dann sind wir erst mal weg.“

Zurück an der heimischen Wache folgt dann oft sofort der nächste Einsatz – wie gesagt, ein Teufelskreis. Durch die hohe Frequenz der oft ohnehin fordernden Einsätze steige die Belastung weiter, was sich auch beim Personal bemerkbar mache. Das gelte aber nicht nur für den Rettungsdienst. Das gesamte Gesundheitssystem sei eng miteinander verzahnt. Wenn es an irgendeiner Stelle Probleme gebe, dann habe das Auswirkung auf das gesamte System, so der Mann.

„Notwendig ist eine Reform“

Umso unverständlicher für den Pragmatiker, wenn dann Gesundheitsminister Karl Lauterbach im Sommer erklärt, dass die Belastung im Rettungsdienst nur vorübergehend sei. „Lauterbach kann gerne mal zu einer Schicht vorbeikommen“, und weiter: „Notwendig ist eine Reform.“

Dabei sei es aber wichtig, nicht ausschließlich auf den finanziellen Faktor zu schauen. Das Gesundheitssystem und damit auch der Rettungsdienst sei ein zwingend notwendiger Bestandteil der Daseinsfürsorge eines Staates.

Dass etwas gegen die steigende Anzahl der Bagatelleinsätze getan werden muss, sehen auch die Verantwortlichen im Landkreis. Die Notrufannahme durch die Leitstelle ist ein Teil der Rettungskette und wichtiger Indikator. Konkrete Handlungsvorschläge aus dem Kreishaus gibt es aber keine, stattdessen wird auf das Land verwiesen.

Es gebe in Hessen unter Federführung des zuständigen Sozialministeriums verschiedene Modellprojekte, um niederschwellige Rettungsdiensteinsätze anders als bisher abarbeiten zu können und damit die Regelvorhaltung zu entlasten, erklärt ein Kreissprecher: „Da kein Projekt bisher abgeschlossen ist, können wir aktuell noch keine detaillierten Angaben über die Inhalte und möglichen Zeitpunkte der Umsetzung machen.“ (Matthias Haaß)

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