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Ronnie trainiert die Torhüter in der Schwalm

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Wolfgang Ernst – der legendäre Torwarttrainer aus der Schwalm.
Wolfgang Ernst – der legendäre Torwarttrainer aus der Schwalm. © Steffen Schneider

Wolfgang Ernst geht auch mit 70 Jahren seiner Leidenschaft nach. Mehr als 400 Torhüter hat er als fahrender Torwarttrainer bis jetzt trainiert.

Röllshausen – Ein ansatzloser Torschuss. Eine schnelle Bewegung. Ein kurzes, anerkennendes Nicken. Wolfgang Ernst genießt ein Geräusch, das in seinem Training immer wieder auf dem Fußballplatz zu hören ist: ein kräftiges, sattes Klatschen. Immer dann, wenn seine präzise geschossenen Bälle in den reflexartig zur Seite schnellenden Torwarthandschuhen seines Gegenübers, eines jungen Torhüters, landen. Wie oft mag er dieses Geräusch schon gehört haben? Ernst ist seit Jahrzehnten unterwegs als Torwarttrainer.

Wer ihn beim Training mit Nachwuchskeepern aus der Schwalm beobachtet, sieht sofort: Der am Schönberg wohnhafte Fußball-Enthusiast ist auch mit 70 Jahren noch hoch motiviert. „Fußball ist für mich wie eine Einschlafdroge“, sagt Ernst. „Am besten schlafe ich ein, wenn ich an das Training vom nächsten Abend denke. Es beruhigt mich.“

Werbung machte Ernst mit selbstgebastelten Flyern.
Werbung machte Ernst mit selbstgebastelten Flyern. © Privat

Als Torwart spielte er unter anderem für Schrecksbach und Ziegenhain. In Neukirchen erhielt Ernst den Spitznamen „Ronnie“ - nach dem ehemaligen schwedischen Schlussmann Ronnie Hellström. Und nach der aktiven Laufbahn startete er als Coach durch: mal im Stab eines Vereins, vor allem aber als durch das Land reisender „mobiler Torwarttrainer“. Werbung machte Ernst früher mit selbst gebastelten Flugblättern. Als „zuverlässig und fast umsonst“ bewarb er seine Dienste – was heute längst nicht mehr nötig ist. Sein Name ist ein Begriff in der Szene, sein Ruf hervorragend, sein Netzwerk riesig. Mehr als 400 Torhüter hat Ernst in den vergangenen Jahrzehnten geschult.

Unter den Trainierten: Schwalmstadts gewählter Bürgermeister

Darunter auch Tobias Kreuter. „Wolfgang ist ein super Typ. Hätte ich ihn früher getroffen, hätte ich vielleicht noch eine Liga höher gespielt“, sagt Schwalmstadts künftiger Bürgermeister. In den 90er-Jahren hat er Ernst kennengelernt; später hütete Kreuter das Tor des 1. FC Schwalmstadt in der Oberliga. „Das Torwartspiel ist zu achtzig Prozent Kopfsache. Wolfgang hat uns hier sehr geholfen und gezeigt, was man besser machen kann“, sagt Kreuter.

Neben allen sportlichen Erfolgen in bester Erinnerung: die legendären Weihnachtsfeiern, zu denen Ernst seine Keeper nach Röllshausen einlud. Längst ist die Schwalm zur Heimat des gebürtigen Pfälzers geworden: Von seinem Haus sind es nur wenige Minuten zum Sportplatz. Ernst schaut hier gern als Zuschauer vorbei. „Wolfgang identifiziert sich unheimlich mit dem Verein. Er hilft immer und schlägt einem keine Bitte ab“, sagt Kurt Hoos, der Präsident des TuSpo Röllshausen. Gern hätte Ernst dennoch den Sprung in den Profibereich geschafft. Bewerbungen beim HSV oder bei Eintracht Frankfurt blieben aber erfolglos.

„Der Torwart sollte der anerkannteste Spieler sein“

Mit voller Energie stürzte er sich daher in die Trainingseinheiten bei Amateurklubs völlig unterschiedlicher Ligen. Zum Beispiel in Fulda oder Stadtallendorf im gehobenen Amateurbereich. Oder auch einige Klassen darunter: „Ich fahre nie ins Training, ohne mir Gedanken zu machen, auch nicht in der Kreisliga B“, sagt Ernst. Nahezu sein gesamtes Berufsleben verbrachte der gelernte Schuhfertiger bei „Rohde“. Nach Feierabend widmete er sich dann seiner Mission: Torhüter besser zu machen - und damit der gesamten Mannschaft zu helfen. „Der Torwart sollte der anerkannteste Spieler sein. Er kann am meisten für seine Mannschaft machen“, sagt Ernst über die exponierte Stellung seiner Schützlinge. Und noch immer geht er seiner Leidenschaft nach: zum Beispiel bei den Keepern des 1. FC Schwalmstadt.

Großer Rückhalt, das betont Ernst, geben ihm seit jeher der Glaube und seine Familie. Immer an seiner Seite, bei allen Höhen und Tiefen: Ehefrau Uschi. Mit ihr ist er seit 46 Jahren verheiratet, seit 45 Jahren wohnen sie gemeinsam am Schönberg. Noch gut erinnern sich beide an ihre Hochzeit im Juli 1976. An einem Samstag fanden Trauung und Feier statt - statt im Urlaubsflieger verbrachte Ernst den nächsten Tag aber am Sportplatz in Wiera. Dort spielte er mit einer Kreisauswahl gegen den 1. FC Köln. „Flitterwochen oder Urlaub während der Saison“, erinnert sich Uschi Ernst mit einem Lächeln, „das war natürlich undenkbar“. Von Steffen Schneider

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