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Sängerchor Ziegenhain 1832 muss personalbedingt aufgeben

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Von: Sandra Rose

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Dirigent Steffen Dittmar steht mit erhobenen Händen vor dem Chor.
Der Sängerchor 1832 Ziegenhain mit Dirigent Steffen Dittmar und Sängern aus Loshausen/Zella beim letzten echten Ansingen der Salatkirmes im Juni 2022. © Jörg döringer

Zum Jahresende löst sich der Sängerchor Ziegenhain 1832 auf. Er ist der zweitälteste im Mitteldeutschen Sängerbund.

Ziegenhain – Keine Ziegenhainer Kirmes ohne Ansingen – der Sängerchor 1832 war nicht nur fester Programmpunkt, sondern Stifter der beliebten Veranstaltung am Vorabend von Fronleichnam zur Einstimmung auf die Salatkirmes. Doch diese Auftritte sind Geschichte: Der Chor löst sich zum Jahresende auf.

Es gibt schlicht nicht mehr genügend Sänger, um den Chor aufrecht zu erhalten. „Wir haben uns zuletzt sehr intensiv um neue Sänger bemüht, auch gab es die Idee der Fusionierung – aber letztlich ist aus den Plänen nichts geworden. Wir müssen aufgeben“, sagt Vorsitzende Gülümser Cakir.

Schon beim Kirmesansingen im Juni war die Teilnahme nur dank unterstützender Sänger aus Loshausen und Zella möglich gewesen. Auch Projekte seien nicht geglückt, „neue Sänger kamen nicht mehr wieder“. Zuletzt waren es noch 15 Sänger. Der Sängerchor Ziegenhain ist der zweitälteste Chor im Mitteldeutschen Sängerbund.

Die Gründung

Das Jahr der Gründung 1832 war für Ziegenhain ein bedeutendes Jahr: In ihm wurde die Garnison aufgelöst. Unter den zurückgebliebenen, in den Ruhestand versetzten Offizieren befand sich auch der Garnisonsarzt Physikus Dr. Elias. Mit ihm versammelten sich im Gasthaus Winkelstein, der späteren Traube, einige Männer und gründeten ein Männerquartett.

Ein Jahr später hatte sich dem Quartett ein gemischter Chor angeschlossen. Der erste Dirigent wurde Schlossturmwächter und Musikus Köhler, der den Chor bis 1886 leitete. 1867 schlossen sich Chöre aus Alsfeld, Altenburg, Schlitz, Neukirchen, Homberg, Treysa und Ziegenhain zum Schwalmtalsängerbund zusammen.

Das Schwarz-Weiß-Foto ist ein Gruppenbild der Männer des Sängerchores Ziegenhain aus dem Jahr 1879. Die Männer tragen Anzüge.
Das Foto zeigt die Männer des Sängerchores Ziegenhain im Jahre 1879. © Sängerchor Ziegenhain

Der Gesang erhielt Auftrieb, allerorts wurden Sängerfeste veranstaltet, zu denen die Ziegenhainer beispielsweise mit dem Leiterwagen nach Schlitz reisten und tags darauf zurück. 1872 fand das Bundessängerfest in Ziegenhain statt. Aus den Vereinsprotokollen ist zu erfahren, dass der Sängerchor immer wieder auch mildtätige Zwecke erfüllte – etwa wurden einem in Not geratenen Tagelöhner 1887 zehn Mark gestiftet.

Die Glanzzeit

Seine Glanzzeit erlebte der Chor ab etwa 1932, viele Sänger strömten zu den Proben, einer der Höhepunkte war ein Auftritt beim Deutschen Sängerfest in Breslau. Der Zweite Weltkrieg lähmte alle Vereinsarbeit, erst 1948, unter dem Vorsitz von Gustav Albert, kam das Vereinsleben wieder in Schwung.

1957 feierte der Chor 125. Geburtstag – mit einem Fest „wie es eine kleine Stadt nur selten erlebt“. 30 Vereine mit insgesamt 1500 Sängern überbrachten Glückwünsche.

Die Identität

Doch der Verein erlebte auch Schattenseiten: Durch „unliebsame Ereignisse“ innerhalb des Vereins sank die Mitgliederzahl rapide, an den Übungsstunden beteiligten sich kaum mehr 20 Sänger. Ab Anfang der 1970er-Jahre waren Streit und Zank beigelegt, der Chor hatte wieder Zulauf, es entstand ein Frauenchor.

Im Zuge der Gebietsreform wanderten jedoch viele Beamte aus Ziegenhain ab, was sich bei der Mitgliederzahl des Chores bemerkbar machte. Bürgermeister und Magistrat mühten sich, die ehemals eigenständigen Städte und Gemeinden zu einer Einheit werden zu lassen: 1979 wurde eine „Schwalmstadt-LP“ aufgenommen, an der sich alle Musik- und Chorvereinigungen der Kommunen beteiligten. Die Platte war bald vergriffen.

Gleichberechtigung der Frauen

Dass die Frauen auch gleichberechtigte Stimmen des Vereins wurden, war anfangs nicht selbstverständlich – es gab Unstimmigkeiten und Differenzen, die aber bald beigelegt wurden. Die ersten Sprecherinnen des Chores waren Ursula Schmidt, Heidi Schalek und Christa Burri.

Mit der Wende entwickelten sich Verbindungen zu Chören im Osten, etwa nach Jena-Ziegenhain. 1990 gründeten die Ziegenhainer einen eigenen Kinderchor, der bis 1998 aktiv blieb. In den vergangenen Jahren trat der Chor als Gemischter Chor auf. In den Nullerjahren bis heute übernahm Steffen Dittmar die Leitung: „Es war ein Annähern nötig, beiderseits“, berichtet Gülümser Cakir augenzwinkernd.

Dittmar gab in der Festschrift zum 175. Geburtstag 2007 einen kurzen Rückblick. Darin verriet er, dass er es zunächst verheimlichte, „aus Treysa zu kommen“.

Doch im Laufe der Zeit sei er in die „geheimen Rituale der Geselligkeit“ und die dazugehörigen Gesänge eingeweiht worden: „Ich habe mich aufgehoben und wohlgefühlt.“ Mit ihm änderte sich auch das Repertoire, wobei manche Lieder „Geduld und Lernbereitschaft der erfahrenen Sangesbrüder ganz schön herausforderte“.

Seinen letzten Auftritt plant der Sängerchor Ziegenhain zum Ziegenhainer Weihnachtsmarkt in der Schlosskirche.

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