Bagger in Kriegsaltlasten

31.000 Tonnen giftbelasteter Böden müssen weg: Sanierung vor A49-Ausbau startet im Dezember

Während der Altlastensanierung überdacht: Halde mit 50.000 Tonnen giftiger Klärschlämme aus der TNT-Produktion in Stadtallendorf.
+
Während der Altlastensanierung überdacht: Halde mit 50.000 Tonnen giftiger Klärschlämme aus der TNT-Produktion in Stadtallendorf.

In Berlin wird wieder ums Geld für den Weiterbau der A49 gezankt. Genauer gesagt: um Konsequenzen aus einer Rüge des Bundesrechnungshofes (BRH) an die Adresse des Bundesverkehrsministeriums.

Der BRH ist alles andere als überzeugt, dass der 30-Kilometer-Lückenschluss zwischen Neuental und Gemünden unter Beteiligung privater Firmen billiger zu bauen und zu betreiben ist, als in staatlicher Hand. Am Mittwoch könnte sich der Haushaltsausschuss des Bundestags mit dem Fall befassen.

Unbelastet davon plant die Deges, Projektmanagementgesellschaft von Bund und Ländern, ab Dezember in Stadtallendorf schon mal Bagger anrollen zu lassen. Dort liegen Rüstungsaltlasten aus dem Zweiten Weltkrieg und Jahren davor. Sie abzutragen und zu entsorgen, bevor irgendwann Straßenbauer anrücken, dauert laut Deges etwa ein Jahr.

A49-Trasse: Gift im Boden

Wo die A49-Trasse den Herrenwald schneidet, steckt jede Menge altes Gift im Boden: Trinitrotoluol (TNT), Hexyl und Hexogen stammen aus der Sprengstoffproduktion des Dritten Reiches, Polycyclische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) aus den Bauten der Westfälisch-Anhaltischen Sprengstoff-Actien-Gesellschaft (WASAG) und der Dynamit Nobel AG (DAG). Beide betrieben hier nahe Marburg Europas größte Munitions- und Sprengstofffabrik als Teil des Netzwerks, mit dem die Nazis massiv aufrüsteten. Auch Hirschhagen nahe Kassel gehörte zu diesem Netz.

Blick auf die Reste: Die Stadtallendorfer Sprengstoff- und Munitionsfabriken nach Kriegsende.

Tarnname Barbara – dahinter steckten 1000 Hektar mit 650 gut getarnten Bauten und Bunkern im Wald oder hinter Erdwällen: Im Zweiten Weltkrieg schufteten bei Stadtallendorf mehr als 15.000 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, die unter SS-Bewachung in Barackenlagern hausten. Die Gifte aus den Sprengstoffen, die hier in Munitionshülsen verfüllt wurden, färbten den Menschen in den Rüstungsfabriken die Haare rot, Hände und Arme gelb. Nach dem Krieg demontierten oder sprengten die Alliierten die Anlagen großteils. In den Lagern wurden Heimatvertriebene und Flüchtlinge aus dem Osten einquartiert.

Ein Teil des Geländes, nach 1945 ohne große Bedenken mit Betrieben, Wohnhäusern und Gemüsegärten bebaut, wurde seit den 1990er Jahren vom Land Hessen saniert. Ebenso das riesige Kanalnetz und eine Halde von 50.000 Tonnen giftiger Klärschlämme aus der TNT-Produktion. Kosten: rund 160 Mio. Euro. Manche Grundstücke waren so verseucht, dass der Boden rund um die Häuser bis in sieben Meter Tiefe entfernt werden musste. Auch das Grundwasser war – und ist weiterhin – mit Sprengstoff-Gift belastet.

Weiter ab von der Bebauung müssen nach Schätzung der Deges jetzt unter der geplanten Trasse der Autobahn durch das ehemalige Rüstungsareal 31 000 Tonnen stark verunreinigtes Erdreich und Bauschutt entsorgt werden. Je nach Grad der Verunreinigung werde die Fracht per Container in ober- und unterirdische Deponien oder in Verbrennungsanlagen gefahren, hieß es auf Anfrage.

Die Bundeswehr, die auf dem ehemaligen Rüstungsareal bis 2011 mit zwei Kasernen und einem Übungsplatz vertreten war, hat schon 2016 mit Sanierungsarbeiten begonnen. Baggerfahrer, die kontaminierten Schutt und Boden abfahren, sitzen in Panzerglas-Kabinen: Sie können plötzlich auch noch funktionsfähige Blindgänger auf ihrer Schaufel haben.

Hirschhagen 17 Jahre saniert

Sprengstoffwerk Hirschhagen: Blick ins Innere einer Spaltanlage zur Wiederaufarbeitung von Schwefelsäure.

"Sprengstoff aus Hirschhagen“ hieß die Diplomarbeit, die Wolfram König (60), damals Student in Kassel, in den 1980er-Jahren mit Ulrich Schneider zur Geschichte und zu den giftigen Hinterlassenschaften der Nazi-Munitionsfabrik bei Hess. Lichtenau (Werra-Meißner-Kreis) veröffentlichte. König, der zeitweise für die Grünen im Kasseler Stadtparlament saß und seit 2016 Präsident des Bundesamtes für kerntechnische Entsorgungssicherheit ist, deckte mit Bürgerinitiativen auf, was viele höchstens ahnten, andere verdrängten.

Die Sprengstofffabrik Hessisch Lichtenau war mit gut 230 Hektar Fläche und 400 Gebäuden nach den Sprengstoffwerken in Stadtallendorf die zweitgrößte im damaligen Deutschen Reich. Auch hier hinterließ die Sprengstoffproduktion riesige Altlasten. 1992 begannen Sanierungsarbeiten des Landes Hessen, sie endeten 2009.

Für über 100 Mio. Euro wurden 200.000 Tonnen kontaminierte Böden entfernt oder durch Abdeckung versiegelt. Giftbelastetes Grundwasser, das beim Tunnelbau der A44 wieder auftauchte, muss mit Aktivkohlefiltern weiter gereinigt werden. Das bleibt auch so, auf Jahrzehnte oder länger.

Von Wolfgang Riek

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.