1. Startseite
  2. Lokales
  3. Schwalmstadt

Offizieller Schal für die documenta kommt aus der Schwalm

Erstellt:

Von: Johannes Rützel

Kommentare

Udo van der Kolk webt in Trutzhain den offiziellen Schal für die documenta Fifteen. Die Schals bestehen aus Baumwolle und Viskose, sind leicht und glatt und im documenta-Design gewebt.
Udo van der Kolk webt in Trutzhain den offiziellen Schal für die documenta Fifteen. Die Schals bestehen aus Baumwolle und Viskose, sind leicht und glatt und im documenta-Design gewebt. © Johannes Rützel

Die offiziellen documenta-Schals kommen aus der Schwalm. Genauer aus Trutzhain, wo sie der Weber Udo van der Kolk auf alten Webmaschinen anfertigt.

Trutzhain – Wer die Weberei betritt, wird von van der Kolk freundlich begrüßt. Er trägt T-Shirt und schwere Schuhe. Um den Hals hängt ein Gehörschutz. Den braucht er auch, denn wenn ein Webstuhl läuft, kann es schon mal laut werden.

In der Halle mit den Webstühlen riecht es nach Maschinen: metallisch und ölig. Ein gutes Dutzend Webstühle steht herum. Manche sind an die hundert Jahre alt, manche stammen aus den 1950er Jahren.

„Die Technik hier findet man sonst nur im Museum“, gibt der Weber lachend zu. Die modernsten Maschinen sind von Dornier und etwa 30 Jahre alt, auf ihnen werden die Schals für die documenta gewebt.

Statt Lochkarten seit 2021 voll digital

Traditionell lesen die Webstühle über die Jacquard-Maschine per Lochkarten das Webmuster ab. 2021 hat aber auch bei van der Kolk die Digitalisierung Einzug erhalten. Früher hat allein das Anfertigen der Lochkarten Wochen gedauert.

Den Entwurf der documenta-Künstler konnte van der Kolk jetzt innerhalb von zwei Tagen umsetzen und weben. „200 Schals haben wir schon produziert. Die Veranstalter haben auch schon nachbestellt“, erklärt Udo van der Kolk.

„Die Welt ein Stück weit bunter machen“

Er produziert in vier Farbkombinationen: Schwarz, Lila, Grün und Schwarz-Weiß. Die Schals bestehen aus Baumwolle und Viskose, einer kostet 75 Euro. Während des Gesprächs kommt Sieglinde Wilde vorbei. Sie wohnt nebenan und ist die Nichte des Fabrikgründers. Sie fragt nach den Schals, die habe sie letztens auf der documenta nicht gefunden. Van der Kolk zeigt sie ihr.

Auf dieser 30 Jahre alten Webmaschine von Dornier stellt Udo van der Kolk die offiziellen Schals für die documenta her. Seine Weberei steht in Trutzhain in der Schwalm.
Auf dieser 30 Jahre alten Webmaschine von Dornier stellt Udo van der Kolk die offiziellen Schals für die documenta her. Seine Weberei steht in Trutzhain in der Schwalm. © Johannes Rützel

„Ich will die Welt ein Stück weit bunter machen“, sagt van der Kolk. Ob seine Weberei Kunsthandwerk sei? „Ich würde es eher Manufaktur nennen. Aber es fließt schon viel Leidenschaft hier rein.“

Kunden aus aller Welt

Seine größten Kunden sind Kostümbildner aus aller Welt und Trachtenschneider aus Deutschland. Derzeit arbeitet er für das niederländische Staatsballet. Von seinem Know-how profitieren nicht zuletzt Trachtenträger: van der Kolk webt nach historischen Vorbildern Stoffe für Burschen- und Klingelwesten sowie Schürzen aus dem Schlitzer Land.

Hobby und Beruf verschwimmen

Mit dieser etwa 100 Jahre alten Bandwebmaschine belebt der Weber ein altes Handwerk.
Mit dieser etwa 100 Jahre alten Bandwebmaschine belebt der Weber Udo van der Kolk ein altes Handwerk. © Johannes Rützel

Früher gab es in jedem zweiten oder dritten Dorf eine Weberei, sagt van der Kolk. Jetzt seien die regionalen Netze nicht mehr da. Sein Betrieb gehöre zu den letzten in ganz Deutschland. „Dabei sind kurze Wege und schnelle Kommunikation wichtig für erfolgreiche Geschäfte“, meint er.

Zu seiner Arbeit sagt der Weber: „Es wird nie langweilig, man hat ständig etwas Neues auf dem Tisch.“ Van der Kolk stellt auch Stoffe für Schwälmer Trachtenschneider in Kleinserie her.

Kultur bewahren

Hobby und Beruf verschwimmen in der Weberei. Sein neuestes Projekt ist die Bandweberei, eine historische Technik. „Die Bandweberei zu bewahren halte ich für sehr wichtig. Die alten Maschinen kämen sonst auf den Schrott, wenn ich sie nicht aufstellen und benutzen würde.“

Gewinn wird er mit der historischen Technik nicht erwirtschaften, dafür hat er einen musealen Ausbau seiner Weberei geplant. „Ich möchte die Technik der Öffentlichkeit zugänglich machen.“ Ein Stück Kultur würde er hier hochhalten, denn „als Ausbildung lernbar ist das, was ich hier mache, nicht mehr“.

Führungen durch die Weberei sind nach Anmeldung an jedem ersten und dritten Mittwoch im Monat möglich: goldbrokat.eu

Auch interessant

Kommentare