Für Familie und Gemeinde

Einer von 32.000 Pendlern: Holger Kraft fährt jeden Tag von Frielendorf nach Kassel

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Mit dem Auto zur Arbeit: Holger Kraft aus Frielendorf ist einer von 31.827 Pendlern, die nahezu täglich aus dem Schwalm-Eder-Kreis in einen anderen Landkreis fahren. Er arbeitet in Kassel und fährt mehrmals die Woche.

Morgens um halb sechs sind die Straßen schön leer. Dann macht sich Holger Kraft auf den Weg zur Arbeit. Er gehört zu den vielen Pendlern, die aus dem Schwalm-Eder-Kreis zur Arbeit in einen anderen Kreis fahren.

Über die A7 geht es für ihn bis zur Abfahrt Kassel-Nord, von dort ist es nur noch ein Katzensprung bis zu seiner Arbeitsstelle bei Applied Systems in der Mündener Straße in Kassel.

„Ich habe noch nie vor der Haustür gearbeitet“, sagt der Familienvater. Er sei schon immer gependelt, mal von Kirchhain nach Gießen, mal nach Frankfurt, mal nach Offenbach. Nun also von Frielendorf nach Kassel.

Die Erklärung ist einfach: „Die familiäre Umgebung ist der Grund. Meine Frau hat im Kreiskrankenhaus in Homberg gearbeitet und wollte nicht weg. Auch die Schwiegereltern wohnen hier, das ist natürlich super für unsere Söhne“, sagt Kraft. Für Nordhessen sei es ja auch typisch, die Heimat ungern zu verlassen, sagt er lachend.

Holger Kraft ist in seinem Wohnort tief verankert

Der 44-Jährige ist Vater von zwei Jungen und in Frielendorf tief verankert. Vorsitzender des TuSpo Frielendorf – wo auch die Söhne Mitglieder sind –, Vorsitzender des Gewerbe- und Tourismusvereins Frielendorf aktiv, Pressereferent der ansässigen SPD, außerdem Mitglied der Gemeindevertretung – Wie könnte er da weg? „Man fragt sich manchmal schon, warum man jeden Tag so viel Fahrtzeit auf sich nimmt. Solche Gedanken kommen aber vor allem, wenn man Ärger hat“, sagt Kraft. Er mache sich oft auch Gedanken, ob es wirklich sein müsse, allein zu fahren.

Er fährt alleine, weil er sich dann mit seinen Arbeitszeiten nicht nach anderen richten muss. „Fahrgemeinschaften zu bilden, ist bei Schichtsystemen, wie es sie bei VW gibt, einfacher“, erklärt er.

Kraft erzählt: „Ich tanke einmal die Woche und gucke mittlerweile schon nicht mehr nach, wann und wo der Benzinpreis günstig ist. Das ist mir zu viel Fahrerei und Aufwand.“ Als Pendler zahle man immer drauf, aber: Er werde in Kassel wohl auch besser bezahlt als beispielsweise in Frielendorf.

Von seiner Arbeitsstelle als Software-Entwickler profitiert er insofern, dass er auch mal zuhause arbeiten kann. Als Diplom-Informatiker reichen ihm da ein Computer und ein Internetzugang. Die Arbeit in Gleitzeit helfe ihm außerdem dabei, die größten Verkehrsaufkommen in Kassel und auf der Autobahn zu umgehen. „Ich betreue zum Beispiel Kunden in München, die fangen wie ich auch oft um 6 Uhr an“, sagt Kraft.

Eine Stunde Stau - in Sichtweite der Arbeit

Trotzdem kennt er die typischen Pendler-Probleme aus dem Effeff. „Schnee ist natürlich immer schlecht. Es gibt zwar mehrere Strecken nach Kassel, aber es erwischt einen doch immer mal“, erzählt er. Einmal stand er in Sichtweite der Arbeit eine Stunde lang im Stau.

Während der Fahrt hört er Radio, gerne hr-info, außerdem führt er auf dem Heimweg berufliche Telefonate. „Da muss man aber aufpassen. Die Ablenkung kann schon gefährlich sein“, sagt er. Er ist froh, dass seine Firma ihren Sitz nicht mehr wie früher Am Stern in Kassel hat. Dorthin würde die Fahrt deutlich länger dauern.

In seiner Gemeinde ist er engagiert, er sagt aber auch: „Die rund 40 Minuten Fahrt zur Arbeit und wieder zurück sind noch erträglich. Bei längeren Fahrtzeiten würde ich nicht pendeln wollen.“ Dann würde sich Holger Kraft nach einer Unterkunft für die Wochentage oder Umzugsmöglichkeiten umschauen. Das soll aber vermieden werden. Schließlich wäre das schlecht für die Familie. Und für Frielendorf.

Hintergrund: Fast jeder Zweite pendelt

Knapp die Hälfte der im Schwalm-Eder-Kreis wohnhaften, sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten pendeln für die Arbeit in einen anderen Kreis. Das sind etwa 32 000 von 71 400 beschäftigten Menschen.

Im Vergleich dazu: Rund 15 300 Menschen fahren für die Arbeit in den Schwalm-Eder-Kreis. Das ist nicht mal die Hälfte der Anzahl der Auspendler.

„Der Schwalm-Eder-Kreis profitiert von einer guten Verkehrsanbindung und großen Arbeitgebern in der Nachbarschaft“, sagt Cornelia Harberg, Pressesprecherin der Arbeitsagentur in Korbach. Die meisten Auspendler aus dem Schwalm-Eder-Kreis fahren zur Arbeit in den Landkreis (9077) und die Stadt (8981) Kassel. „Das sind die Schwerpunkte. Für den Landkreis liegt das sicher auch am VW-Werk in Baunatal“, so Harberg. Allein aus Melsungen, Homberg und Gudensberg pendeln 1500 Menschen nach Baunatal.

In den Kreis Marburg-Biedenkopf pendeln 3023 Beschäftigte, die meisten aus dem südlichen Schwalm-Eder-Kreis – allein 1164 aus Schwalmstadt. 

Die weiteren am meisten angefahrenen Regionen sind der Kreis Waldeck-Frankenberg (2077), der Kreis Hersfeld-Rotenburg (1879) und der Vogelsbergkreis (1079). 544 Berufstätige pendeln zudem nach Frankfurt. „Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten ist in den vergangenen zehn Jahren gestiegen. Somit steigt auch die Zahl der Pendler“, erklärt Harberg, die die höheren Beschäftigungszahlen positiv bewertet.

Die meisten Beschäftigten, die in den Schwalm-Eder-Kreis pendeln, kommen aus dem Kreis Kassel (2968) der Stadt Kassel (2550) sowie dem Kreis Hersfeld-Rotenburg (2335).

In der Region Schwalm-Eder arbeiten insgesamt 54 900 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte. Davon sind 27,9 Prozent Einpendler. „Pendeln ist für viele ein Abwägen von Kosten- und Zeitfaktoren“, sagt Cornelia Harberg.

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