Wehren trotzen Virus

Einsatzbereit trotz Pandemie: Wie Feuerwehren im Coronamodus arbeiten

Türöffnung: Um sich vor dem Coronavirus zu schützen, sind die Feuerwehren angewiesen, auch bei Bagatelleinsätzen vermehrt Atemschutz zu tragen. Unser Bild entstand bei einer Übung in Ziegenhain.
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Türöffnung: Um sich vor dem Coronavirus zu schützen, sind die Feuerwehren angewiesen, auch bei Bagatelleinsätzen vermehrt Atemschutz zu tragen. Unser Bild entstand bei einer Übung in Ziegenhain.

Mit einer strikten Abschottungsstrategie haben sich die Feuerwehren im Schwalm-Eder-Kreis auf die Corona-Pandemie eingestellt. Seit Mitte März sind die Feuerwehrhäuser gesperrt und Übungsdienste abgesagt.

Es gelte die Einsatzbereitschaft unter allen Umständen zu erhalten, schreibt beispielsweise der Frielendorfer Gemeindebrandinspektor Christian Nill in einer Dienstanweisung. 

Die im gesamten Kreis angeordneten Maßnahmen scheinen bislang erfolgreich zu sein. Bislang sei nur eine Ortsteilfeuerwehr wegen Corona zeitweise nicht einsatzbereit gewesen, sagt Kreisbrandinspektorin Tanja Dittmar auf HNA Anfrage. Eine Feuerwehr ist bis mindestens kommende Woche indirekt wegen des Covid-19 außer Dienst gestellt. Dabei handele es sich um Einsatzabteilung der Kaserne Schwarzenborn, erklärt Dittmar. 

Einsatzabteilung der Knüllkaserne nicht besetzt

Da die Bundeswehr die Soldaten zur Sicherheit und Vorsorge nach Hause geschickt habe, sei die Einsatzabteilung der Knüllkaserne nicht besetzt und somit nicht einsatzbereit, bestätigt Schwarzenborns Stadtbrandinspektor Andre Dickhaut. Im besonders von der Corona-Krise betroffenen Bereich rund um Schwalmstadt traf es nach Angaben des Landkreises in der zweiten Märzhälfte eine wichtige zentrale Einrichtung der Gefahrenabwehr: Die Atemschutzwerkstatt der Feuerwehr Schwalmstadt konnte einige Tage nicht arbeiten – Schlüsselpersonal war in Quarantäne. In dieser Zeit sei die Feuerwehr Melsungen mit ihrer Atemschutzwerkstatt eingesprungen, sagt Dittmar: „Für diese kameradschaftliche Geste bedanken wir uns ganz herzlich.“ 

Nachbarwehren müssen im Notfall helfen 

Sollte eine Feuerwehr aufgrund von Personalengpässen, wegen häuslicher Quarantäne oder Coronaerkrankungen nicht einsatzbereit sein, greift laut Kreisbrandinspektorin das System der georeferenzierten Alarmierung. Nachbarwehren rücken aus und leisten Hilfe. Je nach Ausbreitung des Coronavirus könne aber für die Zukunft nicht ausgeschlossen werden, dass es in Einzelfällen auch zu Verzögerungen im Einsatz kommen könnte, gibt Tanja Dittmar zu bedenken.

Kampf gegen Virus stellt Wehren vor besonderen Herausforderungen

Der Kampf gegen ein kleines Virus stellt die Feuerwehren in diesen Tagen und Wochen vor besondere Herausforderungen. Selbst bei alltäglichen Einsätzen wie bei der Beseitigung einer Ölspur oder einer Türöffnung gehört zum Eigenschutz nicht nur das Absichern einer Straße, sondern auch der Infektionsschutz gegen das Coronavirus.

Die angeordneten Vorsichtsmaßnahmen sind wichtig, denn die Wehren sind ein zentraler Baustein der Gefahrenabwehr in den Städten und Dörfern. Sollten durch Erkrankung mit Covid-19 oder häuslicher Quarantäne ganze Wehren nicht mehr einsatzbereit sein, bekommt das Sicherheitsnetz Lücken. Das gilt es zu vermeiden.

Leben in der Lage

Leben in der Lage – ein altbekannter Feuerwehrspruch hat auch in der Pandemie seine Berechtigung. Glücklicherweise stehe den Feuerwehren durch die flächendeckend vorhandenen Atemschutzgeräte entsprechende Schutzausrüstung jederzeit zu Verfügung, erklärt Kreisbrandinspektorin Tanja Dittmar: „Das bedeutet insbesondere für Hilfeleistungseinsätze mit dem schweren, hydraulischen Schneid- und Spreizgerät eine zusätzliche enorme Anstrengung.“ Vor dem Hintergrund, dass jede FFP2 Maske, jede Schutzbrille und jeder Schutzanzug in der derzeitigen Lage noch einmal medizinisch relevant werden könne, sei es für die Feuerwehrleute im Kreis aber selbstverständlich, ressourcenschonend mit der auf Feuerwehrfahrzeugen vorhandenen Schutzausrüstung auszukommen, so Dittmar weiter: „Dafür wurden wir ausgebildet.“

Das gelte für alle Einsatzbereiche: den Brandschutz, die allgemeine Hilfe und die technische Hilfeleistung bei einem Verkehrsunfall. „Mit unserer vorhandenen Schutzausrüstung können wir jederzeit die Hygienevorgaben des Robert-Koch-Institutes erfüllen“, beruhigt die Kreisbrandinspektorin.

Feuerwehrleute müssen auch Abstand halten

Zusätzlich wurden die Feuerwehrleute angewiesen, bei Einsätzen untereinander Abstand zu halten. Dazu zählt auch die Fahrt mit Feuerwehrfahrzeugen. Wenn möglich sollen sich die Brandschützer auf mehrere Einsatzwagen aufteilen und eventuell vorhandene Manschaftsbusse nutzen. Auch das Tragen von einfachen Alltagsmasken wird mittlerweile empfohlen.

Aktuell sei es wichtig, die Ressource Personal verantwortungsbewusst einzusetzen und unnötige Kontakte zu vermeiden, so Dittmar: „Für Führungskräfte gilt, insbesondere bei Bagatelleinsätzen, Einsatzkräfte mit Umsicht so früh wie möglich aus dem Einsatz zu entlassen.“

Was ist heute schon noch normal?

Auch übergeordnete Stellen zeigen sich in der Krise flexibel, Probleme werden unbürokratisch gelöst. Beispiel Atemschutz: Es sollen zwar vermehrt Atemschutz getragen werden, die Atemschutzgeräteträger können aber nicht mehr die notwendigen Pflichtausbildungen (Streckendurchgang, Einsatzübung) und gesundheitlichen Untersuchungen (G26.3) absolvieren. Streng nach den in normalen Zeiten gültigen Vorgaben wären sie somit nicht einsatzbereit – aber was ist heute schon noch normal.

Regelungen sind mit Unfallkasse Hessen abgestimmt

Durch einen Erlass des Landes wurde klar gestellt, dass wegen der Infektionsgefahr auf Streckendurchgänge verzichtet werden kann, sofern die sonstigen Voraussetzungen für die Tauglichkeit der Atemschutzgeräteträger gegeben sind und im vergangenen Jahr ein Streckendurchgang erfolgte.

Bis auf Weiteres können auch fällige G26.3- Untersuchungen um drei Monate verschoben werden, erklärt Tanja Dittmar: „Beide Regelungen sind mit der Unfallkasse Hessen abgestimmt, der Versicherungsschutz durch die UKH bleibt in vollem Umfang bestehen.“

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