Interview mit Pfarrer Karl-Friedrich Wackerbarth: Kritik an Landeskirchen

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In der Schwalm aufgewachsen: Karl-Friedrich Wackerbarth ist jetzt Pfarrer in Prien am Chiemsee. 

Schwalm. Auf der einen Seite Rekordeinnahmen an Kirchensteuer durch die gute Konjunkturlage, auf der anderen Seite immer weniger Leistungen und zugleich blähen sich die Funktionen in den Landeskirchen immer mehr auf – unter diesem Tenor steht die Kritik von Karl-Friedrich Wackerbarth.

Sie sind Pfarrer in Bayern, lässt sich die Situation so einfach in jede Landeskirche übertragen?

Karl-Friedrich Wackerbarth: Ganz sicher nicht. Dass die Ortsgemeinden grundsätzlich mehr und mehr aus dem Blick geraten, das ist allerdings eine Tendenz, die sich überall beobachten lässt.

Erhielten Sie viele Reaktionen auf Ihre Kritik?

Wackerbarth: Ich erhalte viele Mails als Rückmeldung auf den Artikel in der FAS aus den verschiedenen Gliedkirchen der EKD, die allesamt die Missachtung der Gemeinden beklagen.

Ist das nicht das Thema – ausgerechnet im Lutherjahr?

Wackerbarth: Die Reformation vor 500 Jahren hatte die Menschen in den Gemeinden im Blick und wollte sie aus der Bevormundung und Gängelung der Kirchenfürsten befreien.

Das ist jetzt wieder nötig?

Wackerbarth: Ich finde, dass wir heute fast schon wieder eine ähnliche Situation wie vor 500 Jahren haben. Nicht die Gemeinde soll über ihre Zukunft bestimmen, sondern Reformpapiere und Strukturveränderungen werden von oben verordnet. Dabei weiß jeder, dass Reformen, die wirklich greifen wollen, stets von unten passieren müssen.

Apropos Lutherjahr, was halten Sie davon?

Wackerbarth:Dienen diese Großveranstaltungen noch den Gemeinden oder dienen sie der Selbstdarstellung der Großorganisation Kirche? Ich sehe, mit welch enormem Aufwand das Reformationsjubiläum begangen wird. Ganz sicher passieren z. B. in Wittenberg tolle Sachen, aber feiern sich da die Protestanten nicht wieder selber? Und ist das Geld, das dort verbraucht wird, wirklich gut investiert? Nachhaltig und zukunftsorientiert?

PR-Maßnahmen stehen Sie kritisch gegenüber, Sie sehen darin den Ausweis einer zunehmenden Klerikalisierung?

Wackerbarth:Die Entscheidungen, solche Projekte durchzuführen, fallen mir zu schnell. Hauptsache es bringt öffentliche Aufmerksamkeit – das, so scheint mir, ist oftmals das wichtigste Kriterium. Ich glaube dagegen, dass wir gut daran täten, das Rampenlicht zu meiden, weil man dort extrem geblendet wird und den Blick für die, die im Dunkeln stehen, verliert.

Stehen Sie mit Ihrer Kritik alleine da?

Wackerbarth:Ich weiß von vielen Kollegen, die mir in der Sache zustimmen. Aber das alles passiert hinter vorgehaltener Hand. Es fehlt häufig der Mut, für seine Überzeugung einzustehen. Das macht mich sehr traurig, weil ich denke, gerade dieser Mut müsste doch ein Merkmal unseres Glaubens sein.

Aber einige haben Angst um ihre Karriere, andere fürchten die Vorgesetzten, wollen keinen Ärger usw. Schade. Vielleicht geht es den Gemeinden auch noch nicht schlecht genug. Ich fürchte, wenn sie aufwachen, ist es zu spät. Der Kreis meines Gemeindebunds beträgt über 40 Gemeinden von insgesamt 1500. Das ist nicht viel. Aber die Arbeit mit Gleichgesinnten entschädigt für Vieles und gibt eine Menge Kraft.

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