Nachhaltigkeitsjournalist im Interview

Klimawandel ist die Gefahr: Das sagt ein Experte und fordert mehr Akzeptanz für Windkraft

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Jonathan Linker, Nachhaltigkeitsjournalist

Die Windenergie hat einen steigenden Anteil an der Stromerzeugung in Deutschland. 2018 stellte sie den zweitgrößten Anteil an der Stromproduktion und lag vor Atomenergie und Steinkohle.

Trotzdem gibt es da, wo Windenergie erzeugt wird oder Windparks entstehen sollen, etwa in Frielendorf, immer weniger Akzeptanz. In Frielendorf sollen zwei Windparks entstehen; in Immichenhain klagen Anwohner über Lärm durch Windräder. Wir haben mit dem Großropperhäuser Nachhaltigkeitsjournalisten Jonathan Linker gesprochen.

Was ist falsch gelaufen in Sachen Windkraft, warum wird lokal fast immer gegen Windkraft gestimmt?

Dass Containerschiffe heute wieder Segel in den Wind setzen, um Schweröl zu sparen, deuten viele Menschen als Rückschritt. Der lokale Widerstand steht für mich im Zusammenhang mit einem fehlenden Konsens darüber, wie wir als Menschheit dem Klimawandel begegnen und die Energiewende gestalten können. 

Bei Windrädern reichen heute vergleichsweise schwache Argumente, um starke Gegenwehr zu provozieren. Denn eine verheißungsvolle Vision hat es im Bereich der erneuerbaren Energien über grüne Milieus hinaus kaum gegeben.

Die Stromerzeugung aus Windkraft steigt stetig an, warum erscheint das vielen trotzdem als Problem?

Ungeachtet der offenkundigen Erfolgsgeschichten, die damit vor allem in Deutschland verbunden sind, stehen die unmittelbar sichtbaren Faktoren im Fokus der Debatte. Die EEG-Umlage rechnet uns schwarz auf weiß vor, was Energie kostet. Das kennen wir so von konventionellen Energien nicht, obwohl dort nicht weniger Subventionen geflossen sind. 

Und Windkraft wird dezentral gewonnen, betrifft also sehr viele Menschen direkt vor ihrer Haustür. Ausgerechnet die Transparenz des erneuerbaren Energiesystems gerät also zu seinem größten Problem.

Als die Windparks in Ottrau entstanden, haben sich die Frielendorfer Windkraftgegner nicht solidarisch erklärt - umgekehrt ist das jetzt auch so. Wie erklärt sich das?

Ist das so? Dann haben beide Gruppen womöglich zu wenig Schnittmenge. Wenn beide Gruppen nur gegen Windräder vor der eigenen Haustür kämpfen, dann fehlt ihnen ein übergeordnetes Ziel, dann stellt sich mit zunehmendem Abstand die Frage nach der Legitimität ihres Protests.

Flächendeckend stirbt der Wald ab, verstehen Sie die Argumente, die Windkraft-im-Wald-Skeptiker vorbringen?

Nein. Der Begriff der Nachhaltigkeit wurde vor rund 300 Jahren von Hans Carl von Carlowitz in der deutschen Forstwirtschaft begründet. Wenn es um die Zukunft des Waldes geht, würde ich Forstwirte fragen. Sie denken länger als viele andere Wirtschaftszweige vorausschauend und systemisch und sehen den Wald nicht durch Windräder, sondern durch den Klimawandel in Gefahr.

Warum suchen sich die Windkraftgegner eine eigene Wahrheit, akzeptieren andere Erkenntnisse - häufige die von Genehmigungsbehörden und Entwicklern – nicht?

Wir alle suchen tendenziell nach Aussagen, die unsere eigene Auffassung unterstützen. Unsere veränderte Mediennutzung und Filterblasen in sozialen Netzwerken verstärken das Phänomen. Emotionale Themen werden in einer komplexen Welt immer häufiger Teil unserer persönlichen Identität - und die verteidigen wir besonders leidenschaftlich.

Wie könnte vor Ort mehr Akzeptanz für Windkraft entstehen?

Ohne einen überregionalen Konsens ist jede Aktion vor Ort nur ein Angebot an Einzelne. Wir befinden uns in einer Situation, in der Kohlekraftwerke und großindustrielle Infrastruktur wie Flughäfen teilweise formal näher an Siedlungen herangebaut werden dürfen als einzelne Windräder. 

Die Politik ist den Gegnern so weit entgegengekommen, dass sie beinahe handlungsunfähig ist. Akzeptanz hat das nicht gebracht.

ZUR PERSON:

Jonathan Linker (36) lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Großropperhausen. Nach dem Abitur studierte er in Darmstadt Nachhaltigkeitsjournalismus. Er arbeitete als Redakteur bei „Luftfahrt ohne Grenzen“ und Gruener-Journalismus.de, einem von der Unesco ausgezeichneten Medienportal für nachhaltige Entwicklung. Inzwischen entwickelt er freiberuflich für Unternehmen Nachhaltigkeitsberichte, die inzwischen ebenso wichtig sind wie Geschäftsberichte.

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