Trockenster Sommer seit 1976

Schwalm-Eder: Flächenbrände fordern die Feuerwehren im Kreis

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Typisches Bild in den Sommermonaten: Auch in diesem Jahr mussten die Feuerwehren im Schwalm-Eder-Kreis bereits zahlreiche Gras- und Flächenbrände löschen. Das Bild entstand bei einem Feuer in Ziegenhain.

Schwalm-Eder. Zahlreiche Gras- und Flächenbrände halten derzeit die Feuerwehren des Kreises in Atem. Schuld daran ist oft der Mensch.

Die Trockenheit hat die Region fest im Griff. Man müsse schon bis 1976 zurückgehen, um vergleichbare Verhältnisse vorzufinden, sagt Diplom Meteorologe Thomas Kesseler-Lauterkorn vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Das Wetter beschert auch den Feuerwehren eine Menge Arbeit. Die Statistik des Landkreises zählt bereits 15 Gras- und Flächenbrände, damit ist Zahl schon jetzt doppelt so hoch wie der jährliche Schnitt. 

In den vergangenen Tagen brannte es unter anderem in Gilserberg, Spieskappel und Guxhagen. Glücklicherweise hatten die Einsatzkräfte die Feuer schnell im Griff. Verletzte gab es bislang nicht zu beklagen, immer wieder fielen aber landwirtschaftliche Maschinen den Flammen zum Opfer. 

Die Schäden gehen in die Tausende. Auf den ausgedörrten Feldern und Wiesen findet das Feuer reichlich Nahrung. Ein Funke reicht bereits. Kommt dann noch Wind ins Spiel, stehen schnell große Flächen in Brand. 

Gefährliche Einsätze für Feuerwehren

Informationen für den ganzen Schwalm-Eder-Kreis stehen dem DWD zwar nicht zur Verfügung, aber an der Station in Niederbeisheim fielen im Juni nur 12 und im Juli bislang nur 11 Millimeter Regen. Das langjährige Mittel an dieser Station sind 68 Millimeter für Juni und 73 für Juli. Auch der Mai sei mit knapp 30 Millimetern (normal 71) schon deutlich zu trocken gewesen, erklärt Kesseler-Lauterkorn. 

Nur in Ausnahmefällen hätten Brände eine natürliche Ursache, weiß sein Kollege Dr. Klaus-Peter Wittich und fügt an, dass in der Regel der Mensch schuld sei. Für Feuerwehren sind die Einsätze nicht ungefährlich, sagt Markus Böse von der Feuerwehr Gilserberg: „Greift man das Feuer von der falschen Seite an, zum Beispiel gegen den Wind, kann es schnell dazu führen, dass Fahrzeuge und Geräte vom Feuer erfasst werden und im schlimmsten Fall sogar Personen zu Schaden kommen.“

Einer von zahlreichen Flächenbränden: Angefacht durch Wind fraß sich kürzlich ein Feuer in der Nähe von Gilserberg durch ein Getreidefeld.

Oft ist der Mensch schuld

Des einen Freud, ist des anderen Leid: Während sich viele Menschen über den stabilen Hochsommer freuen und ihre Zeit im Freibad oder am Badesee verbringen, steigen aufgrund der Trockenheit die Einsatzzahlen der Feuerwehren. 

Beinahe täglich rücken die Brandschützer aktuell zu brennenden Getreide- oder Stoppelfeldern aus. In Niedergrenzbach musste kürzlich wegen eines Brandes zeitweise sogar die Bundesstraße gesperrt werden und in Guxhagen stand erst zu Wochenbeginn eine sechs Hektar große Fläche in Flammen.

Lediglich fünf Prozent der Feuer sind natürlichen Ursprungs und werden durch Blitzschlag verursacht, erklärt Dr. Klaus-Peter Wittich des zum Deutschen Wetterdienst (DWD) gehörendem Zentrum für agrarmeteorologische Forschung. 

Ursächlich für die meisten dieser Brände ist der Mensch: Die Feuer werden durch weggeworfene Zigaretten, Brandstiftung, heiße Katalysatoren oder durch landwirtschaftliche Maschinen – sei es durch technischen Defekt oder im normalen Betrieb – entfacht.

Der Mythos der Scherbe

Die oft genannte Glasscherbe oder im Gras liegende Bierflasche könne man dagegen als Brandursache mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen, sagt Wittich. Die Lufttemperatur unter einer auf dem Boden liegenden Glasscherben betrage lediglich einhundert Grad, erklärt der Meteorologe: „Die einhundert Grad reichen für eine Zündung nicht aus.“ Im absolut trockenen Zustand, der Fachmann spricht von darrtrocken, benötigt man mindestens 250 Grad Zündtemperatur, um Gras zu entflammen.

Um dem Glasscherbenmythos auf den Grund zu gehen, führte Klaus-Peter Wittich gemeinsam mit Kollegen 2005 und 2006 verschiedene Versuche durch und durchforstete Archive. Dabei kam heraus, dass der Mythos zwar seit über 70 Jahren durch Literatur und Einsatzberichte geistert, aber bislang noch nie eine Glasscherbe als Brandursache wissenschaftlich nachgewiesen wurde. Selbst unter optimalen Bedingungen und mit verschiedenen Gläsern konnte der DWD-Mann bei 120 dokumentierten Versuchen kein Feuer entfachen.

30 Prozent der Brände ungeklärt

Fazit: Brände, hervorgerufen durch den Brennglaseffekt sind laut Wittich und Kollegen mit normalen Glasscherben und Flaschen unter hiesigen Klimabedingungen sehr unwahrscheinlich. Seit der letzten Versuchsreihe habe es in der Hinsicht auch keine neuen Erkenntnisse mehr gegeben, betont der Meteorologe.

Da die Glasscherbe aber eine schöne Erklärungsmöglichkeit für viele Brände biete, denen sonst keine Ursache zugeordnet werden könne, habe sich der Mythos hartnäckig gehalten, vermutet Klaus-Peter Wittich und sagt, dass bei Flächenbränden rund 30 Prozent der Brandursachen ungeklärt bleiben, aber in der Regel einem wie auch immer gearteten menschlichen Einwirken zuzuschreiben seien. „Der Mythos stirbt zuletzt. Findet man in der Nähe des Brandortes dann eine Flasche, ist man sehr dankbar – sie erspart weiteres Nachforschen“, so Wittich schmunzelnd.

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