Aufstockung der Rettungswachen erwägt

Zu wenige Rettungswagen im Schwalm-Eder-Kreis: Helfer brauchen länger als erlaubt

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Vollgestopft mit Technik: Ein moderner Rettungswagen kostet rund 200 000 Euro. Das DRK Schwalm-Eder setzt im Landkreis 24 solcher Fahrzeuge im Rettungsdienst ein.

Im vergangenen Jahr wurde die Hilfsfrist – innerhalb von zehn Minuten muss ein Rettungsteam am Einsatzort sein – im Schwalm-Eder-Kreis nur in 86 Prozent der Fälle erreicht.

Das Land Hessen fordert für die Regelhilfsfrist 90 Prozent. Wesentlicher Grund für das durchwachsene Abschneiden ist die seit Jahren steigende Zahl der Rettungseinsätze. 

Ein zusätzlicher Krankentransportwagen und die Verlängerung der Einsatzzeit eines Rettungswagens hätten sich noch nicht vollständig auf das Jahresergebnis 2018 niedergeschlagen, so Kreissprecher Stephan Bürger: „Sollte auch im Jahr 2019 die Zielvorgabe nicht erreicht werden können, ist eine weitere Aufstockung der Vorhaltezeiten an zwei Rettungswachen beabsichtigt.“ 

Schnitt liegt unter 90 Prozent

In den vergangenen fünf Jahren lag der Kreis im Schnitt bei 87 Prozent. Tiefpunkt war 2016 mit 83 Prozent. In den Nachbarkreisen zeigt sich ein ähnliches Bild: Wie Bürger informierte, konnte die Hilfsfrist 2018 im Werra-Meißner-Kreis nur in 83 Prozent, in Hersfeld Rotenburg in 86 Prozent und im Landkreis Waldeck Frankenberg in 78 Prozent erfüllt werden. Hessenweit sei die Hilfsfrist bei 87 Prozent der Einsätze eingehalten worden, so das Sozialministerium auf Anfrage. 

Für die Feuerwehren liegen dem Schwalm-Eder-Kreis keine Zahlen vor. Für die Einhaltung seien die jeweiligen Kommunen verantwortlich, so der Pressesprecher. 

Wie der Rettungsdienst muss auch die Feuerwehr in der Regel in zehn Minuten an einer Einsatzstelle sein und wirksam Hilfe einleiten. Dazu sieht der Gesetzgeber mindestens sechs Feuerwehrleute vor. Dem Innenministerium sind auf Nachfrage bislang keine Fälle bekannt, bei denen Menschen durch die Nichteinhaltung der Frist zu Schaden gekommen wären. 

Noch sei die Hilfsfrist bei den Wehren kein Thema, so Bürger: „Das kann sich aber schnell ändern, Stichworte sind hier demografischer und gesellschaftlicher Wandel.“

Zahl der Rettungseinsätze nimmt zu

In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Notfalleinsätze im Kreis von rund 17 000 auf gut 21 800 gestiegen. Laut Hessichen Rettungsdienstgesetz sollen mindestens 90 Prozent aller an einer Straße gelegenen Einsatzorte innerhalb einer Hilfsfrist von 10 Minuten durch den Rettungsdienst erreicht werden können. 

In mindestens 95 Prozent der Fälle muss der Notfallort - insbesondere auch in ländlich strukturierten Bereichen - nach 15 Minuten erreicht werden.

Die Trage ist das Herzstück

Um den Menschen im Landkreis schnell Hilfe leisten zu können, verfügt der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuz (DRK) im Schwalm-Eder-Kreis über eine Flotte von 24 Rettungswagen, acht Krankentransportwagen und vier Notarzteinsatzfahrzeugen. Bei den Rettungswagen (RTW) handelt es sich um eine rollende Behandlungsstation mit umfangreicher Ausrüstung für fast alle Notfallsituationen.

Der Tragestuhl kann auf Schienen ins Fahrzeug geschoben werden. Maik Wagner zeigt das System.

Die Rettungswagen sind auf elf Rettungswachen verteilt. Neben dem DRK betreibt auch der Malteser-Hilfsdienst Rettungswachen.

Moderner Rettungswagen ist mit zwei Mann besetzt

An großen DRK-Standorten wie in Ziegenhain finden sich Einsatzfahrzeuge aus allen drei Kategorien. In kleinen Außenwachen wie beispielsweise in Schwarzenborn sei dann nur ein Rettungswagen mit Besatzung stationiert, erklärt Rettungsdienstleiter Marco Hille.

Durch die flächendeckenden Stationierung entsteht ein engmaschiges Rettungsnetz. Angestrebtes Ziel ist es immer, eine Einsatzstelle in zehn Minuten Fahrtzeit zu erreichen und damit die Hilfsfrist einzuhalten.

Marco Hille, Dienstleister

Ein moderner Rettungswagen ist mit zwei Mann besetzt. Die Besatzung hat eine umfassende medizinische Ausbildung. Der Fahrer ist mindestens Rettungssanitäter, der Beifahrer Notfallsanitäter oder Rettungsassistent. Da das DRK viele seine Mitarbeiter selbst ausbildet, fährt in den RTW auch regelmäßig ein Azubi mit.

Ein neuer Rettungswagen kostet rund 200.000 Euro

Notärzte werden mit einem NEF – einem Notarzteinsatzfahrzeug – zur Unglücksstelle gefahren. Die notfallmedizinische Patientenversorgung erfolge in der Regel zunächst ohne Notarzt, erklärt Hille: „Die Besatzung ist meistens erst einmal auf sich allein gestellt.“

Ein neuer Rettungswagen kostet rund 200.000 Euro. Allein die medizinische Ausrüstung summiere sich auf rund 60.000 Euro, so Hille.

Alle beim DRK Schwalm-Eder eingesetzten Fahrzeuge sind im Grunde gleich aufgebaut. Dadurch ist gewährleistet, dass jede Besatzung mit jedem RTW arbeiten kann. „Egal in welches Fahrzeug sie steigen, sie finden die Geräte an der selben Stelle“, erklärt Ausbildungsbeauftragter – im DRK-Jargon Praxisanleiter – und Notfallsanitäter Thomas Lampp.

Thomas Lampp, Notfallsanitäter

Die Einsatzfahrzeuge sind Standorten nicht fest zugeordnet, sondern rotieren regelmäßig. So habe am Ende jeder RTW einen ähnlichen Kilometerstand auf dem Tacho, erklärt Rettungsdienstleiter Hille. In ihrer Dienstzeit fahren die Wagen bis zu 300.000 Kilometer und werden nach rund sechs Jahren ausgesondert.

Die Trage im Heck ist das Herzstück des Fahrzeugs, hier können Patienten sicher transportiert und behandelt werden. Um Stöße abzufedern ist der Tragetisch luftgefedert. Die Einsatzdokumentation erfolgt digital mithilfe eines speziellen Tablets.

Mit jeder neuen Fahrzeuggeneration gibt es kleine Verbesserungen. In den neuesten RTW kann zum Beispiel ein Schienensystem eingebaut werden, um den Tragestuhl in das Fahrzeug zu schieben. Das sei nicht nur für den Patienten angenehmer, sondern schone auch die Gesundheit der Besatzung, freut sich Lampp.

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