Familienfreundlichkeit als Chance

Landkreis widerspricht Studie: Berlin-Institut erwartet großen Bevölkerungsrückgang

+
Seltener als Pandabären: Die Einwohner des Frielendorfer Ortsteils Lanertshausen nehmen den Bevölkerungsrückgang in ihrem Ort mit Humor.

Bis zum Jahr 2035 werden im Schwalm-Eder-Kreis 9,23 Prozent Menschen (umgerechnet 17.000) weniger leben als 2017, sagt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

Die Zahlen gehen aus der neuen Studie „Die demografische Lage der Nation – Wie zukunftsfähig Deutschlands Regionen sind“ hervor. Kreissprecher Philipp Klitsch widerspricht deutlich: „Die Diskrepanz zum prognostizierten Bevölkerungsrückgang ist sehr groß. Das Hessische Statistische Landesamt geht bis zum Jahr 2030 nur von einem Rückgang von 3,8 Prozent aus.“ 

Für die Studie haben die Wissenschaftler alle 401 Kreise und kreisfreien Städte Deutschlands in 21 Kategorien in Hinblick auf ihre Zukunftschancen verglichen. Der Schwalm-Eder-Kreis landet in der Gesamtplatzierung auf Rang 276 (von 401) – das ist der vierte Platz unter den fünf nordhessischen Landkreisen. In der Vorgängerstudie, die 2011 veröffentlicht wurde, hatte der Kreis mit Platz 345 noch wesentlich schlechter abgeschnitten. 

„Die durchaus positive Entwicklung ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Frauen in der Region mehr Kinder bekommen“, sagt Manuel Slupina vom Berlin-Institut. Der Durchschnitt liege bei 1,56 Kindern pro Frau, vor zehn Jahren waren es noch 1,3. Auch im Bereich Familienfreundlichkeit hat der Kreis zugelegt. „Der Anteil der Kinder in einer Ganztagsbetreuung hat sich etwas verbessert“, sagt Slupina und ergänzt: „Es geht in die richtige Richtung, aber es ist noch Luft nach oben.“ Klitsch merkt an: „Die Studien 2011 und 2017 lassen sich nur schwer vergleichen, weil die Indikatoren für Familienfreundlichkeit andere sind.“ 

Eine Schwachstelle des Kreises sei laut Studie der Bereich Wirtschaft. Hier hat er sich von 3,9 um 0,1 auf 4,0 verschlechtert. „Zur Wirtschaft wird nun auch die Integration von Arbeitskräften ohne deutschen Pass gezählt“, erklärt Slupina. Die Gesamtnote des Schwalm-Eder-Kreises ist eine 3,75.

Berlin-Institut hat Zukunftsausssichten analysiert

Bei der Familienfreundlichkeit gut, sonst durchwachsen: Diesen Eindruck vermittelt die Studie „Die demografische Lage der Nation – Wie zukunftsfähig Deutschlands Regionen sind“.

Chancen für Migranten

Ein großes Defizit (Schulnote 6) hat das Berlin-Institut bei den Arbeitsmarktchancen für Ausländer ausgemacht. Demnach ist die durchschnittliche Arbeitslosenquote von Migranten deutlich höher als die von deutschen Staatsbürgern. „Bei perfekter Integration sollten sich die Quoten nicht unterscheiden“, heißt es in der Studie.

Kreissprecher Philipp Klitsch erklärt auf Nachfrage: „Die Arbeitslosenquote bei Ausländern unterliegt starken Schwankungen, die insbesondere auch durch den Zuzug Geflüchteter beeinflusst wurde.“

Die Gründe seien oft fehlende Sprachkenntnisse, ein geringeres Schulniveau oder auch fehlende berufliche Qualifikation. Auch Vorbehalte auf Arbeitgeberseite seien ein Problem. Nichtsdestotrotz bieten Arbeitsagentur und Jobcenter vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten an, betont Klitsch.

Kommunale Schulden

Negativ auf die Frage, wie zukunftssicher der Landkreis ist, wirken sich den Autoren zufolge auch die kommunalen Schulden aus: „Verschuldete Kommunen müssen an freiwilligen Leistungen sparen, wozu viele Angebote im Jugend-, Sport- und Kulturbereich sowie für die Integration zählen“. Das Berlin-Institut hat für die Studie auf Zahlen vom 30. Juni 2016 zurückgegriffen. Philipp Klitsch hält fest: „Die Entwicklung der Gesamtschulden der Städte und Gemeinden hat sich im Kreisgebiet ab dem Jahr 2015 positiv verbessert.“ Lagen die Verschuldung der Städte und Gemeinde am Ende des Jahres 2015 bei etwa 491 Millionen Euro, so betrage die Gesamtverschuldung am Ende des Jahres 2018 rund 451 Millionen Euro.

Familienfreundlichkeit

Positiv bewertet das Institut die Familienfreundlichkeit im Landkreis, speziell: die besser gewordenen Angebote der Ganztagsbetreuung und den Bestand an familienfreundlichem Wohnraum. Darunter fallen Wohnungen mit drei oder mehr Räumen. „Durch die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt gibt es immer mehr Frauen und Mütter, die berufstätig sind. Da

durch steigt auch der Bedarf in der Ganztagsbetreuung der Kinder. Der Schwalm-Eder-Kreis unterstützt die Städte und Gemeinden, ein entsprechendes Angebot vorzuhalten“, so Klitsch.

Er betont, dass es aktuell eine positive gesamtwirtschaftliche Lage gebe, die Arbeitslosenquote derzeit bei 3,4 Prozent (März 2019) liege und es eine hohe Einstellungsbereitschaft der Betriebe gebe. „Die Familienfreundlichkeit kann sicherlich ein Indikator für den Schwalm-Eder-Kreis sein, um dem demografischen Wandel entgegenzuwirken“, sagt Klitsch.

Die Studie

Der Schwalm-Eder-Kreis steht der Studie eher kritisch gegenüber. „Im Vergleich zur vergangenen Studie, die bereits acht Jahre alt ist, haben sich gleich in mehreren Bereichen die Kriterien verändert. Ein Vergleich ist daher kritisch zu sehen“, so Klitsch. Aus der Sicht des Kreises seien solche stichtagsbezogenen Studien nur wenig aussagekräftig.

Fazit der Studie

Die Landkreise Nordhessens gehören deutschlandweit auf den ersten Blick sicher nicht zu den Gewinnern der Studie und auch hessenweit kommt das Metropolen-Dreieck Wiesbaden, Frankfurt und Darmstadt deutlich besser weg. Dieses Nord-Süd-Gefälle erklären die Autoren der Studie damit, dass Nord- und Mittelhessen in weiten Teilen aus Dörfern und kleinen Städten besteht und hier vielerorts Bevölkerung verloren geht.

Anders als in anderen Regionen sei in Nordhessen aber nicht der Mangel an Arbeitsstellen verantwortlich für die Landflucht vor allem junger Menschen, sondern vorrangig die Abgelegenheit. Das führe dazu, dass in den nord- und mittelhessischen Gebieten mit zum Teil großen Einwohnerverlusten zu rechnen ist.

Die Studie finden Sie unter: www.berlin-institut.org

So Schnitt der Schwalm-Eder-Kreis ab

Das Berlin-Institut hat alle 401 deutschen Landkreise und kreisfreie Städte verglichen und für jeweils 21 Indikatoren, verteilt auf vier Oberkategorien, Schulnoten vergeben. Die Kategorien Demografie und Wirtschaft nehmen jeweils ein Drittel der Gesamtnote ein, die Kategorien Bildung und Familienfreundlichkeit ein Sechstel. Unser Überblick zeigt das Ergebnis für den Schwalm-Eder-Kreis. Die Schulnoten (1 = sehr gut, 6 = ungenügend) finden Sie rechts. 

  • Demografie

3,9

Kinderzahl pro Frau

4

Bevölkerungsanteil der unter 35-Jährigen

4

Durchschnittliche Lebenserwartung

4

Ab- und Zuwanderungssaldo je 1000 Einwohner

4

Bevölkerungsanteil der über 74-Jährigen

4

Bevölkerungsprognose von 2017 bis 2035

4

Trend (Vergleich aktuelle - vorherige Zahlen)

3,6

  • Wirtschaft

4,0

verfügbares Haushaltseinkommen

4

Bruttoinlandsprodukt

4

kommunale Schulden je Einwohner

5

Anteil der sozialversicherungspfl. Beschäftigten

3

Anteil Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger

3

Frauenbeschäftigung

3

Beschäftigungsquote der über 50-Jährigen

4

Übernachtungszahlen im Fremdenverkehr

4

Arbeitsmarktchancen für Ausländer

6

Trend (Vergleich aktuelle - vorherige Zahlen)

3,6

  • Bildung

3,7

Schulabgänger ohne Abschluss

4

Anteil arbeitsloser Jugendlicher

3

Anzahl der Hochqualifizierten

4

  • Familienfreundlichkeit

3,0

Elterngeldbezieher

4

Ganztagsbetreuung

4

Anteil Wohnungen mit drei und mehr Räumen

1

  • Gesamtnote

3,75

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.