Kreisteil Ziegenhain hat überdurchschnittlich viele AfD-Wähler

Sorge über Rechtsruck in der Schwalm

Schwalm. Die AfD ist der große Gewinner der Bundestagswahl – im Schwalm-Eder-Kreis besonders in der Schwalm. Auffällig ist, dass sie in allen Kommunen im Altkreis Ziegenhain über dem Bundesergebnis von 12,6 Prozent liegt. Diesen Rechtsruck sehen viele Menschen in der Schwalm mit Sorge.

Ein Blick auf die Ergebnisse aus den Ortsteilen zeigt sogar, dass die AfD in einigen Orten der Schwalm mehr als doppelt soviele Stimmen erhalten hat wie im Bundesschnitt. Einen Überblick der Ergebnisse der Gemeinden im Schwalm-Eder-Kreis finden Sie hier.

So hat im Gilserberger Ortsteil Sebbeterode gut jeder vierte Wähler sein Häkchen bei der rechtspopulistischen AfD gesetzt, im Neukirchener Ortsteil Asterode und in Schwarzenborn jeder fünfte Wähler. In Schwarzenborn holte der AfD-Direktkandidat Albrecht Glaser mit 19,8 Prozent sein höchstes Ergebnis im Schwalm-Eder-Kreis.

„Das Ergebnis ist erschreckend, aber für diesen Raum nicht sonderlich überraschend“, sagte Hans Gerstmann, Mitarbeiter der Gedenkstätte Trutzhain. Die Schwalm sei historisch gesehen immer wieder anfällig für rechtes Gedankengut gewesen. „Ein Beispiel: Als Österreich 1938 angegliedert werden sollte, was die letzte freie Befragung der Nazis darstellte, stimmten im damaligen Kreis Ziegenhain 96,8 Prozent mit ja“, erläutert Gerstmann.

Auch in Sebbeterode ist dieser Rechtsruck nicht neu. „Bei der ersten Europawahl 1993 stimmten in Sebbeterode ähnlich viele Menschen wie heute für die AfD für die rechten Republikaner“, sagte Dr. Andreas Schaal vom Ortsverein Sebbeterode. „Ich kann mich daran erinnern, dass es damals vor allem die Generation unserer Großväter war, die sich aus Unzufriedenheit gegenüber etablierten Parteien abgesprochen und dann DVU gewählt hat.“ Unter anderem Vorbehalte gegen Neues belegt eine Studie, die sich mit rechten Tendenzen in der Region beschäftigte, den Menschen im Landkreis.

„Das starke Abschneiden der AfD in Schwarzenborn hat uns alle sehr erschrocken. Damit habe ich nicht gerechnet“, sagt Bürgermeister Jürgen Liebermann (SPD). Allerdings habe er in Gesprächen mit vielen Menschen in Vereinen deren Enttäuschung über die etablierten Parteien deutlich herausgehört.

„Ich habe mich mit Menschen unterhalten, die die AfD gewählt haben. Sie alle haben das Gefühl, von den großen Parteien nicht mehr mitgenommen zu werden. Das erklärt auch die starken Verluste für CDU und SPD“, erläutert Liebermann. „Es ist eine Mischung aus Protest und Enttäuschung.“ Viele hätten durchaus deutlich gemacht, dass sie mit extremen Aussagen des rechten Flügels der AfD auch nicht einverstanden seien. Dass die AfD-Wähler nicht alle rechtsextreme Positionen vertreten, mache sich auch daran deutlich, dass viele Schwarzenbörner, die mit Zweitstimme AfD gewählt haben, ihre Erststimme dem SPD-Kandidaten Dr. Edgar Franke gaben.

Ähnlich sieht das auch Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich. Die meisten Stimmen erhielt die AfD dort in Asterode. „Einige Menschen fühlen sich von den etablierten Parteien offenbar nicht mehr angesprochen“, sagte Olbrich gegenüber der HNA. Allerdings sei das Ergebnis auch hier nicht völlig überraschend.

„Mir wurde berichtet, dass es vor allem in Asterode immer schon viele Menschen rechts von der Mitte gab, die auch sehr affin gegenüber der NPD sind“, erläutert Olbrich. „Das sind Strukturen, die offenbar seit Jahrzehnten bestehen.“

Diese Menschen zu verteufeln, sei aber der falsche Weg. „Es gibt einen großen Teil von Menschen, die sich als Verlierer der Globalisierung fühlen, ältere Menschen mit sehr wenig Rente. Die gilt es abzuholen und wir müssen deren Sorgen ernst nehmen“, so Olbrich weiter.

Ebenfalls auffallend stark schnitt die AfD in Ziegenhain ab. In keiner weiteren Stadt im Schwalm-Eder-Kreis haben die Rechtspopulisten so viele Stimmen eingefahren. Eine Erklärung dafür hat ein Ziegenhainer, der auch kommunalpolitisch aktiv ist und seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. „Die AfD hat – ohne diese Personen an den Pranger stellen zu wollen – großen Zuspruch unter Russlanddeutschen. Das hat zu dem hohen Ergebnis in Ziegenhain geführt.“

Auch Dierk Glitzenhirn, Pfarrer und Öffentlichkeitsbeauftragter im Kirchenkreis Ziegenhain, sieht das Ergebnis mit Sorge. „Wenn fast jeder vierte oder fünfte Wähler die AfD gewählt hat, müssen wir uns die Frage stellen, welche Menschen kennen wir eigentlich?“ Zwar sei natürlich nicht jeder AfD-Wähler ein Rechtsextremist, der Rechtsextremismus sei aber in der Partei „gut verankert“, sagt Glitzenhirn.

„Sicher müssen auch wir als Kirche diese Menschen versuchen zurückzugewinnen und abzuholen, allerdings darf man es damit auch nicht übertreiben. Denn eines muss klar sein: Man kann nicht gleichzeitig Christ und Rechtsextremist sein, das schließt sich aus. Das muss man den Menschen genauso deutlich klar machen“.

Rubriklistenbild: © Archivfoto: Grede

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